Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 38 (20.9.1881)
- Date
- 1881-09-20
- Page
- Seite 629 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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629 Ammer häufiger und lauter hörte man Rufe ertönen. Mötzlich krachten die ersten Hiebe gegen die Jalousien eines Ladens an der Südostseite des Marktes. Wenige Augenblicke darauf erschien das Militär vor dem Rathhause mit blanker Waffe. Als nach dreimal wiederholter Aufforderung seitens des Oberstlieutenant v. Krause die Menge nicht weichen wollte, ging das Militär scharf vor. Mehrfach wurden Verwundungen zugefügt und Verhaftungen vorgenommen. Demnächst besetzten die Maffen die Nebenstraßen, wurden jedoch immer vom Militär zurückgedrängt. Bor dem Destillations- und Schank- Lokal von Nathan Blau in der Langenstraße war schon vordem ein Auflauf gewesen. Auch dort ging es nicht ohne Blutvergießen ab, weil, trotz wiederholter Aufforderung der Platz nicht geräumt wurde, scharf eingehauen wurde. 11. A. ist eine Frau nicht unbedeutend verletzt worden, während nun aber die Husaren patrvullirend eine Straße durchzogen, wurde in den anderen Straßen getobt. Bei Winterseldt Söhne, Hermann Gollop, Kürschner Herbst, Rosalie Aaron wurden von den Antisemiten Angriffe versucht. Am meisten aber hatte der Destillateur Nathan Blau in der Langen Straße zu leiden. Fast eine halbe Stunde lang hatten hier die sonstigen Kunden von Blau, Maurer und Arbeiter, ein förmliches Bombardement ausgeübt. Mehr als faustgroße Steine flogen in das Schaufenster, in die Ladenthür, in die Fenster des zweiten und dritten Stockes sogar. Die Flaschen, welche im Schaufenster standen, wurden vollständig zertrümmert. Ebenso ist auch das große Schaufenster des Moritz Cohn'schen Eigarrenladens an der Schmiedebrücke zertrümmert. Als bei Nathan Blau Husaren und Gensdarmerie erschienen, versammelten sich die Tumultuanten in einer angrenzenden Nebenstraße. Als die bewaffnete Macht auch hier vordrang, wurde sie mit Steinwürfen empfangen, sogar ein großer Lastwagen wurde als Barrikade quer über die Straße gestellt, wodurch das Weitervordringen verhindert wurde. Die Front des Nathan Blau'schen Hauses ist fürchterlich zugerichtet. Der stellvertretende Landrath, Herr Kreis-Deputirtcr v. Bandcmer war hier erschienen und persönlich auf dem Markte anwesend. Herr Bürgermeister Stößell begab sich wiederholt durch die gefährdetsten Straßen und versuchte die Leute zum Nachhausegehen zu veranlassen. Im Ganzen sind gegen 30 Personen verhaftet worden und ca. zehn Verwundungen, theils leichterer, theils schwererer Art mögen vorgekommen sein. Heute (Sonntag) find an sämmtlichen Straßenecken die Paragraphen des Strafgesetzbuchs, welche auf Aufruhr Bezug haben, angeschlagen, ebenso ist angeordnet, daß um 6 Uhr sämmtliche Läden geschloffen werden sollen, sowie daß nach 8 Uhr Niemand mehr auf der Straße erscheinen darf und die Hausthüren geschloffen zu halten sind. Siolp, 5. September. (Danz. Z.) Im Lause des gestrigen Tages fand schon die gerichtliche Vernehmung der am Abend vorher Verhafteten statt-, ein Dritttheil davon wurde wieder aus der Haft entlassen, während die übrigen Zweidrittel einbehalten wurden. Gestern waren per Telegraph die Gensdarmerie des Kreises, zu Fuß und zu Pferde, hierher befohlen worden. Polizei und Gensdarmen hielten den Markt und die angrenzenden Straßen besetzt. Die Menge sammelte sich nicht so zahreich und nicht in so großen Haufen an, wie Sonnabend Abend. Jedoch kam es nicht wieder zu größeren Exceffen. Der Krieger-Verein und ein Theil der Schützengilde hatten sich für alle Fälle vor dem Rathhaus postirt. Gestern wurden noch mehrfach Verhaftungen vorgenommen. Hamburg, 9. Sept. (Privatmitth.) Am gestrigen Tage fand die feierliche Enthüllung der Lessing-Statue statt. Die Festrede wurde gehalten vom Bürgermeister Dr. Kirchenpauer als Präses des Comite's und vom Pastor Spörri. Es ist charakteristisch für die Stadt Hamburg, daß das Comitck 1877 zusammen trat und nach 4 Jahren steht das schöne Denkmal vollendet da. Es ist ein Werk des Herrn Fr. Sch aper in Berlin und, und höchst gelungen. Sitzend hat ihn der Künstler dargestellt. Lesfing, der rastlos Bewegliche, der Alles Bewegende, Lessing sitzend! aber dieses Sitzen ist kein Ruhen. Es ist Bewegung, überall Bewegung in den kräftigen Zügen des Antlitzes, Bewegung in der Haltung. Es ist als werde im nächsten Augenbick die Gestalt sich erheben, als wolle der Geist der einst in diesem Körper war, sich neu beleben. Er blickt, des Sieges bewußt, auf uns herab. Er hat redlich gesucht und geforscht nach dem Wahren, nach dem Schönen; er will verkünden was er fand, er will die Wahrheit uns enthüllen und die Hülle falle! Nach diesen Worten fiel die Hülle und das Denkmal zeigte sich den Blicken der versammelten Menge. In der linken Hand ein Buch gefaßt, während die Rechte aufgestützt ist, scheint die männlich kräftige Gestalt des Dichter-Heros im Begriff, aufzuspringen vom Sessel, hingerisien durch die Wucht und Macht der Gedanken, die ihn erfüllen und die es ihn dringt, zu verkünden. Diese überaus lebendige Bewegung der Figur, die der Künstler so meisterhaft zu ungesucht wahrem Ausdruck zu bringen wußte, wiederlegt die Bedenken, die so vielfach gegen den „sitzenden Lessing" auftauchten, vollkommen. Bremen, 7. September. (Privatmitth.) Die hiesigen „Brem. Nachr." geben einen ausführlichen Bericht über die herrliche „Sedanfeier in der Synagoge" und einen Auszug aus der begeisternden Festrede des Pred. Levinger, welche alle Zuhörer, deren ein großer Theil den christlichen Consessionen angehörte, hinriß. Der deutsch-nationale Geist sprach sich hier in ächtester und ungekünstelter Weise aus. Meiningen, 9. August. Die Vertrauensmänner des zweiten Meiningen'schen Wahlbezirks haben folgende Erklärung abgegeben und zwar mit allen Stimmen gegen eine: „Die 38