Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-09-20 · Heft 38 (20.9.1881) · p. Seite 624

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 38 (20.9.1881)
Date
1881-09-20
Page
Seite 624 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227378--39274-3308575
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

624 sind, die int Finstern schleichend, im allgemeinen Untergange ihr innigstes Interesse zu fördern suchen? Und welches ist ihr Jntereffe? wir wollen es frei heraussagen: es ist das anarchische Prinzip des Tohu Wabohu, des Umsturzes aller Grundsäulen, auf die die Menschheit von jeher ihr Heil gegründet! — Die aufhetzenden Judenfeinde, die Ungereimtheit der Behauptung einer gewissen Partei, daß es der Zufall gewesen, der die Brände angerichtet, einsehend, wollen auch diese Verheerungen des Feuers zu ihren Zwecken ausbeuten, wollen die ganze Thatsache der christlichen Bevölkerung in die Schuhe schieben, um dadurch den Beweis zu führen, daß die jüdische Bevölkerung der christlichen ebenso in Volhynien ein Dorn im Auge sei, wie dort in Kleinrußland. — Aber das heißt ja behaupten wollen, daß die christliche Bevölkerung Hand an sich selbst lege! denn sie leidet ja selbst darunter: viele ihrer eigenen Hütten, ihrer Kirchen wurden ja ein Raub der Flammen. Mit Nichten, weder dort war es der Volkshaß, der die Massen zu Raub und Plünderung und Vernichtung der jüdischen Habe trieb, noch war er es hier, der die Feuerbrände in ihre eigenen Hütten und Kornkammern schleudern hieß. — Die ökonomischen Verhältnisse dort und hier sind dieselben, und zwar schlimm genug, um das Volk zur Verzweiflung zu treiben. Eine Reihe von Mißernten war es aber, die diese herbeigeführt — und der gemeine Mann weiß das recht wohl — und er würde nie seine Hand gegen seinen jüdischen Mitbürger, mit dem er seit Jahrhunderten in friedlicher Eintracht lebt, erhoben haben, wäre er nicht dazu mit allen teuflischen Mitteln aufgehetzt worden. — Wie gesagt, hier wie dort muß die Ursache aller Calamitäten, der Zerstörung und der Feueranlegung nämlich, irgendwo anders gesucht werden, und sie ist gar nicht so schwer zu sinden. — Es ist der leidige Nihilismus, der alles vernichtende, dem nichts heilig ist, selbst nicht das kostbare Leben eines der großmüchigsten, hochherzigsten Monarchen, die je auf einem Throne zum Wohle der Menschheit gesessen. Die Judenfeinde behaupten, daß diese Ansicht das Steckenpferd der Juden sei, um von sich die Schuld abzuwälzen. — Habt ihr nicht, fragen wir sie, die falschen Vorspiegelungen, die man dem Volke schriftlisch gezeigt, gelesen, denen zufolge das Volk von der Regierung für seine anarchischen Unthaten belohnt werden würde? Habt ihr nicht die Worte des erhabenen Monarchen vernommen, der es von seinem Throne herab zu der jüdischen Deputation sagte, daß die Feinde des Staates, des Thrones es sind, die die Wühlereien, die Wirren zuwege gebracht. Wer hier nicht sehen und hören will, der muß mit Blindheit, mit Taubheit geschlagen fein! Ja, es ist -er schrecklichste der Schrecken, der Mensch in seinem lürchterlichsten Wahne, der einem Staate die schwersten Wunden schlägt, indem er planmäßig, regelrecht durch Plünderung, durch Feuersmacht die treuen Unterthanen vernichtet. Möge endlich die Stunde schlagen, wo diese Wahrheit Allen einleuchten, wo die Humanität ihr Panier hochschwingen wird, und die verblendeten Menschen einsehen werden, daß durch Zerstörung und Vernichtung kein Staat auf-, sondern vielmehr zu Grunde gerichtet wird. — Nichts Traurigeres, Herzerschütternderes als der Anblick dieser Brandstätten! Jüngst führten mich meine Angelegenheiten durch die Stadt Koretz in Volhynien. Ein Bekannter sagte zu mir: „Kommen Sie, ich will Ihnen den ganzen Umfang des Elends zeigen, das unsere Stadt heimgesucht. Wir gingen, und ich blieb beim Anblick dieser Verheerung wie ein zu Stein gewordener Mensch stehen. — Diese volkreiche, einst wohlhabende Stadt mit allen ihren volksbelebten Gassen, Plätzen und Märkten, in denen sich zweistöckige Steinhäuser Reihe an Reihe drängten — wo ist sie hingekommen? Verschwunden vom Angesichte der Erde. — Nach beiden Seiten der sie durchschneidenden Chaussee weite, wüste Plätze, hie und da ragt ein Schornstein, eine halbverfallene Mauerwand empor. „Sehen Sie sich um," sagte mein Cicerone, dort, wo Sie Ueberreste von hohen Mauern stehen sehen, standen unsere Gotteshäuser, sie sind dahin mit dem größten Theil ihrer Thorarollen." — Ein stiller Seufzer entrang sich seiner Brust, und er wischte sich ein Thräne aus seinem Auge. — Und diese Fa^ade eines mächtigen Hauses mit ihren schauerlichen öden Felsenhöhlen, mit ihren wüsten Krambuden im Erdgeschosse, sind das auch Ueberbleibscl eines Gotteshauses?" fragte ich, nach den hochaufstrebenden, schwarzen Mauerresten eines Hauses hindeutend. „Nein", es gehört einem hiesigen Kaufmannc Herrn O. S—an" versetzte mein Führer, „mit diesem Hause und dessen Besitzer hat es eine besondere, traurige Bewandniß." — Der Eigenthümer Herr O. S-a, ist ein edler, gebildeter Mann, der Sprosse einer alten, echt aristokratischen, jüdischen Familie, die sich von jeher durch ihre wahre Frömmigkeit, durch ihren hochherzigen Wohlthätigkeitssinn ausgezeichnet, die ihre redlich erworbenen Reichthümer nicht auf Prunk und Luxus, nicht zur stolzen Ueberhebung über ihre armen Brüder anwendete, wie es leider jetzt bei so vielen der Fall ist. — Bei dieser Familie fanden Sie keine Spur von jener sich breitmachenden Schaustellung, nichts von der Selbstbespiegelung, die die umgebende Armuth zur Folie ihres eigenen Glanzes und Pompes macht; — sie theilte redlich mit den Armen das redlich Erworbene, — in ihren Häusern waren diese ihre rrz ^s. Nun, dieser Herr S—a übertraf seine Ahnen in allen diesen Beziehungen, an Wohlthätigkeit und Herzensreinheit. Was ihn aber über alle seine Vorgänger erhob, das war seine Liebe zur Bildung, die er mit allen möglichen Mitteln beförderte. — Er ließ inmitten des ihn umgebenden Fanatismus feinen Kindern eine zeitgemäße Erziehung angedeihen. Er besaß eine Bib-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.