Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-09-20 · Heft 38 (20.9.1881) · p. Seite 622

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 38 (20.9.1881)
Date
1881-09-20
Page
Seite 622 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227378--39272-3308573
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

622 sich von der überkommenen jüdischen Sittlichkeit ab und brachte der jeunesse doree einen beträchtlichen Zuwachs. Andererseits huldigte sie der negativen Richtung der Zeit, und schwamm als Literaten und Journalisten in dem Strome der Negation mit. Waren dies nun Ausflüsse der modernen Entwickelung, that und sprach diese jüdische Jugend hier nur mit dem überhandgenommenen Tone und Thun in der christlichen Welt, spielte fie hier nur den Kameraden und ahmte nach, was ihr vorgemacht worden, so griffen doch unsere Gegner dies zum Angriff auf die gesammte Judenheit auf, drehten die Sache um und beschuldigten die Juden, die Urheber und Träger aller dieser Uebelstände und Auswüchse zu sein. Nichts ist bedauerlicher, als daß ein paar jüdischer Skribenten und Journalisten sich verleiten ließen, in den antikirchlichen Ton der radikalen Blätter einzustimmen, während fie als Juden um so mehr sich davon fern zu halten hatten. Denn es ist ein großer Unterschied zwischen einer streng wissenschaftlichen Kritik, zu welcher jede aufrichtige Ueberzeugung den dazu Befähigten verpflichtet, und der losen luftigen Besprechung in Feuilletons und anderen Zeitungsartikeln. Nun weiß doch Jedermann, daß die antikirchliche Strömung und Literatur kein Erzeugniß der Juden ist, daß fie ihren Ursprung nahm zu einer Zeit, wo die Juden an der Literatur und an der allgemeinen Bildung noch keinen Antheil hatten und daß ihre eigentlichen Wortführer namhafte christliche Gelehrte und Schriftsteller sind. Aber daß auch einige jüdische Literaten und Skribenten hier und da nach dieser Richtung hin sich ausließen, diente unseren Gegnern zur willkommenen Handhabe, um die gesammten Juden als Feinde des Christenthums darzustellen und ihnen alle Unkirchlichkeit der Zeit in die Schuhe zu schieben. Man sieht, wir rechtfertigen die Fehler nicht, die von den Juden begangen worden und die darum noch besonders Fehler waren, weil fie sich als Juden dazu verleiten ließen. Wir weisen nur jede Rechtfertigung der Feindseligkeiten zurück, die daraus gegen die gesammten Juden gezogen wurden, indem man zugleich das Thatsächliche in's Ungeheuerliche übertrieb und es so darstellte, als ob wir allein an den Uebelständen der Zeit schuld wären und diese Auswüchse durch uns hervorgebracht worden. Aber kehren wir bei uns selbst ein und prüfen die inneren Zustände. Was uns hier zunächst entgegentritt, das ist der religiöse Jndifferentismus, die Abnahme des religiösen Bedürfnisses, das geringe Interesse, welches das Judenthum als solches einer großen Zahl seiner Bekenner noch einflößt. Wir erkennen gern die Ueberzeugungstreue an, die selbst unter den zersetzenden Einwirkungen der Zeit und der in ihr obwaltenden Interessen die Juden auch gegenwärtig noch an ihrem Bekenntniß festhält und ihnen selbst bei abgeschwächtem Glauben unmöglich macht, einem anderen, dem strengen Monotheismus widersprechenden Bekenntnisse sich zuzuwenden. Auch treten uns zu viele Beweise der Opferwilligkeit für Cultus- und wohlthätige Anstalten entgegen, als daß sie uns nicht als Beweise für die in der Tiefe der Volksseele vorhandene Anhänglichkeit am Judenthum gelten müßten. Aber es ist doch nicht zu verkennen, daß die Innigkeit des religiösen Gefühles und die Festigkeit der religiösen Anschauung sehr gelitten hat, daß das religiöse Leben in der Familie an Kraft und Ausdruck verloren hat. Die Ursachen sind leicht aufzufinden. Die Ablösung von den mittelalterlichen Ansichten, Sitten und Bräuchen, die im Laufe weniger Generationen vor sich ging, mußte in vielen schwächeren Geistern eine Entftemdung von der Religion überhaupt zur Folge haben, während die materialistische und atheistische Richtung der modernen Wissenschaft und Bildung in den, diesen huldigenden Geistern den Unglauben weckte und förderte. Hierzu kamen die in unserer Zeit vorwiegenden politischen, sozialen und gewerblichen Interessen, welche die Seele abziehen und zerstreuen und die Aufmerksamkeit von den sittlichen und religiösen Aufgaben des Menschen abwenden. Aber mit dieser Erklärung ist der Thatsache nicht abgeholfen. Gewiß ttägt der lange Zeit hindurch mangelhafte Religionsunterricht die Mitschuld, da er erst langsam an Kraft, Gediegenheit und Ausdehnung gewinnt und sich erst allmählig die geeigneten Werkzeuge, das sind die Lehrer, in größerer Zahl ausbilden. Aber der Religionsunterricht allein wird es niemals ausmachen, wenn das religiöse Leben in der Familie nicht wieder kräftig wird, wenn der Geist der Väter und Mütter der aufwachsenden Jugend nicht zum Vorbild dient und die Neigungen der Jugend beherrscht. Wie dem auch sei, es liegt nahe, das Mißgeschick, das viele, die Ungunst, die alle Juden in jüngster Zeit bettoffen, als eine Prüfung, als eine Versuchung im biblischen Sinne zu bettachten. Die Bekenner des Judenthums werden aufgerüttelt aus ihrer Sicherheit, aus ihrer Erschlaffung, aus ihrem Jndifferentismus. Sie werden daran erinnert, daß sie Juden sind, und daß sie als solche die Aufgabe haben, sich sittlich und religiös stark, lauter, folgerichtig zu verhalten. Sie werden daran gemahnt, daß mit dem Besitze von Geld und Gut, von Stellung, Amt und Ehren noch lange nicht Alles geschehen, daß es noch ein großes und weites Ziel giebt, um das Judenthum und die jüdische Race in der Meinung der Welt, in Ansehen und Behandlung auf die Höhe der anderen Religionen und Raceu zu bringen. Hierin und in nichts Anderem liegt das Ziel vor uns. Die jüngsten Vorgänge haben gelehrt, daß, wenn ein Jude für sich persönlich noch so viel erreicht hat und erreicht zu haben glaubt, er von dem Geschicke seiner Glaubensgenossen nicht befteit ist, sondern daß nur in der Hebung der Gesammtheit auch das Individuum gehoben wird. Mit dieser Erkenntniß und dem da.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.