Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1881)
- Date
- 1881-09-20
- Page
- Seite 630 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Vertrauensmänner der liberalen Partei haben heute mit allen gegen eine Stimme beschlossen, für die Wiederwahl unseres bisherigen Vertreters des zweiten Meininger Wahlkreises, Herrn vr. Lasker zu Berlin, mit allen Kräften zu wirken und in diesem Sinne die Wahlbewegung zu organifiren. Herr vr. Lasker, welcher nunmehr seit vierzehn Jahren den Wahlkreis vertritt und seitdem Zeit und Arbeitskraft dem politischen Leben gewidmet und geopfert, hat sich als ein durchaus ehrenwerther und fester Charakter bewährt, er ist in froher Begeisterung für die Wiedergeburt des deutschen Reiches als eines der hervorragendsten Mitglieder der liberalen Parteien und Vorkämpfer für die liberale Sache mit der Kraft seines Geistes und der Fülle seines Wissens in echt deutscher mannhafter Weise für die Rechte des Volkes eingetreten. Die seither von vr. Lasker entwickelte Thätigkeit bürgt dafür, daß derselbe die socialpolittschen Reformen, welche jetzt die Regierungenbeschäftigen, vorurtheilslos und gewisienhaft prüfen und die Jnteresien des gesammten deutschen Volkes zu wahren wißen wird. Wie bisher wird derselbe auch ferner bestrebt sein, neue Belastungen des Volkes zu verhindern, insbesondere neue Steuern nur dann zu verwilligen, wenn eine entsprechende EnÜastung andererseits gewahrt bleibt. Es ergeht deshalb an die Wähler des zweiten Meininger Wahlkreises die Aufforderung, treu zu der liberalen Sache zu stehen und ihre Stimmen nur auf die eine Candidatur, Herrn vr. Lasker, zu vereinigen." O esterrci ch-Ungarn. Wien, 6. Sept. (Privatmitth.) Wie man weiß, gährt es bei uns in Oesterreich auf politischem Gebiete und befindet sich die Berfaffungspartei in Opposition zu dem jetzigen Ministerium, respectiv zu dem Ministerpräsidenten Grafen Taaffe. Es ist hier nicht der Ort, zu erörtern, ob es in der Absicht des Grafen Taaffe liegt, eine Berfaffungsrevidirung vorzunehmen, wie solche ihm von seinen Gegnern imputirt und von seinen Anhängern bestritten wird. So viel jedoch glaube ich behaupten zu dürfen, daß es ihm nicht im entferntesten einfällt, auf allgemein kirchlichem oder auf speciell jüdischem Gebiete irgend eine Veränderung vorzunehmen, und würde er jede derarttge Zumuthung auf das Enffchiedenste zurückweisen. Es mag übrigens auch hervorgehoben werden, daß Fürst Metternich, ein hervorragendes Mitglied der conservattven Partei des Herrenhauses, in einer Conferenz sich auf das Entschiedenste gegen jede Beschränkung auf religiösem Gebiete ausgesprochen hat. — Hieran möchte ich noch eine Bemerkung knüpfen: Wie man weiß, giebt es jüdische Journalisten, von diesen stehen einige in Opposition zum Ministerium Taaffe. Anhänger des Ministeriums machen es ihnen zum Borwurfe, daß sie, diese Journalisten, als Juden, einen Minister bekämpfen, der für die Rechte ihrer Glaubensgenossen einsteht, und nie und nimmer eine Antisemitenhetze, wie sie in Deutschland seit Jahren blüht, dulden wird. Hierauf wollen wir bemerken, was übrigens für diejenigen, die die Verhältnisse kennen, bekannt ist, daß jene jüdischen Schriftsteller, welche sich in Opposition befinden, diese Oppositton nicht als Juden, sondern als Oesterreicher machen. Sie sprechen im Namen der politischen Partei, der sie angehören und für dieselbe; nicht aber als Bekenner dieser oder jener Religion. Wie absurd (ich habe keinen milderen Ausdruck dafür) dieser Borwurf ist, mag aus folgendem hervorgehen. Wir haben seit Schmerling, dem Vater der Verfassung, mehrere Ministerien gehabt, welche den verschiedensten Richtungen auf dem Gebiete des öffentlichen Staatslebens angehörten, keiner derselben jedoch hat die Gleichberechtigung der Juden geschmälert. Hätten die jüdischen Journalisten sammt und sonders alle diese Ministerien unterstützen und heute centralistisch und morgen förderalistisch u. s. w. sein sollen? Wie sehr würde man dann, und zwar mit vollem Rechte, über die Gesinnungslosigkeit und Wetterwendigkeit, über die Käuflichkeit rc. der jüdischen Journalisten klagen? Frankreich. Paris, 4. Sept. Der „Univ. isr." beklagt es, daß Paris d. h. die Pariser Israeliten an der Sammlung zur Unterstützung der russischen Juden sich in so geringem Maße betheiligt hätten, wie viele mittlere Gemeinden es bei Weitem mehr gethan. An einer andern Stelle bemerkt er, daß es ganz gleichgülttg sei, wie viele Juden in die Deputirtenkammer gewählt worden. Denn bis jetzt hätten die jüdischen Deputitten bei allen Gelegenheiten, wo in der Kammer das Judenthum berühtt wurde oder es sich um dessen Interessen handelte, stets geschwiegen. Man sei also höchstens prinzipiell an solcher Wahl betheiligt; aber diejenigen irrten, welche darin eine Bürgschaft für den Schutz des Judenthums und seiner Rechte voraussetzen. Allerdings sind Politik und Religion verschiedene Dinge, und dürfen nicht mit einander vermengt werden, da sie sonst beide Schaden erleiden. Aber wo es sich um die polittsche Stellung der Confessionen in einem Staate handelt, der den Confessionen noch eine politische Stellung zutheilt, kann es mit Recht von einem Deputtrten gefordert werden, sich seiner Confesfion zu erinnern und sie zu vertheidigen. Hierin liegt auch ein allgemeines Interesse. Im englischen Parlamente haben wir es ganz anders gesehen. Ein Salomons, Simon, de Worms, Goldschmid standen nie an, die Klagen der Juden vor das Parlament zu bringen und die Regierung zu interpelliren. Wo ist dies anders wo auch geschehen? Rußland. Warschau, 7. September. Meldung der „Politischen Korespondenz": 554 jüdischen Arbeitern der Kiewer Tabak-