Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1881)
- Date
- 1881-09-13
- Page
- Seite 609 (sequence 9)
- Language
- German
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609 und mächtige Fürsprache vor dem Throne und erhören Sie! Wohnorte erstickend, geduldig auf die Gnade Gottes und das Flehen von drei bis vier Millionen Seelen, welche um j seines pnrpurgeschmückten Gesalbten ihre Hoffnung setzen, Luft zum Athmen bitten, etwas, was alles Lebende genießt.! dessen Person von allen Juden als geheiligt betrachtet tvird Lasten Sie an den Stufen des Thrones das schmerzliche und für dessen Ruhm und Wohlergehen die Juden ebenso Flehen, die tiefen Seufzer und reichlichen Thränen der Väter, wie alle seine übrigen treuen Unterthanen selbst den Tod auf Mütter und Kinder hören, welche in dem engen Kreise ihrer dem Schlachtfelde nicht fürchten." 2vilt 111CJ MiOc|lief)l'C W. Deutschland. j Berlin, 31. Aug. (Privatmitth.) Die fortschrittlichen! Wählerversammlungen mit Gartenfesten einerseits und die der Conservativen und Antisemiten werden abwechselnd weiter- -gehalten, ohne daß etwas Neues zu Tage trete. Herr Stöcker hat seine Zahmheit wieder abgelegt, und in einer Rede in der Hasenheide das Möglichste in Judenhaß geleistet. Eugen Richter sprach sich darüber im 5. Berliner Wahlkreise folgendermaßen aus: „Conservative Wahlen, wie sie zu Manteustel'Hinkeldey's Zeiten nicht dagewesen, sind das Ziel der Gegner und da Berlin nun einmal nicht eonservativ ist, so ist die Agitation nur lebendig zu erhalten, wenn fort und fort der Religionshaß geschürt wird. Man sollte meinen, daß die Excesse in Westpreußen und Pommern in dieser Beziehung Abkühlung geschafft haben; aber nein: Herr Hofprediger Stöcker hat vorgestern in der Hasenhaide eine Rede gehalten, die an Aufreizung zum Religions- und Klasfenhaß alles bisher Dagewesene in den Schatten gestellt hat. Es scheint fast, als ob der Mangel an Zeitungsnachrichten über J neue Unruhen in Pommern den Hofprediger veranlaßt hat,! einen neuen Holzstoß auf das Feuer zu legen. Tie faiuofe Pastoral-Conferenz hat wieder über die Sittenverderbniß in, Berlin geklagt, aber die Thatsache, daß trotz jener Hetzreden j es in Berlin noch nicht zu solchen Tumulten gekommen ist,! zeigt, daß der Kern unserer Bürgerschaft bester ist, als jene! Herren meinen und daß sie höher steht, als ihre Ankläger.! (Bravo!) Die Gegner haben in rafffnirter Weise für die Wahl das Schlagwort erfunden: „Für oder wider die Juden!" darum handelt es sich, denn nach den Wahlen wird es sich zeigen, daß ganz andere Fragen auf der Tagesordnung stehen. Ein schlechter Kerl bleibt für uns ein schlechter Kerl, wenn er auch ein Christ ist, und Jemand, der durch edle Werke der Nächstenliebe sich auszeichnet, verachten wir nicht, wenn er auch nicht an den dreieiuigen Gott glaubt. ^Lebhafter Beifall.) Als eine weitere Illustration zu dem Treiben Stöckers dient wohl ein in der „Bolkszeitung" veröffentlichter offener Brief eines Kreisgerichtsbureau-Assistenten Hillner in Schriune an den Hvsprediger Stöcker, worin dieser sich beklagt, daß er, wie später die Neustettiner, Schievelbeiner u. ). w. durch Stöckers „Brandreden" verleitet worden sei, Excesse gegen die Juden zu unternehmen, wofür er ein Jahr drei Monate und drei Tage im Gefängniß zubringen mußte und Stöcker dafür verantwortlich macht. — In der Ehrenklage Förster und Jungfer gegen Kantorowitz (wegen der vielbesprochenen Ohrfeige) ist der letztere vom Schöffengericht zu einem Monat Gefängniß verurtheilt worden, hat jedoch Berufung eingelegt. (S. Näheres im Feuilleton d. vir.) — Am 20. fand eine Arbeiterversammlung des 3. Wahlbezirks statt. In derselben sprachen vorzugsweise Arbeiter, und erklärten ffch wiederholt gegen die Hetzereien, gegen die Spaltung des Volkes durch Klassen-, Racen- und Religionsj haß und namentlich gegen Stöcker aus. Hinter allein diesem sahen sie nur die Reaction, welche alle Freiheiten des Volkes | vernichten wolle. Jede Beschränkung der Gleichberechtigung sei ein Schritt zum Umsturz des jetzigen Staates, sei eine! Zerklüftung des Volkes, um cs leichter beherrschen zu können. Berlin, 2. Sept. Neben mehreren antifortschrittlichen, mehr oder weniger antisemitisch angehauchten Versammlungen fand am 20. im «'». Wahlbezirk das Sommerfest des fortschrittlichen Wahlvereins statt, das sich zu einer großartigen Kundgebung gestaltete. Die Hauptrcde hielt der Abg. Landgerichtsdirektor Klotz, der u. A. äußerte: „Und nun zur Antisemiten-Bewegung! Wir rechnen es uns zur Ehre, an der Spitze zu stehen im Kampfe gegen diese Bewegung. Möge Berlin die Schmach von sich abwenden, auch nur in einem Wahlkreise durch einen Anhänger dieser Bewegung vertreten zn sein. Die Röthe der Scham steigt uns ins Ge sicht, denken wir daran, wie das Urtheil des Auslandes über uns lauten müßte, wenn auch nur ein einziger Berliner Antisemit im Reichstage Zeugniß oblegen sollte von der Stellung des politisch gebildeten Theils der Bevölkerung Berlins zur Judensrage. Nichts ist schmachvoller, als wenn in einem Staate, wo Jeder verfassungsmäßig treiben und glauben darf, was er will, eine ganze Klasse der Bevölkerung um ihres Glaubens willen verfolgt wird. —" Berlin, 2. Sept. Ter Minister des Innern hat an die Oberpräsidenten be;w. Regierungspräsidenten die Weisung ergehen lassen: die Ortspolizeibehördeu und er».ciltiven Organe der sicher- 37