Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 37 (13.9.1881)
- Date
- 1881-09-13
- Page
- Seite 608 (sequence 8)
- Language
- German
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6<>6 Gesep^ zu vereinigen, wurden immer neue Verfügungen erlassen, welche die Inden künstlich und gewaltsam von der indigenen Bevölkerung abtrennten und ihnen eine Sonderstellung anwieseu. Nur von der einen ausschließlichen Idee einer vollständigen Verschmelzung der drei bis vier Millionen starken jüdischen Bevölkerung mit dem russischen Volke angeregt und bestrebt, etwas dazu beizutragen, die russischen Juden zu nützlichen und würdigen Bürgern Rußlands zu machen, erlaube ich mir mit voller Aufrichtigkeit meine Ueberzeugung über die Maßregeln auszusprechen, welche nothwendigerweise ergriffen werden müssen, um den lang gehegten Gedanken der Regierung, die Juden vollständig zu rusfifiziren. zur Thal werden zu lassen. Vor Allem muß den Juden der freie Aufenthalt im ganzen russifchen Reiche gestattet sein. Man kann mit Bestimmtheit behaupten, daß, wenn sie erst alhmen dürfen, die anwachsenden Generationen derIuden schon nach 10 - -OIahren zu Russen werden nach Gesinnung und im Herzen und im vollen Sinne des Wortes. Tie Melameden (jüdische Lehrer-, so wie sie jetzt sind, als besondere Klasse jüdischer Lehrer haben sich unzweifelhaft überlebt. — Ihr Dasein wird jedoch künstlich erhalten durch die Anhäufung der Juden in ihren Wohnorten. Besonders gestützt wird ihre Existenz dadurch, daß die Melameden von der Regierung erhalten werden, wodurch die Masse der Juden zu dem irrthümlichen Schlüsse gelangt, dieselben wären von der Regierung empfohlen. Deshalb muß die Aufgabe be sonderer Atteste an die Melameden von nun an aushören. Um die Keraiuvachsende jüdische Jugend (ungefähr :>uO,oOO) dem Einflüsse der Melameden zu entziehen und ihnen die ' Erlernung russischer Sprache in Schrift und Wort und von Handwerken zu ermöglichen, ist es nothwendig, möglichst zahlreiche, allgemeine, primäre Gewerbeschulen zu errichten, wo die Kinder der Juden zugleich mit denjenigen der Russen erzogen werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß, wenn es unserem großen Herrscher belieben sollte, die die Juden drückenden Fesseln zu lösen und ihnen das Recht, überall frei zu athmen, einzuräumen, die russischen Juden freudig, so weit es in ihrer Macht steht, die fürs Erste hiezu uoth wendigen Geldmittel hergeben werden. Nothwendig ist es, die Juden von allen speziell sie trenenden Steuern zu befreien, z. B. Körbe- und Lichtsteuer ec. Erstlich fällt die ganze Schwere dieser Steuern zuvörderst auf die bedürftige Klasse der Inden, da die vermögenden Klassen, denen die Wege, Bildung zu erlangen, mehr offen stehen, immer mehr von der Beobachtung einiger religiöser Bräuche abstehen, zweitens dienen diese Steuern ganz speziell als Mittel, um die Juden von der indigenen Bevölkerung noch mehr abzutrennen. In Verbindung hiermit müssen alle jetzt in allen suchen und Gesetzesversügungen gemachten Unterscheidungen zwischen Juden und Russen aufhören und besondere Institutionen für die Juden nur für religiöse und wohlthätige Zwecke belassen werden. Nothwendig ist es, daß in allen weiblichen und männlichen Lehranstalten der mosaische Religionsunterricht in russischer Sprache ertheilt werde. Hierdurch wird die Erziehuiig der Juden in vollständigem Unglauben von selbst aufhören. Nothwendig ist es, eine ordentliche und gebildete Geistlichkeit zu schaffen; zu diesem Zrvecke müssen den jüdischen Lehrer Seminaricn zwei Klassen hinzugcfügt werden. Durch diese Maßregeln werden die althergebrachten Fesseln gelöst, welche den Juden den direkten und richtigen Weg zu einer Vereiniguug mit den Russen verwehren. Die Größe der temporären Schwierigkeiten und Opfer, mit welchen die Realisirung dieser Maßregeln verbunden sein mögen, verschwindet vor dem unermeßlich großen Endresultate. Jeder Tag der jetzigen Existenz der Juden in Rußland ist ein unaussprechliches Unglück für die gesammte jüdische Bevölkerung, deren unvermögende Klassen buchstäblich ersticken aus Mangel an Luft in dem engen Kreise der ihnen angewiesenen Wohnorte. Durch diese Maßregeln wird unser allergnädigster Monarch einen hohen Akt der Menschlichkeit erfüllen und drei bis vier Millionen in Rußland lebende Juden frei aufathmen lassen und ihnen die Wege zu einer völligen Fusion mir der indigenen russischen Bevölkerung sreimachen. Und von Geschlecht zu Geschlecht wird die ganze Bevölkerung das Andenken des Monarchen segnen, der ihnen das allen Menschen zustehende Recht, frei athmen zu dürfen, verliehen hat. Ew. Exzellenz! Der Vorsehung hat es gefallen. Sie in nahe Beziehung zu dem Monarchen und zu seinem treuen und ergebenen Volke zu stellen. Auch die jüdische Bevölkerung hat von jeher ihre Treue gegen den Thron und das Vaterland bewiesen, trotz der erniedrigenden und gedrückten Lage, in welcher sie sich stets befand. Bereits nach der Invasion vom Jahre 1612 hat der hochselige Kaiser Alerander 1. beliebt, in einem Manifeste die russischen Juden „das wachsame Auge der Regierung zu nennen". Tie Ereignisse in Westrußland zu Anfang der sechziger Jahre legen auch ein beredtes Zeugniß dafür ab, daß die jüdische Bevölkerung dem Ezar eine feste Stütze ist und sich selbst von den lebhaftesten Bewegungen nicht beeinflussen läßt. Und wenn leider in jüngster Zeit unter den frechen Aufrührern auch einige Personen mosaischer Konfession sich vorfanden, so ist diese Erscheinung nur ein bösartiger Auswuchs und eine Ausnahme von der Masse der jüdischen Bevölkerung. Verweigern Sie uns, Exzellenz, nicht Ihre unparteiische