Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1881)
- Date
- 1881-09-27
- Page
- Seite 642 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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(642 daß, wie bei allen solchen Versammlungen, pro Person 10 Pf. Entree bezahlt werden mußte, was immerhin für die Veranstalter eine erkleckliche Summe abwirft. Es waren meist Arbeiter erschienen, und zuerst mußte Ruppel, durch die Versammlung gezwungen, eine Bureauwahl vornehmen lasten, die zum ersten Vorsitzenden einen Knopfmacher August Schulze, zum zweiten einen Cigarrenarbeiter Stahl machte. Nach der Ankündigung wollte Ruppel einen Bortrag über „Sozialdemokratie und Staatssozialismus" halten. Es kostete aber den Vorsitzenden große Mühe, um die Versammlung zu bestimmen, Ruppel anzuhören, der seine Rede ablas. Sie bestand aus einer Reihe von Sätzen, die wenig Sinn und Zusammenhang hatten. Er wurde alle Augenblicke durch Tumult oder durch beißende satyrische Rufe unterbrochen. Einmal hieß es z. B.: „Erzählen Sie das Ihren antisemitischen Hausknechten, aber nicht gereiften Arbeitern!" Unter Anderem äußerte Ruppel: „Prüfen Sie die sozialreformatorischen Pläne des Fürsten Bismarck, und Sie werden — Wer Berlin nach den jetzt tagtäglich stattfindenden Versammlungen beurtheilen wollte, würde eine sehr krause Vorstellung erhalten. Auf der einen Seite sehr zahlreich besuchte fortschrittliche Wahlversammlungen, in denen glänzende Reden für Recht und Freiheit gehalten und mit dem stürmischesten Beifall gekrönt werden, anderseits antisemitische und conservative, in welchen der Liberalismus verdammt, die Juden beschimpft und eine ganze Reihe reaktionärer Maßnahmen aufgestellt werden, nicht minder mit Jubel ausgenommen, wenn diese Leute unter sich sind, aber eben so oft Tummelplatz von Tumult und Prügelei, bei denen die Polizei einschreiten muß. Die Herren Stöcker, Henrici, v. Liebermann arbeiten im Antisemitismus munter weiter, als ob es keinen diesen betreffenden Ministerialerlaß gäbe und trotz diesem ganz ungehindert. Kaiserslautern, 6. Sept. In einer Versammlung hielt hier der altkatholifche Bischof Reinkens am 4. d. einen Bortrag, in welchem er erklärte, daß er hinsichtlich der Juden finden, daß dieselben mit den Vorschlägen Lastalle's übereinj auf dem Standpunkte seines Freundes Döllinger stehe. Es stimmen." Zuletzt mußte er doch aufhören. Hierauf nahm waren auch zwei hiesige protestantische Prediger gegenwärtig, Stahl das Wort. Er sagte u. A.: „Herr Ruppel hat noch welche sich auch in diesem Punkte mit dem Redner übereinobendrein die Dreistigkeit, uns zu sagen, daß er nicht ge^ stimmend erklärten.— Die Worte des Herrn Bischofs lauteten: kommen, um um unsere Summen zu werben. Wenn er das „Ich nehme gern Anlaß hier offen zu bezeugen, daß ich mit der nicht beabsichtigt, dann scheint noch etwas ganz Anderes da-^ Rede meines Freundes Döllinger und mit jedem Worte deffelben hinter zu stecken. (Rufe: Die Groschen! Stürmische Heiter-! einverstanden bin. Ich hatte bereits die Feder in der Hand, keit, Beifall und Lärm.) M. H., ich bin Familienvater und! kann deshalb nicht deutlicher sprechen; Sie werden mich aber verstehen. Ich habe nicht die Groschen, die Herr Ruppel I eingeheimst, im Auge, denn der heutige Abend war — gej stehen wir es offen — einen Groschen werth. (Rufe: bet J reene Theater!) Herrn Ruppel's Spekulation ist eine nochj ganz andere. Herr Ruppel bezichtigte die Fortschrittspartei, daß sie den Arbeitern die politischen Freiheiten vorenthalte: was jedoch Herr Ruppel und seine Partei unter Freiheit versteht, kann ich Ihnen am besten sagen, denn ich bin Jude. (Stürmischer, nicht endenwollender Beifall und Hochrufe auf Stahl.) Trotzdem ich Jude bin, gebe ich weder einem Fortschrittler, noch einem Liberalen, am allerwenigsten aber Herrn Ruppel meine Stimme. (Stürmischer Beifall.) Ich erkläre es frei heraus: Ich wähle den Arbeitercandidaten Hasenclever. (Beifallssturm.)" Zuletzt sprach ein Schuhmachermeister Schuhmann und schloß: „Herr Ruppel ist weder Fortschrittler noch Socialist, sondern einfach ein Schmarotzer, und noch ein Mal ein Schmarotzer." Der Tumult wuchs hier so an, daß der beaufsichtigende Polizei-Offizier die Versammlung für aufgelöst erklärte. — Stöcker rühmt sich, in drei Wahlkreisen zum Reichstage ausgestellt zu sein, im zweiten Berliner, in Frankfurt a. d. Oder und in Dresden-Altstadt. (Aufstellen ist leicht; gewählt zu werden, ist schwerer!) um für die mißhandelten deutschen Brüder das Wort zu ergreifen und wollte deshalb an Döllinger schreiben, als ich die Nachricht von seinem mannhaften Auftreten empfing. Innerlich erfreut, las ich seine Erklärung, und so oft ich daran denke, freue ich mich darüber, denn sie ist ebenso vom Geiste der Wiffenschast durchdrungen, wie vom Geiste der echten religiösen Toleranz, was ganz mein Standpunkt ist." Trarbach, 6. September. Der Bürgermeister veröffentlicht in der „Trarbacher Zeitung" folgende Bekanntmachung: „Es ist zu meinem großen Bedauern zu meiner Kenntniß gebracht worden, daß auch in Enkirch eine Rotte roher Burschen sich ein Vergnügen daraus macht, allabendlich ihre jüdischen Mitbürger zu verhöhnen und selbst in ihren Wohnungen zu insultiren. Ich nehme daraus Veranlaffung, alle gutgesinnten Einwohner Enkirchs aufzufordern, mit allen zu Gebote stehenden Mitteln diesem jeder Gesittung Hohn sprechenden Skandal entgegenzutteten. Die Polizei-Executivbeamten werden angewiesen, jeden, der sich öffentliche Verhöhnung der Juden erlaubt, unnachsichtlich zur Anzeige zu bringen, wonach ich für eine exemplarische Bestrafung Sorge tragen werde. Der Herr Vorsteher wird ersucht, dies durch die Schelle in Enkirch publiciren zu laffen." Slolp, 7. Sept. Wie der „Danziger Ztg." geschrieben wird, sind die erhitzten Gemüther hier durch die «Maßregeln der Berhörden kehr abgekühlt worden. Die Gemeinde hat