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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-09-13 · Heft 37 (13.9.1881) · p. Seite 615

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 37 (13.9.1881)
Date
1881-09-13
Page
Seite 615 (sequence 15)
Language
German
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daß der Arbeiter angetrunken war, nicht zum Thatbestande gehöre, wohl aber die von ihm "hervorgebrachte Möglichkeit einer Gefährdung des öffentlichen Friedens ein Theil des Thatbestandes sei. Diesen Ausführungen schloß der Gerichtshof sich vollständig an und erkannte demnach den Angeklagten sowohl der Anreizung zu Gewaltthätigkeiteu, wie auch der durch den Angriff auf den Händler Müller geschehenen Verübung groben Unfugs für schuldig und erachtete die von der Staatsanwaltschaft beantragte Strafe (3 Monate Gefängnis; und 14 Tage Haft) für angemeffen. Drei Wochen Untersuchungshaft hat Koohls außerdem bereits erlitten. Berlin, 30. Aug. Die vielbesprochene Pferdebahnaffaire Foerstcr-Kantorowicz gelangte heute vor dem Schöffengericht zur Verhandlung. Ten Vorsitz führte Assessor Lampe, als Schöffen fungirten Fabrikant Gentz und Goldarbeiter Supermann. Angeklagt war der Kaufmann Edmund Kantorowicz. Die Anklage geht dahin, Ä. habe am 8. November lsso den Or. Jungfer öffentlich beleidigt, durch die Worte: „Sie sind ein ganz unverschämter Bube und verdienen Ohrfeigen!" sowie durch körperliche Mißhandlung, ferner habe er l >r. Foerster verleumderisch beleidigt, indem er im „Börsencourir' bekannt gemacht, daß er den Landwehrlieutenant Dr. Foerster geohr feigt und das Landwehrcommando davon benachrichtigt habe. Der Angeklagte erklärte sich für nichtschuldig. Am 8. November v. I. habe er die Pferdebahn nach der Behrenstraße benutzt. In demselben Wagen habe auf der linken Seite Di*. Foerster, auf der rechten Ecke Di-. Jungfer gesessen und beide Herren hätten in äußerst provokatorischer, lautester Weise ein Gespräch über Herrn Stöcker und die Judensrage begonnen, aus welchem die Worte: „Jude, Judenlümmel, jüdischer Journalist re." laut und mit scharfer Accentuirung heraustönten. Herr Foerster habe ein Packet mit Papieren in der Hand gehalten und gesagt: „Der I. Januar 1881 wird schon beffere Resultate zeigen; diese Dinger hier sind scharf, die müffen heute noch abgehen." Tann habe Herr Jungfer wohl bemerkt, daß die im Wagen sitzenden Israeliten Anstoß an diese Reden nahmen und hatte seinerseits mit Nachdruck zugesetzt: „Der Worte sind genug gewechselt, nun giebt's deutsche Hiebe!" Inzwischen sei am Schauspielhause ein Theil des Publikums ausgcstiegen und zwischen Fverster- Jungfer und dem Angeklagten ein Zwischenraum von 2—3 Plätzen geblieben. Da hätten sich die Angeklagten einen Blick zugeworfen und Dr. Foerster habe zu seinen Genossen gesagt: „Du, weißt Du schon, gestern war ich bei Stöcker; das ist doch ein wahrhaft deutscher Mann, ein charaktervoller Mann, den man unterstützen muß." Di. Jungfer habe in mauschelndem Tone geantwortet: „Nun, Itraßmannleben hat's ja schon abgekriegt." — Ein Herr sei voller Indignation aus dem Wagen gestiegen mit dem Bemerken: „Das geht doch zu weit, diese Unverschämtheit!" Als die Provokation aber trotzdem nicht aufhörte, sei er, der sich bis dahin nur mühsam bemcistert, vor die Herren getreten und habe gesagt: „Sie sind ganz unverschämte Buben nnd verdienen eigentlich Ohrfeigen! " Inzwischen sei der Wagen an der Haltestelle angekommen und Di-. Foerster sei links vom Wagen abgesprungen, um nach einem Schutzmann zu rufen und als er, der Angeklagte, rechts abspringen wollte, habe ihm Dr. Jungfer nachgerufen: „Aha, da will er sich drücken!" Infolge dessen sei er stehen geblieben und habe geantwortet: „O nein, ich will mich nicht drücken, sondern würde sehr erfreut sein, wenn ein Schutzmann zur Stelle wäre, damit er die Namen der gebildeten Herren feststellte." Die Antwort des Di-. Jungfer sei gewesen: „Sie sind ja nur ein Jude!" und da habe er sich nicht mehr halten können und dem Di-. Jungfer eine Ohrfeige applicirt. Inzwischen sei der Schutzmann erschienen nnd habe die streitenden Parteien und zahlreiche Zeugen mit zur Wache genommen. Er habe namentlich die Herren christlicher Religion gebeten, ihn zu begleiten, und auf der Polizeiwache habe er sich Mühe gegeben, die Namen der Zeugen aufzuschreiben, da der Wachtmeister dazu keine Zeit zu haben erklärte. Auf der Wache hätten die Herren die Beleidigungen fortgesetzt. Foerster habe plötzlich gerufen: „Du, weißt Du schon, Jungfer, in nächster Woche hält Stöcker einen Vortrag, da muß doch jeder Ehrenmann hingehen." Nach ihrer Vernehmung sei Foerster zu ihm getreten und habe ihn gefragt, wann er ihn in einer Ehrensache sprechen könne; er habe erwidert: „am nächsten Tage zwischen 8 und 9 Uhr." Er gebe nun zu. daß ihm bei den Notirungen der Namen der beiden angeblich Beleidigten eine Verwechselung der Namen untergelaufen sei und daß er demgemäß in seinem Schreiben an den „Vörsencourir" den Dr. Förster irrthümlich als den Geohrfeigten hingestellt habe; er habe aber diesen Irrthum bald öffentlich eorrigirt, — Hierauf wurden die Zeugen vernommen. Dr. Jungfer erklärt, er sei an jenem Tage mit T)r. Foerster mitten in einem Gespräch über die Judensrage in den Pferdebahnwagen gestiegen, und es seien ja allerdings laute Worte gefallen. Er gestehe auch, daß er gesagt habe: „Na, der Einfluß Stöcker's ist doch so groß, daß Straßmannleben nicht wiedergcwählt worden ist." Ta sei der Angeklagte aufgestanden und habe zu ihm gesagt: „Sie unverschämte Buben verdienten Ohrfeigen!" Er habe sich beherrscht und nur den Conducteur gebeten, den Mann aufzuiordcrn, nicht so zu schreien, worauf Kantorowic; erwidert habe, er bitte sich aus, daß man ihn einen „Herr" nenne. Als der Wagen an der Behrenstraße angekommen, habe Di-. Förster sehr laut nach einem Schutzmann gerufen und sich eine große Menschenmenge angesammelt. Kantorowicz habe Beleidigungen auf ihn und seinen Freund gehäuft und als er (Jungfer) auf eine solche Beleidigung sich zu dem Worte Hinreißen ließ: „Ach

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