Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1881)
- Date
- 1881-09-06
- Page
- Seite 592 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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592 betonte, daß, wenn vom Mißbrauch der Preßfreiheit gesprochen würde, man auch ebenso gut von einem Mißbrauch der Redefreiheit reden könne, denn was er eben vernommen habe, seien nichts als Phrasen. Seine Pflicht als Redakteur sei es, die Christenheit gegen jüdische Anmaßung zu schützen, und er rechne es sich zur hohen Ehre an, hierfür auch Strafen zu erleiden. Im Uebrigen empfehle er sich der Milde des Gerichtes. Nach kurzer Beratbung wurde der Beklagte wegen eines Vergehens der Beleidigung zu 50 Mk. Geldstrafe, event. 5 Tagen Gefängniß verurtheilt. Die den Klägern erwachsenen Kosten hat der Beklagte zu tragen; desgleichen ist das Urtheil auf allenfallsigen Antrag der Kläger im Blatte des Beklagten zu veröffentlichen. Frankreich. Paris, 21. August. Die französische Regierung, die Deputirtenkammer und der Senat haben 250,000 Francs für die Erbauung einer neuen Synagoge zu Oran (Algerien) votirt. Man kann sich denken, daß die Bewilligung dieser bedeutenden Summe für eine Synagoge bei einem nicht geringen Theile der dortigen Bevölkerung Unzufriedenheit erregte. Hierzu kamen die bevorstehenden Wahlen, und da die dortigen Israeliten ihre Wahlpflicht zu erfüllen, ihr Wahlrecht auszuüben gedachten, dabei aber konservativen Eandidaten ihre Stimme nicht geben wollten, da diese noch immer auf den Wiederruf des Dekrets von 1870, durch welches die eingeborenen Israeliten naturalisirt wurden, spekuliren: so wurde hierdurch bei jenem Theile der Bevölkerung die judenfeindliche Gesinnung verstärkt. Ein Candidat Cvly, stand deshalb nicht an, sich offen in seinem Wahlcirkular für jenen Wiederruf zu erklären, und die Journale dieser Partei wütheten heftig gegen die Juden. Die Wahlrede C6ly's rief einen stürmischen Tumult hervor. Andere Zeitungen, namentlich die Gambettistischcn, traten zum Schutze der Israeliten ein, und cs ist nicht zu zweifeln, daß Cvly durch fällt. Paris, 25. August. Die jetzt zu Ende gegangene Deputirtenkammer hatte 6 Israeliten zu Mitgliedern. Bon diesen hat einer, Lisbonne, sich nicht wieder aufstellen laffen, ein anderer, Camille See, steht in St. Denis zur Stichwahl und ein Dritter, Bamberger, ist in Neuilly durchgefallen. Gewählt wurden: Ferdinand Dreifus in Seine et Life, David Raynal, Unterstaatssekretär für die öffentlichen Arbeiten in der Gironde, Alfred Naquet in Baucluse und Bischoffsheim in den Seealpen — also 4, von welchen der letztere, der bekannte Beschützer der Astronomie, neugewählt ist. In Oran ist der Antisemit Cely durchgefallen; sein Gegner Etienne hat 400 Stimmen Mehrheit. — Deutsche Blätter behaupten immer von Neuem, daß Gambetta von jüdischer Abkunft sei. Es ist überflüssig, die oft dagegen angeführten Thatsachen nochmals zu wiederholen; aber man sieht, die deutschen Antisemiten capriciren sich darauf, den Juden Alles zuzuschreiben, was Talent und geistige Größe besitzt! Rußland. Petersburg, 21. August. Die "Nowoje Wremja" berichtet, daß im Ministerium des Innern vor Kurzem die Frage verhandelt wurde, auf welche Weise den Juden in den westlichen Provinzen das Handelsmonopol, das sie sich anzueignen gewußt, wieder genommen werden könnte. Ein Projekt, das bereits vor 5 Jahren von der Intelligenz des Gouvernements Witebsk vorgelegt wurde und bis jetzt unberücksichtigt geblieben war, dient als Ausgangspunkt für die Berathungen, auch hatte die Regierung zu diesem Behufe von den betreffenden Gouvernementschess genaue Berichte über die Zahl der jüdischen Bevölkerung und ihre Beschäftigungsweise eingefordert. Ferner läßt das Ministerium die ihm zugegangene Nachricht, daß auch in unfern Seehäfen eine große Anzahl Juden, Unterthanen fremder Staaten, ohne bestimmte Beschäftigung leben und ohne dort ansässig zu sein, domicilirten, nicht unberücksichtigt, sondern hat die Gouverneure, sowie die Stadtvorstände der Häfen des Schwarzen und Asowschen Meeres mit Instructionen versehen, die den eben bezeichneten Juden den Aufenthalt in diesen Seeplätzen nicht weiter gestatten. (Dies sind freilich lauter Maßregeln, die zur Blüthe des Reiches außerordentlich beitragen werden! Nur nicht zu beschränkt, ausgeschloffen, ausgehungert — das trägt schließlich Früchte, wie — der Nihilismus eine ist!) Petersburg, im August. Man schreibt aus Kowno dem „Utrennyi Kurier": Zu Kowno, Kieydany, Janow, Rosienie und in mehreren anderen kleinen Städten Litthauens hat man eine Menge Plakate vertheilt und an die Häuser geheftet, in denen den Juden mit einem gleichen Schicksale gedroht wird wie das ihrer Brüder in Odeffa nnd Kiew, wenn sie nicht freiwillig das Land verließen. Aber Niemand hat diesen Drohungen viel Aufmerksamkeit geschenkt. Jedermann betrachtete sie als importirt, man weiß nicht von wo. Die Ortsbevölkerung hat den Juden niemals feindselige Gesinnungen gezeigt; und die Nachricht von den Exceffen in Kiew hat in Litthauen eine allgemeine Entrüstung hervorgerufen. Der „Czas" schreibt: Da es dem Generalgouverneur von Kiew auffiel, daß die Polizei-Commiffare und Agenten in der Anwendung der Strafen und Preventivmittel nicht irgend ein einheitliches System befolgten, sondern darin ihren persönlichen Eingebungen nachgingen, so schickte eff — wie la Zaria (das Morgenroth) mittheilt — an die Jsprawnik und Polizeimeister Instruktionen über die Art und Weise, wie die Polizei sich bei vorkommenden Fällen der Unordnung zu benehmen hätte. Nach dem Tenor dieser Instruktionen wären nur in außergewöhnlichen Fällen und