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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-09-20 · Heft 38 (20.9.1881) · p. Seite 626

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 38 (20.9.1881)
Date
1881-09-20
Page
Seite 626 (sequence 6)
Language
German
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626 einen sehr tüchtigen, allgemein beliebten Arzt zu unseren Gemeinde-Mitgliedern. Ich führe dies nur zu dem Zwecke an, um zu zeigen, daß unsere Gemeinde Achtung verdient und auch Achtung genoß. Bon Rischuß war beim Volke nichts zu merken. Die verabscheuungswürdigen Pöbelexceffe, die in der Nacht vom 7. zum 8. August hier stattgefunden, sind einzig und allein das Werk der schändlichen Antisemitenpreffe und der Hetzemisiäre, die die gehässigsten Schriften gegen Juden und Judenthum zu Hunderten unter das Volk verbreiteten. Sie haben die giftige Saat des Haffes und der Zwietracht unter das Volk verbreitet, die schnell zu giftiger Frucht reifte. Was in jener Schreckensnacht hier geschehen, welche Zer« störung und Verwüstung eine trunkene Pöbelrotte an den Häusern und in den Läden der jüdischen Bewohner angerichtet, das läßt sich mit Worten nicht beschreiben. Die Vandalen und die Horden Attilas können in den von ihnen eroberten Städten nicht ärger gehaust haben, als jene trunkene Bande hier gehaust. Es genüge, wenn ich Ihnen sage, daß fünfzehn Läden mehr oder weniger demolirt, ein Laden total vernichtet, die Waaren in den meisten Läden theils gestohlen, theils auf die Straße geworfen oder vernichtet wurden, und daß an den Fenstern der meisten jüdischen Wohnungen die Scheiben sammt den Einfaffungen mit Beilen, Aexten und großen Steinen zertrümmert wurden. In der Wohnung zweier alten reichen Junggesellen haben die Unholde so arg gehaust, daß nicht ein Stück von den vorhandenen Möbeln und Wirthschastsgeräthen ganz geblieben, alles auf die Straße geworfen und zertrümmert und außerdem noch die alten Leute bis in die fernsten Winkel ihrer Wohnung verfolgt, und der ältere, der sich nicht schnell genug bergen konnte, so arg gemißhandelt wurde, daß er noch am folgenden Tage krank war. Auf die schändlichen Thaten folgten schändliche Reden, Verleumdungen und Verdächtigungen. Der Eine sollte die Christen, der Andere die Deutschen geschmähet, ein Dritter über religiöse Gebräuche gespottet haben. Gleichwie im Dtittelalter die gegen die Juden verübten Schandthaten durch die Lügen-Märchen der Hostienschändung, Brunnenvergiftung und des Kinderschlachtens beschönigt wurden. In Folge dieser Verleumdungen, wie auch wegen des in der Stadt verbreiteten Gerüchtes: die Weiber der eingesperrten Excedenten würden die Stadt in Brand stecken, herrschte allgemeiner Schrecken, und alle Gemüther waren in einer unbeschreiblichen Aufregung. Man enthielt sich jeder Meinungsäußerung, und ich wurde dringend gebeten, über die traurigen Vorgänge nichts an die Zeitungen zu berichten. Aus diesem Grunde schwieg ich und habe auch Ihnen keinen Bericht erstatten können. Freitag, den 12. August, wurden 21 Excedenten, unter ihnen ein reicher Rentier aus Schivelbein, gebunden, nach Cöslin abgeführt. Am drauffolgenden Sonntag den 14. hielt der hiesige Superintendent, ein fanatischer Lutheraner, ein Mitglied der August - Conferenz, beifolgende Predigt, die, wie Sie sehen, von Rischuß strotzt, außerdem aber Unwahrheiten enthält. Auf Seite 4 Zeile 7 heißt es . . . „und unter dem triumphirenden und höhnenden Gaffen der Anderen." Wer diese Stelle liest, glaubt natürlich, daß die jüdischen Einwohner, zum Mindesten ein Theil derselben mit Hohnlachen der Wegführung zugeschaut und sich an derselben ergötzt haben. Ich kann Sie versichern, daß im Gegentheil alle jüdischen Bewohner tief ergriffen waren und mit den Gefangenen, die ihnen doch so schweres Leid zugefügt, das größte Mitleid empfanden. Eine einzige jüdische Frau s oll geläibelt haben; aber auch dieses ist nur ein Gerücht. Und auf dieses vage Gerücht hin verkündet der Prediger der Liebe und des Friedens: „unter dem triumphirenden" u. s. w., hält, so zu sagen, eine Hetzpredigt, er, der die Greuel der Verwüstung mit Augen geschaut, gesehen, welche Früchte der von ihm gepflegte Feigenbaum gezeitigt! Auf derselben Seite, Zeile 12, spricht er von „lügenhaften und übertreibenden Zeitungsberichten". In Wahrheit aber waren jene Zeitungsberichte nicht nur nicht übertrieben, sondern weit hinter der Wirklichkeit zurückgeblieben; denn die Greuel der Zerstörung und Verwüstung waren unbeblich. Unter den hier obwaltenden Umständen ist es nicht möglich, dem Manne gebührend zu antworten; diese Antwort müßte von Auswärts kommen. Das Einzige, was ich thun konnte war, zwei kleine Reden, von denen die Eine: Worte des Friedens und des Dankes" — ein Gegensatz feiner Hetzpredigt, die Andere: „Tröstet, tröstet mein Volk!" ein Protest gegen die in seiner Predigt Seite 10 enthaltene Bezeichnung „Fremdlinge" „haltloser Haufe" zu veröffentlichen. Nur zu diesem Zwecke ließ ich diese kleinen unbedeutenden Reden drucken. Ich habe die Genugthuung, daß dieselben von vielen Christen gekauft und mit Beifall ausgenommen werden. H. Rackwitz. Wir halten es nicht für angezeigt, eine Kritik der Predigt des Super. Henske vorzunehmen. Eine solche Predigt nach solchen Vorgängen! Was sie bewirken wollte, den Riß zwischen Christen und Juden noch zu erweitern, ist ihm bei dem einsichtslosen Theil seiner Zuhörer längst gelungen — der vernünftige und echt religiöse Theil aber mußte sich von selbst zurückgestoßen fühlen! Es ist eine Predigt zur Buße, aber zur Buße ohne Selbsterkenntniß und ohne Thal, einer Buße zum bloßen Wort und zu kirchlicher Ceremonie. Denn wo gegen die Leidenden der Haß noch geschürt und für die Uebelthäter nichts weiter als Mitleid rege gemacht wird, da ist keine Selbsterkenntniß und keine Buße, und der Redner selbst müßte zu dieser gemahnt werden. Die rechte

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