Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 39 (27.9.1881)
- Date
- 1881-09-27
- Page
- Seite 638 (sequence 2)
- Language
- German
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638 du mit uns und wir wollen hören." (2. Mos. 20, 19.) Als ihm Moses das spezielle Gesetz (Kap. 21—23) verkündet hatte, da sprach das ganze Volk einstimmig: „Alle Worte, welche der Ewige geredet, wollen wir thun." (2 Mos. 21, 3.) Hierauf schrie- Moses alle die Worte des Herrn in „das Buch des Bundes und las es vor den Ohren des Volkes und sie sprachen: Alles was der Ewige geredet, V-:;-" wollen wir thun und gehorchen." (das. V. 7.) In der großen, das Gesetz wiederholenden und einschärfenden Rede, die uns im ö. Buche Mosis aufbewahrt worden, berichtet Moses auch hierüber und das Volk spricht: „Rede zu uns Alles, was der Ewige unser Gott reden wird zu dir, und wir werden es hören und thun." (.">. Mos. 5, 24.) Es war dies ein großes und schweres Gclöbniß, welches das Volk für sich und all' seine Geschlechter that und auf sich nahm. Das Herz des Menschen ist wandelbar, sein Geist hält die Gedanken nicht fest und nicht die Vorsätze, die er gefaßt. Das wird auch alsbald (B. 26) ausgesprochen: „Wer gäbe, daß ihr Herz also sei in ihnen, mich zu fürchten und alle meine Gebote zu wahren, alle Zeit!" Und nun erst im Wandel der Geschlechter, über welche die Stürme der Zeiten dahinbrausen, umkehren und zerstören, während schon in friedlichen Zeiten immerfort Neues aufschicßt und das Alte zu verdrängen und sich über die ganze Flur auszubreiten strebt! Um so mehr drängt sich die Frage auf: hat Israel sein Wort gehalten, sein Gelöbniß erfüllt? Wohlan, wir antworten in fester Ueberzeugung: Ja, es hat es treulich ausgeführt! Fünfzehn Jahrhunderte hat es sich und seine Gotteslehre im eigenen Lande vertheidigt. gegen die gesammte heidnische Welt, die es umgab, siegend oder besiegt, hat cs nicht von ihr gelosten. Dann lebte es, jetzt 18 Jahrhunderte zerstreut durch alle Länder der Erde, und auch hier im harten Dulderkampfe vertheidigte es seine Gotteslehre und sein Gesetz, trotz dem Widerstreite einer ganzen Welt. Zwei und eine halbe Million ungefähr stark stand Israel am Fuße des Horeb, vernahm die Worte: „Ich bin der Ewige, du sollst keine anderen Götter haben", und gelobte, daran festzuhalten für alle Zeiten, und heute noch giebt es 5 bis 6 Millionen treuer Bekenner dieser Glaubenslehre. Der Beweis ist geführt, die Thatsache steht fest. — Allerdings konnte eine so lange Bahn nicht ohne Abwcichen und Schwanken zumit ihren schonungslosen Mahn- und Strafreden, mit ihrer hinreißenden Gottes- und Menschenliebe, mit ihrem Ruf nach Gerechtigkeit und Barmherzigkeit hielten immer wieder die Volksseele wach und die Getreuen um die Standarte des einzigen Gottes geschaart. Gingen doch zehn Stämme verloren, von denen sich wohl nur die Reste im Exil mit den Judäern verschmolzen. Brachten doch Schwert, Scheiterhaufen, Verbannung und Verlockung bald größere, bald kleinere Schaaren, bald Einzelne zum Abfall, und die Geistesrichtung der Zeiten gosten auch in jüdische Herzen Gleichgültigkeit, selbst Unglauben. Aber dies Alles vermag doch nicht das Resultat, das große geschichtliche Ergebniß zu schwächen, daß Israel sich durch alle diese Kämpfe hindurch gerungen, und noch heute an der Lehre Mosis festhält, noch heute das Gelöbniß der Väter am Sinai erfüllt. — Auch das geben wir zu, daß das Gesetz Mosis und seine Lehre nicht immer in ihrer ganzen Reinheit zur Geltung kamen, daß sie von Zeit zu Zeit mit Elementen aus den Anschauungen und Sitten anderer Völker versetzt wurden, daß bald von Außen, wie z. B. die griechische Philosophie hineingetragen, bald von innen ein mystischer Nebel wie in der Kabbala darum gebreitet wurde, auch daß eine zu ängstliche Gewistenhaftigkeit und kasuistischer Scharstinn aus dem Gesetze Mosis ein unabsehbares, das Leben und jede freie Bewegung fesselndes Gesetzeswerk machten. Aber wer tiefer schaut, erkennt wohl, daß alles Dies uothwendiges Mittel zur Erhaltung des Ganzen war, da der Mensch, namentlich die Maste, an den bloßen Prinzipien nicht genug hat und wiederum tiefer angelegte Geister in der Sehnsucht nach weiterer Erkcnntniß sich gern in ein Reich des Geheimnistes und der biloerreichen Phantasie versenken. Aber es kam immer wieder die Zeit, wo sich der echte Geist des Mosaismus und der Prophetie freimachte von dem, was die Zeiten als Hülle, als schützende Bekleidung darum gelegt hatten, wo nach dem Lichte der reinen Gotteserkenntniß und der aufrichtigen Menschenliebe in ernstem Ringen gestrebt ward. So haben wir eine große geschichtliche Entwickelung hinter uns liegen, in welcher Israel ohne Selbverblendung, trotz Schwächen und Irrungen sagen konnte: „Wir hören und thun!" Wenn unsere Väter, als sie vernommen hatten, was Moses in göttlichem Aufträge zu ihnen gesprochen, ausrückgelegt werden. War doch gerade das erste Jahrtausend riefen: „Wir wollen hören und thun!" so liegt darin zunach innen der schwerste Kamps zu führen, der Kamps mit! gleich ein besonderes Merkmal unserer Religion, das auch sich selbst, der Widerstand gegen das immer wieder einbrechende hinlänglich erkannt worden ist, nämlich daß sie nickt blos und verlockende Heidenthum; Fürsten und Bolksmaste, jene! eine Religion des Wortes, ein Dienst des Wortes, sondern ans Herrschsucht und Ueppigkeit, diese aus entarteter Sitte eine Religion der That ist. Es soll eben nicht blos gesagt und dem Haschen nach den Lüsten, welchen die heidnischen und gelehrt, gedacht und empfunden werden, sondern auch .Vnlte sröhnten, gaben allzu häufig nach; die Schaar der Gottg rreuen war einige Male klein, und nnr die Männer im l.neuen Prophetengewande mit ihrer gottbegeisterten Sprache, gethan. „Nicht die Erklärung ist die Hauptsache", war der Wahrspruch eines späteren Weisen, „sondern das Thun." Die Lehre sollte bekannt, das Gesetz vollbracht werden.