Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1881)
- Date
- 1881-09-27
- Page
- Seite 639 (sequence 3)
- Language
- German
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63S Lehre und Leben sollten nach dem Gebote des Mosaismus 1 und der Propheten in der Gesellschaft wie in den Einzelnen identisch sein, und die That sollte stets die Lehre decken. Darum wurde die der Erkenntniß (ryn) und dem innigsten Gemüthsleben btt n:rr.i 5 Mos. 4, 3i>) zugleich übergebene Lehre dem Gesetze, dieser Lehre der That, verbunden. Und so hatte Israel immerfort seine Glaubenstreue im weiteren und im engeren Sinne durch die That, die sein Leben ausfüllte, zu erweisen. Dies vollbrachte es. Denn selbst, als das Gesetz zu einer festen Lebensnorm für alles Thun nnd Lasten in sonst nie dagewesener Verdichtung und Ausdehnung gestreckt worden, hielt es über ein Jahrtausend daran fest. Alles unterordnend dem Gefühle der Gottesfurcht^ dem Gehorsam gegen den göttlichen Willen, den cs im Gesetze ausgesprochen glaubte. Wohl, auch wir haben das Erbe unserer Väter äugetreten. So haben auch wir „zu hören und zu thun!" Wir haben diese unsere Aufgabe zu lösen in einer ganz anders gearteten Zeit, in einer Zeit der freieren Bewegung des Geistes wie des Lebens, in einer Zeit, wo wir nicht blos innerhalb der Völker, sondern mit den Völkern leben, wo ihre und unsere geistigen und materiellen Jnteresten, ihre und unsere Pflichten, Rechte und Bedürfniste dieselben geworden, wo wir berufen und verbunden sind, mitzustreben und mitzuwirken. Schon unsere Väter waren, als sie aus ihrem Lande entfernt und durch die Welt zerstreut worden, genöthigt, große Theile des Gesetzes aufzugeben. Der Lpferkultus, und mit ihm das Priester- und Levitenthum und ein großer Theil der Rcinigkeitsgesetze waren verloren, die Aggrargesetze konnten nicht mehr ausgeführt werden, das Criminalrecht und später auch das Civilrecht ward ihnen genommen. Alles, was im Gesetze die politischen und sozialen Berhältniste betraf, bestand nur noch in der Theorie. Das waren etwa keine Aeußerlichkeiten, im Mosaismus war Alles zugleich Religion, und ganz besonders die Ausübung des Rechtes, das „Gottes ist", in allen Theilen des Lebens waren die Prinzipien der Gotteserkenntniß, der Nächstenliebe, der Freiheit und des Rechtes verwirklicht. Auch in unserer Zeit, bei der großen Veränderung in allen unseren Verhältnisten lasten die Bedürfnisse und Pflichten des Lebens keinen Raum für andere Theile des überkommenen, namentlich des traditionellen Gesetzes, und die Richtung der Geister verlangt ein freieres Walten des Gewissens aus der Erkenntniß des inneren Wertstes aller unserer Handlungen. Aber gerade darum müssen wir uns uni so fester an die reine Lehre des einig-einzigen Gottes schließen, um so beharrlicher und opferwilliger unsere Gotteslehre festhalten und bekennen, um so tiefer in die vom Mosaismus nnd der Prophetie getragenen Prinzipien eindringen, nnd sie dn'ch den lautersten, sittlichen Wandel, durch ein treues Streben und Wirken bethätigen und nach der sittlichen Höhe ringen, die sie im Gesetze uns erreichbar machen wollten. Unser Heiligthum sah anders aus am Fuße des Sinai und auf dem Gipfel des Morijah, anders im Ghetto, und anders sieht es jetzt in dem, dem allgemeinen Kulturleben einverleibten Israel aus. Aber jedes dieser Heiligthümer war doch im Geiste auf den Boden und nach den Umrissen des vorhergegangenen gegründet und aufgeführt und der innere Zusammenhang, die Kontinuität mit dem früheren Heiligthum erhalten. Dies muß auch unsere Richtschnur sein, und es ist ein Theil der That, zu der wir aufgefordert sind, das Band nicht zu zerschneiden, das uns geistig an unsere große Vergangenheit knüpft und die Entwickelung an der Hand unserer Geschichte weiter zu führen. Darum müssen wir „hören und thun". „Hören", d. i. uns in der Lehre und Geschichte unserer Religion unterrichten, uns mit ihr vertraut machen, unser durch die Jahrtausende überliefertes und durch sie um so mehr geheiligtes Schristthum kennen lernen und in ihm forschen. Dann wird unser „Thun" sich um so enger an deren ewige Lehren und Vorschriften schließen und uns > das Verlangen beherrschen, sie auch in unserem Leben nach außen und innen, in der bürgerlichen Welt, in der Familie und in unserem eigenen Wesen durch die That zu verwirklichen! Mögen die bevorstehenden Feste uns hierin bestärken, hierzu beseelen, uns hierfür Vorsatz und Thatkraft verleihen! Wien, im September. vom Religionsunterrichte. Die letzten Jahre haben uns Juden Sorgen und Nummer gebracht, die wir nicht mehr für möglich gehalten haben. Wer hätte es glauben können und wollen, daß in Deutschland eine Judenhetze entstehen werde, wie sie nun seit drei Jahren thalsächlich vorhanden ist? Während wir gehofft hatten, uns ungestört den Arbeiten des Friedens widmen zu können, müssen wir nun wieder kampfgerüstet dastehen. Trotz der schweren Sorgen jedoch, die auf uns lasten, beschäftigen! uns innere Fragen, die nicht minder unsere volle Aufmerksamkeit erheischen. Eine derselben ist ~ö” | in welcher Weise ist der jüdische Religionsunterricht srucht-! bringend zu gestalten? Diese Frage steht heute anders, wie j sie etwa vor 40 und 50 Jahren gestanden ist. Damals war j das ganze Leben des Juden von religiösen Uebungen durch-; tränkt, hingegen fehlte zumeist das Verständniß und ging die j®emttnii} der jüdischen Geschichte vollständig ab. Man feierte j beispielsweise das Chanukascst, weil zu jener Zeit das Wunder! mit dem Oelkrüglein sich erreignet haben soll: von der Ge- ' schichte der hcloeunuithigen Kämpfe der Maccabäer wußte man jedoch nichts Man übte alle möglichen Ceremonien, hatte