Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-09-13 · Heft 37 (13.9.1881) · p. Seite 604

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 37 (13.9.1881)
Date
1881-09-13
Page
Seite 604 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227377--39253-3308553
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

604 dem sie diese Thatsache bewirkt zu haben, aufbürden könnten. Den glauben sie nun in den Inden gefunden zu haben. Mit der Verblendung echter Zeloten suchen sie die Ursache der faktischen Zustände nicht in sich selbst, in ihrem eigenen Gebühren, nicht in den Forschungen und der Gedankenentwickelung der christlichen Denker und Kritiker, nicht in der gesammten Strömung der Zeit und den Interessen, die diese bewegen, sondern sie schreien: die Juden sind an Allem schuld, die Juden entchristlichen und entnationalisiren das! Volk, die Juden sind unsere Feinde, aus die Juden muß! es losgehen! Selbst den Umstand dürfen wir nicht außer Acht lassen, daß es Missionsdirektoren. Missionsinspektoren, Missionspredigcr waren, die hier das große Wort führten. Solche Missionsmänner tragen einen bitteren Haß gegen die Juden in ihrer Brust, weil diese ihren Anstrengungen, ihrem Berufe, ihrer Mission, zu der sie angestcllt, keine Folge leisten und bei ihrem angestammten Bekenntniß des einzigen Gottes bleiben. Ihre Resultate sind äußerst dürftig, und ibrc Berichte müssen dies selbst eingeftchen. Dies thut sehr weh — und die „verstockten" Juden müsicn dafür gestraft werden. Wo sich alle diese Motive zusammensinden, da läßt sich wahrlich nichts Gutes erwarten! Am zweiten Tage stand aus der Tagesordnung das Referat des Missionsinspektors Lic. theol. Plath (Berlin) über das Thema: „Welche Stellung haben die Glieder der christlichen Kirche dem modernen Judcnthum gegenüber einzunehmen". Er sagte: „Seitdem die christliche Kirche besteht, sind derselben besondere große Ausgaben gestellt worden, unter denen nicht;um Letzten die gehört, die der Kirche entgegenstehenden feindlichen Gewalten zu überwinden, und ihr Kampf hört nicht aus, so lange sie die streitende Kirche ist. In dies Gebiet gehört auch unsere Stellung zum modernen Judenrhum. Ta-? Judenthum hat zwei Parallelen im Heidenlhum und Islam, während aber bei jenen die christliche Kirche fort und fort siegreich sortschreitet, hat das Judenthum eine j andere Stellung zur christlichen Kirche." (Bekanntlich ist dies hinsichtlich des Islam nicht wahr; die Bekenner des Islam treten nirgends zum Christcnthum über, und der Islam macht in Indien, China und Jnnerafrika reißende Fortschritte. Redact.) „So wie sich das Judenthum von Anfang an dieser Kirche gegenübergestellt hat, so steht dasielbe im Großen und Ganzen noch heute unverändert zu derselben; die Juden sind die Schlingpflanzen an dem Baume der christlichen Kirche, betheiligt an der modernen Civilisation, aber feindlich gesinnt den christlichen Errungenschaften. Die Gegner sagen zwar, das moderne Judenthum stehe dem Christenthum anders gegenüber als die alten orthodoxen Juden, sie arbeiten in idealer Weise mit an der Culturgeschichte, aus ihren Kreisen sind hehre, erhabene Geister entstanden, die in friedlicher Geistesarbeit mit den Geistesherocn der christlichen Welt Erhabenes geschaffen haben. Und doch ist das moderne Judenthum gewiffermaßen nur der linke Flügel des Jsraelitismus, der der modernen Philosophie und dem vulgären Rationalismus huldigt, jenem philosophischen Rationalismus, der sich bei den Juden entwickelt hat durch ihre Theilnahme an der Civilisation." (Das Gegentheil ist das Richtige. Das Christenthum stellte sich von Beginn an dem Judenthume gegenüber. Jenes verlangte, daß die Juden Christen würden, nicht aber das Judenthum, daß die Christen Juden würden. Die Feindseligkeit ging stets von christlicher Seite aus, wie der Redner selbst beweist, die Juden kämpften nur um ihr Dasein und zwar stets nur in passiver Weise. Wenn ein Theil der Juden, wie Redner behauptet, dem Rationalismus huldigt, woher haben sie diesen? Doch nur aus der christlichen Bildung, die Quelle des Rationalismus ist in der christlichen Welt, nicht aber bei den Juden zu sinden.! Dabei ist der Rationalismus durch die Einfachheit des jüj dischen Glaubensbekenntnisses begünstigt, und der Jude entfernt sich von diesem nicht so weit, wie dies auf christlicher Seite der Fall sein mag. Uebrigens behauptet ein großer! Bruchtheil der protestantischen Geistlichkeit, daß der Ratio-! nalismus und die kritische Forschung im Protestantismus! wohlbegründet feien. Redaction.) Auf diesem Boden nun glaubt sich Herr Plath gesichert, um die ärgsten Hyperbeln vortragen zu dürfen, allerdings nur Schlagwörter, wie sie in den Berliner Kneipreden täglich gehört werden. Er sagt: „Nicht Gleichberechtigung wollen die modernen Juden, sondern Alleinherrschaft." (Bravo!) Die bürgerliche Gleichberechtigung ist nur die erste Etappe, es schließt sich daran die soziale Gleichberechtigung und die religiöse Gleichheit. Die modernen Juden haben nicht nur das Streben, die Völker materiell auszubeuten, sondern sie wollen theilnehmen an allen ideellen Gütern der Nation und in alle Stellen im Staate einrücken. Die Perspektive aller christlichen Völker, die Juden bei sich beherbergen, ist sehr trübe. Ein Haus nach dem andern in den großen Städten geht in die Hände der Juden über, ein Gut nach dem andern wird für sie angekauft und ein Ueberwuchern der jüdischen Plutokratie steht uns deutlich in Sicht. Die Zahl der jüdischen Schüler und der jüdischen Studenten wächst I immer mehr, sie sind begabt, fleißig, sie wiffen was sie wollen, und so durchsetzen sie immer mehr alle Schichten unserer Bevölkerung, und der jüdische Einfluß wird in wenigen Jahrzehnten in unnatürlichen Verhältnissen gewachsen sein. (Beifall.)" Was haben sich eigentlich diese Leute bei der Gleichberechtigung der Juden gedacht? Ist cs nicht einfach, daß die Juden, indem ihnen alle Lebensbahnen, die ihnen in so grausamer und ungerechter Weise anderthalb Jahrtausende verschlossen waren, eröffnet wurden, auch nach und, nach in dieselben eintratcn? Was würde man gesagt haben

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.