Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1881)
- Date
- 1881-09-27
- Page
- Seite 643 (sequence 7)
- Language
- German
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sich jetzt mit der Frage der Entschädigung für den durch den Judenkrawall vom letzten Samstag angerichteten Schaden zu beschäftigen. Die Nachforschungen nach verschiedenen Aufhetzern und Agitatoren, die gerade nicht den untersten Ständen angehören sollen, werden cifrigst fortgesetzt. Die Gendarmerie hat unseren Ort gestern wieder verlasien. Aus Hinterpommern, 9. September. In Stolp wurde, wie die „Ztg. f. Hinterp." meldet, vorgestern Morgen der Kaufmann Otto Rühle auf Anordnung der königlichen Staatsanwaltschaft verhaftet. Derselbe soll vor dem Caffel'schen Hause in der Amtsstraße am Sonntag Abend während des Judenkrawalles selbst einen Stein auf das Trottoir geworfen und danach behauptet haben, der Stein sei aus dem Cassel'- schen Hause geworfen worden. (Und dann behaupten die antisemit. Bl, die Juden haben provocirt!) — Dem „Berliner Börs.-Cour." wird mitgetheilt, daß nach einem angeblich in Stolp allgemein verbreiteten Gerücht ein gelegentlich der dortigen Kravalle verhaftetes Individuum bei seiner gerichtlichen Vernehmung ausdrücklich ausgesagt habe, er habe Gelder von einem Berliner antisemitischen Verein erhalten. Stuttgart, 27. Aug. (Privatmitth.) Gestern fand hier die Jahresfeier der „Württembergischen Mission unter Israel" statt. Es wurde auf derselben eingestanden, daß die Anti, semiten die Mission mit scheelen Augen ansähen. Herr Pfarrer Böller that dar, daß „Israel auch in der Verstoßung noch von Gott geliebt werde", sprach über das ausgebreitete Gebetritual der Synagoge und meinte, „ein solches Volk könnte nicht verloren sein". Der Bericht sagte, daß^ in dem Misfionsasyl zu Fellbach 15 Proselyten unterhalten j würden. (Wahrscheinlich würden die Herren manchen von! diesen später in einem jüdischen Asyl wiederfinden können.) Uebrigens leidet die Mission an Defizits. Sie hatte im verflosienen Jahre 4441 Mark Ausgaben, wovon 1662 Mk.! noch nicht gedeckt sind. Auch der englisch-bischöfliche Mifsionär Flad, der in Abeffynien gereist, war da und erzählte von seiner „so gesegneten Mission unter den jüdischen Falaschas, die er erst im letzten Jahre besucht und sie mit Bibel. Confirmationsbüchlein und anderen Württembergischen Schriften wieder von Neuem versehen habe". Wir hätten gern erfahren, was die Falaschas mit den Württembergischen Schriften und Confirmationsbüchern, die doch deutsch geschrieben sind, anfangen sollen? Selbst die hebräische Bibel könnte ihnen nichts nützen, da sie das Hebräische nicht mehr verstehen. Oesterreich-Ungarn. Bou der Donau, 12. Sept. (Privatmitth.) Während der Anwesenheit unseres Königs in Miskolcz wurde mit den Deputationen der verschiedenen Komitate, Städte und Vereine auch die Deputation der Miskolczer israelitischen Gemeinde vom Monarchen huldvoll empfangen. Auf die Ansprache des vr. Jxel, der die Deputation führte, erwiderte der König: „Die Versicherung Ihrer Treue und Anhänglichkeit empfange Ich gern. Die Zufriedenheit aller Klaffen Meiner Völker gleichmäßig wünschend, vertrauen Sie auf Meinen allzeitigen Schutz, welchen Ich um so lieber verspreche, je mehr Ihre Glaubensgenoffen durch Ihre Haltung sich auch fernerhin um dieselbe verdient machen." Heute, wo in Deutschland sie Judenhetzen an der Tagesordnung sind, thut es überaus wohl, aus dem Munde eines Monarchen Ermahnungen zur brüderlichen Eintracht zu vernehmen, wie unser König sie besonders an die Vertreter des Klerus richtete. So sprach er zu der Deputation der Reformirten: „Ich versichere Sie, daß Ich Meine Aufgabe als oberster Schutzherr Ihrer Glaubensgenoffen sters gern erfülle, wie Ich auch von Ihnen erwarte, daß Sie durch Ihren Einfluß nebst der Befestigung der Glaubensmoral bei der Ihrer Fürsorge anvertrauten Be völkerung das gute brüderliche Berhältniß mit den Einwohnern aller Religionen und Nationalitäten, sowie die Achtung des , Gesetzes eifrig zu pflegen und zu erhalten nicht verabsäumen werden." Wenn doch alle deutschen Fürsten und Regenten in diesem Sinne zu ihren Unterthanen sprechen möchten, das brüderliche Berhältniß der Einwohner der verschiedenen , Religionen würde dann nicht gestört werden. — Aus Agram wird vom 9. d. geschrieben: Heute fand die Wiedereinweihung unseres durch das Erdbeben stark beschädigten Tempels in Anwesenheit des Bürgermeisters, der Senatoren, der Generalität, der Domherren und eines zahlreichen gewähtten Publikums statt. Die Festrede hielt Herr Oberrabbiner vr. Jacobi. — — Dem „Függetlenseg" wird folgendes Geschichtchen mitgetheilt: Bor Kurzem erschienen zwei Mitglieder der Berliner Antisemiten. Propaganda, die sich Brüll und Ganglbauer nannten, in den Lokalitäten des Wiener ungarischen Selbstbildungs- und Gesclligkeitsklub und baten um die Unterstützung des Klubs. Diese Unterstützung sollte darin bestehen, daß der Klub seine sämmtlichen jüdischen Mitglieder ausschließen und keine Juden mehr aufnehmen soll. Das Kurioseste an der Geschichte ist, daß die Herren sich gerade an zwei jüdische Mitglieder des Klubs wandten, die natürlich sehr überrascht waren. Als die Apostel dies sahen, glaubten sie, ihren Worten einigen Nachdruck geben zu sollen und | boten dem Klub 200 Mark au. Nun ward ihnen aber die ' Thür gewiesen und ihre Mission war zu Ende. Lemberg, im Sept. Wir haben in Nr. 31 einige amtliche Angaben, die Israeliten Galiziens betreffend, ans dem Lemberger „Israelit" gebracht. Im Folgenden ergänzen wir dieselben aus derselben Quelle. Die Juden Galiziens bilden i bekanntlich einen ansehnlichen und wichtigen Bruchtheil der Gesammteinwohner des Landes, da ihre Zahl sich auf rund