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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-09-20 · Heft 38 (20.9.1881) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 38 (20.9.1881)
Date
1881-09-20
Page
Seite 623 (sequence 3)
Language
German
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623 raus resultirenden Streben vermögen wir die Versuchung, vermögen wir die Krise zu bestehen, und sie würde dann, natürlich wenn sie nicht beim bloßen Worte bleiben, sondern sich in dauernde That umsetzen würde, wahrhaft wohlthätig wirken. Ein geistreicher Schriftsteller sagte: „Willst du deine Zeit reformiren, so reformire vor Allem dich selbst!" Besteht doch die Gesammtheit aus den Einzelnen, und ist eine Wirkung auf jene nur dadurch möglich, daß man in diesen das Bewußtsein und das Gefühl des Rechten und Nothwendigen weckt. In alter Zeit war der sittlich-religiöse Gedanke der Feste, die wir wie jedes Jahr zu feiern haben, und der in der Selbstprüfung. Läuterung und Versöhnung besteht, so lebendig, daß Niemand der Weihe des Versöhnungstages sich theilhastig glaubte, wenn er sich nicht vorher mit denen ausgesöhnt hätte, mit welchen er in Stteit gerathen, die er verletzt und geschädigt hatte, und ich sah in meiner Kindheit noch oft, recht bittere Feinde sich vor dem Beginn des geheiligten Abends die Hände entgegenstrecken und mit leuchtenden Augen einander Verzeihung zusichern. In unserer Zeit sind wir nicht mehr geneigt, solche specielle Gedanken der Religion zur unmittelbaren Ausführung zu bringen. Wenn wir uns aber dennoch der sittlich-religiösen Höhe rühmen, ja sogar mit nicht allzugroßem Respett vor der Vergangenheit, so find wir um so mehr verpflichtet, jenes durch die That zu beweisen. Geben wir also vor Allem den Lehren Raum in unseren Geistern, welche die über uns gekommene „Versuchung" uns ertheilt hat. Entzünden wir wieder in uns die Flamme der religiös-sittlichen Begeisterung; kräftigen wir in uns die religiöse Anschauung; concentriren wir unsere Seelenkräste um das ererbte Palladium des Judenthums, den reinen und consequenten Monotheismus; begreifen wir wieder den Zusammenhang mit unserer großen Vergangenheit in den Jahrtausenden, mit der reichen Entwickelung des jüdischen Geistes; fasien wir mit Liebe das Gebot der göttlichen Weltordnung in unser Herz, die Aufgabe, die sie uns gestellt, und die uns von außen her immer wieder ins Bewußtsein gerufen wird, wenn wir in unserem Inneren lässig in ihr geworden! Fürwahr, wir brauchen es nicht zu sagen, daß hiermit irgend eine bürgerliche Pflicht, irgend eine Bürgertugend niemals in Widerstreit steht, vielmehr daß wir aus solchem Fokus des religiös-sittlichen Bewußtseins heraus für Menschenthum, Vaterland und Bürgerthum entflammt und zur Thatkrast begeistert werden. Die Gegenbehauptung ist nur eine Erfindung unserer hämischen Gegner, die jede Tugend an uns zu einem Fehler und Lasier umkehren. Dann aber kehre ein Jeder zu der Einfachheit und Bescheidenheit zurück, die altherkömmlich bei unseren Vätern in den älteren wie in den jüngeren Zeiten waren. Offen und männlich, aber zurückhaltend und besonnen. Niemand vergesse, daß uns von außen her immer wieder die Stellung aufgedrängt wird, daß, welcher Jude auch einen groben Fehl begeht, dieser allen Juden zur Last gelegt wird, allen auf das Conto böser Gesittung geschrieben wird, und er also damit die Gesammtheit schädigt. Das haben unsere Weisen im Talmud schon wiederholt gemahnt und wir müssen es in unseren Tagen noch wiederholen und einschärfen. Kommet Euren bürgerlichen Pflichten stteng nach, aber seid nicht ehrgeizig und drängt Euch nicht in die öffentlichen Aemter! Denn über kurz oder lang ficht man Euch ungern darin, vergißt schnell Eure Verdienste und schmäht uns Alle als der Herrschsucht und der Anmaßung schuldig. Wirket vielmehr im Sttllen soviel Gedeihliches wie möglich. Die h. Schrift sagt: „Der Ewige sieht es und segnet Dich!" Aber auch die Menschen gewahren es und „der Bescheidene erhält Ehre!" Aus diesem Gesichtspunkte müssen wir die Vorgänge der letzten Zeit bettachten. Diese Wahrnehmungen und Vorsätze müssen daraus erfließen. Dann wird uns auch die schlimmste Erfahrung in dem Frieden unserer Seele nicht stören, nicht schwankend machen in der Zuversicht auf Gottes Fügung, auf den Sieg des Rechtes und der Wahrheit. Die Wisches Zustande in Rußland. Aus Bolhynien, 17. August. Wer gegenwärtig durch die Städte, Flecken und Dörfer Bolhyniens und Kleinrußlands reist, der glaubt gewiß auf dem Schauplatze eines verheerenden Krieges sich zu befinden, — auf dem der unerbittliche Feind mit schrecklicher Hand seine Verwüstungen angestiftet. — Wo einst blühende Städte mit ihren Magazinen, Kaufladen, Waarenlagern und den Werkstätten der Handwerker und des bürgerlichen Fleißes gestanden, — sieht man jetzt öde, leere Plätze, Trümmerhaufen, hoch in die Luft starrende Schornsteine, Reste von Mauern — traurige Denkmäler einstiger Blüthe, einstigen Fleißes und Wohlstandes. Traurig fragt sich der Reisende; wo -in ich? was ist das? in welcher Zeit leben wir? in der des Friedens oder des Krieges? — Wessen Hand hat diese Gräuel der Verwüstung verübt? Ist es etwa die des Zufalls, die den Feuerbrand in die volksbelebten Städte geschleudert? — Und tausendmal muß er sich sagen: nein! Es dem bloßen Zufalle zuschreiben, hieße, wie ein deutscher Schriftsteller sagt, mit dem Zufalle mehr Aberglauben tteiben, als es je der ttasseste Aberglaube mit dem Glauben gethan, hieße mit Gewalt die Augen schließen vor einem himmelschreiender Unfug! Nein und abermals nein! so planmäßig, so zweckentsprechend handelt nicht der Zufall! — Ist es nicht äugen- > scheinlich, daß bei diesen Bränden geheime Hände im Spiele 38*

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