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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-09-27 · Heft 39 (27.9.1881) · p. Seite 641

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 39 (27.9.1881)
Date
1881-09-27
Page
Seite 641 (sequence 5)
Language
German
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641 55c i l't vw vvcvc fji/t-c fftew. Deutschland. | Hannover, 13. Sept. Der „Hann. Cour.", der mit höheren Kreisen Verbindungen hat, schreibt: Die öffentliche Discussion ist seiner Zeit verhältnißmästig schnell über den Besuch hinweggegangen, welchen der Kaiser! dem Fürsten Bismarck nach deffen Rückkehr aus Kifsingen > abstattete. Jetzt vernimmt man aus guter Quelle, daß es sich in jener Unterredung u. A. auch um die antisemitische, Bewegung und die Scandalscenen in Hinterpommern gej handelt habe. Das Nähere entzieht sich selbstverständlich der, Kenntniß. Doch wird über den Charakter, welchen die; Unterredung gehabt, kaum Unklarheit herrschen können, wenn: man sie mit der Thatsache zusammenhält, daß die pommerschen Excesse den Kronprinzen veranlaßt haben, von England aus ein Schreiben an seinen kaiserlichen Vater zu richten. Es soll in diesem Briefe namentlich der tiefe Eindruck geschildert worden sein, welchen die erwähnten Vorgänge auf die öffentliche Meinung in England bis hinauf zu den Stufen des Thrones gemacht hätten. Berlin, 15. Sept. Am 13. d. wurde eine Ersatzwahl für einen verstorbenen Stadtverordneten von der ersten Klaffe des 11. Berliner Communalbezirks vollzogen. Ist eine solche Wahl an sich auch von keiner Bedeutung, so giebt sie doch Zeugniß von der vorherrschenden Stimmung. Bon 43 Stimmenden votirten 41 für den liberalen Candidaten Delbrück und — 2 für den antisemitischen Kaufmann Pickenbach, den Candidaten der Conservattven. Und doch hatte das j antisemitische deutsche Tageblatt alle Getreuen dringend auf-! gefordert und den Sieg der Conservattven vorausverkündigt.; — Eine Versammlung der Wahlmänner und Vertrauensmänner der liberalen Partei des Niederbarnimer! Kreises beschloß einstimmig die Wiederwahl des Reichstagsabgeordneten vr. Mendel. Berlin, 13. Sept. (Privatmitth.) Wenn die hiesigen Conservativen mit den hiesigen Antisemiten in Zwiespalt gekommen, so darf uns dies nicht glauben machen, als ob jene mit diesen prinzipiell in Widerspruch ständen. Es ist dies vielmehr reine Personensache. Die Conservativen haben die Antisemiten als Avantgarde vorausgeschickt, um durch das dem Volke einwohnende Boruriheil gegen die Juden anderen Borurtheilen um so leichter den Eingang zu verschaffen. Wer an einer Seite erst der liberalen Gesinnung abfällig geworden, wird es auch bald auf anderen Seiten. Wer das eine Rechtsgefühl verloren, dem mangelt es auch bald in anderen Fragen. Woher hätten sonst auch die Anfangs so geringzähligen Anttsemiten die reichen Mittel zu so ausgedehnten Operationen erhalten, zu denen sie nach und nach herangewachsen? Nun macht aber jetzt jene Avantgarde den Anspruch, an der Beute einen vollen Antheil zu haben; ihre Führer, die Henrici, Förster, Ruppel, von Liebermann wollen auch in den Reichstag gewählt werden, und nicht blos die Kastanien für die Conservattven aus dem Feuer geholt haben. Daher die Spaltung, während sie in den Prinzipien, in den Zielen, die sie sich gesteckt, übereinstimmen. — Seit dem Beginne dieses Jahres erscheint hier die Wochenschrift „Musik-Welt", herausgegeben von Max Goldstein, die sich schnell ein zahlreiches Lesepublikum erworben hat. Der Redacteur gerieth vor Kurzem in eine Polemik mit einem Operndichter Hans Herrig und zwar dadurch, daß ihm der letztere öffentlich confessionelle Berücksichtigungen vorwarf. In einer Erwiderung sprach sich darüber Herr Goldstein folgendermaßen aus: „Was den zweiten Punkt anlangt, so habe ich Herrn i Herrig in der That wegen seiner Verbindung mit dem anti- . semitischen „Deutschen Tageblatt", aus der Reihe der „Mufik- Welt "-Mitarbeiter gestrichen. Aber nicht „weil es mir > weniger auf den ästhetischen als auf den confessionellen Standpunkt unserer Mitarbeiter ankommt", sondern weil es , mir vor Allem auf die Aufrichtigkeit der Gesinnung unserer Mitarbeiter ankommt. > So lange ich Herrn Herrig von Aufrichttgkeit erfüllt! glaubte, habe ich ihm bezüglich seiner Beittäge für die „Musik-Welt", wie er in seinem Attikel selber gesteht, „nie ein Hinderniß bereitet". Als er aber, nachdem er seine Feder im Dienste ganz anderer, entschieden anderer Blätter geführt, jene Verbindung einging, habe ich geglaubt, an der Aufrichttgkeit feiner Gesinnung zweifeln zu müssen und folglich seinen literaischen Aeußerungen keinen Werth mehr beilegen zu dürfen. Diese meine Ansicht fand ich Gelegenheit, Herrn Herrig, natürlich in der schonendsten Art, mündlich anzudeuten. Jetzt zwingt er mich, sie zu veröffentlichen. Daß die neue Bundesgenoffenschast des Herrn Herrig seinen Gesinnungsadel durchaus nicht vergrößert haben kann, ist übrigens, zu meinem innigen Bedauern, aus dem niedrigen und hetzerischen Tone feiner Beschwerdeschrift deutlich genug zu erkennen." — Wir erwähnen dieses, weil in gegenwättiger Zeit jeder Beweis ehrenhafter Charakterfestigkeit zur Anerkennung und Nachahmung empfohlen werden muß. — Sobald die Antisemiten aus dem engeren Kreise tteten, den sie sich durch ihre eifrige und gewissenlose Agitation geschaffen, erweist ihnen das Volk, daß es nichts mit ihnen gemein habe. Dies erfuhr auch Ruppel am 10. d. Abends, als er eine Versammlung „aller antifortschrittlichen Wähler des 6. Wahlkreises" veranstaltet hatte, in welcher ungefähr 1000 Personen erschienen. Es versteht sich,

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