Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1881)
- Date
- 1881-09-20
- Page
- Seite 632 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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632 Zwang anzulegen. Das bei einem solchen Werke hie und da eine kleine Auslassung stattfindet, ist nicht zu vermeiden, so z. B. bei Jakob Fischer dessen nor&o (Preßb. 187 6.) — „Das jüdische Familien-Buch" von W. Ehrentheil, 160 „Lebensuud Charakterbilder" aus der jüdischen Geschichte enthaltend, nimmt einen guten Fortgang und liegt uns bereits das II. Heft des H. Bandes (Budapest 1881) vor. Biographien greifen mehr oder weniger in die Geschichte der betr. Zeit ein, und wecken so Vorstellungen und Interesse für die Geschichte selbst. Freilich ist es an dem vorliegenden Werke schade, daß weder Chronologie noch Rubrizirung dnrchgeführt ist, wenn auch hie und da Aerzte, Astronomen u. s. w. zusammengestellt sind. Es erscheint daher Alles ziemlich durcheinander gewürfelt. Man springt von Kalonymos zu Flavius Josephus und von diesem zu Abraham Jbn-Daud über. Der Verfasser müßte wenigstens ein chronologisches Register hinzufügen. — Die überaus thätige A. Hartleben'sche Verlagsbuchhandlung giebt jetzt eine illustrirte Geschichte der Buchdruckerkunst von Karl Faulmann heraus, die auch uns in manchen Punkten interessiren wird. Herr Gurland in Petersburg fährt fort, seinen jüdischen Jahreskalender in russischer Sprache herauszugeben. Für das Jahr 5642 ist er als fünfter Jahrgang bereits erschienen. Bon deutschen Kalendern ist uns bis jetzt nur der „Illustrirte jüdische Familien-Kalender" von Julius Meyer (Halberstadt H. Meyer) zugekommen. Derselbe ist sehr gut ausgestattet; die Illustrationen lassen viel zu wünschen übrig. Neben vielen nützlichen Beilagen bringt der Jahrgang eine Erzählung von S. Kohn und eine Lebensbeschreibung des sel. Z. Frankel von Rahm er. Bonn, 12. September. Neben der speziellen Erforschung der Geschichte der Völker und Zeiten hat, besonders seit Herder, die Betrachtung des allgemeinen Ganges des Menschengeschlechtes und der sich hier offenbarenden Gesetze Raum gewonnen und sehr bedeutende Kräfte haben sich diesem interessanten Gegenstände zugewandt. Die Philosophie der Geschichte ist selbstverständlich von der Philosophie selbst und den in ihr herrschenden Systemen abhängig, da die Anschauung von der Menschennatur überhaupt aus die Ansichten von den geschichtlichen Erscheinungen, ihrem Wesen, ihren Zielen und Resultaten von großem Einfluß ist. Jndeß läßt sich auch hier eine populäre Behandlung mit Erfolg produziren, die, absehend von philosophischen Begriffen und dogmatischen Axiomen, das zum Bewußtsein zu bringen sucht, was sich an und aus den geschichtlichen Erscheinungen im Allgemeinen folgern läßt. Eine solche Arbeit liegt uns in der Schrift vor: „Les lois de l’histoire par Louis Benloew, ancien doyen de la faculte des lettres de Dijon. Paris, Germer Bailiiere et Co.“ Von vornherein kann man wohl behaupten, daß für die unparteiische Geschichtsschreibung, besonders der allgemeinen Geschichte der Menschheit der jüdische Gelehrte und Denker vorzugsweise geeignet ist. Denn, sobald er mit dem Schicksal seines eigenen Stammes sich nicht beschäftigt, und dieses Schicksal war ja unter allen Böllern dasselbe, er sich am leichtesten von allen Borurtheilen und aller Vorliebe in nationaler, sozialer und religiöser Beziehung ftei zu erhalten vermag. Dennoch haben wir unseres Wissens aus jüdischer Feder nur zwei Schriften, die den vorliegenden Gegenstand behandeln: unsere Vorlesungen „ Ueber die Resultate in der Weltgeschichte" (Leipzig, Baumgärtner 1860) und das Werk des Herrn Benloew. Der Letztere stimmt mit unseren Ansichten darin überein, daß er das Gesetz der Entwickelung als das Grundgesetz der menschlichen Natur und folglich des ganzen Menschengeschlechtes betrachtet, was natürlich das Gesetz der Reaktion zugleich enthält, da das bestehende dem werdenden Widerstand leistet und von Zeit zu Zeit über das letztere einen momentanen Sieg wieder erringt. Abweichend sind wir aber in der Auffassung und Darstellung dieser Entwickelung. Wir fanden sie gegeben in der Gesammtverbindung des Menschengeschlechts, darum in Handel und Industrie, in der politischen Verbindung der Staaten und Völker, in der Entwickelung des Verfassungslebens, in der sittlichen und sozialen Entwickelung, in Kunst und Wissenschaft, Geschichte, Philosophie, Religion, also in den großen Institutionen der Völker und Zeiten und den daraus hervorgegangenen Produkten. Anders Herr Benloew. Er stellt sich bestürmte Begriffe auf und läßt nun die Völker und Zeiten von einem Begriff zum andern sich entwickeln, zuerst das Ideal des Schönen, dann das Ideal des Guten, zuletzt das Ideal des Wahren. Das Ideal des Schönen beruht ihm in den Griechen, Rom bietet ihm den Uebergang vom Schönen zum Guten; das Ideal des Guten wird ihm vom Judenthum und Christenthum gegeben, den Uebergang von diesem zum Wahren bilden die Renaissance, den Absolutismus und die französische Revolution. Den Kampf um das Ideal des Wahren läßt er die Gegenwart bestehen. Nach solchem Schema die allgemeine Geschichte zu behandeln, führt zu großen Jnconvenienzen und verwirrt das Bild, das man von der Entwickelung des Menschengeschlechts zu entwerfen hat. In der Menschennatur find stets und von Beginn an alle Elemente vorhanden, und wenn auch in dieser und jener Nation ein bestimmtes Element vorherrscht, so sind doch in ihr nicht minder auch die anderen Tendenzen thätig. Wer will den Griechen das Streben nach dem Guten und Wahreu absprechen, ihnen, die so große Philosophen und Sittenlehrer hervorgebracht, auf welche sich ganze Perioden der folgenden Zeiten stützten, und die noch heute die Grundlage j aller wissenschaftlichen Arbeit bilden? War doch das Ideal , ber Griechen nicht das xaXov, sondern zo xctXovx äycc&ov, > nicht das Schöne, sondern das Schöne — Gute. Wer will ' ferner das Judenthum und Christenthum auf das sittlich Gute