Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1881)
- Date
- 1881-09-06
- Page
- Seite 589 (sequence 7)
- Language
- German
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589 amten im Stande find, die bestgemeinten Dispositionen der Chefs zu vereiteln. Uebrigens wären derzeit die Gouverneure persönlich für die Ruhe in ihren Gouvernements und die Sicherheit der jüdischen Unterthanen des Kaisers verantwortlich gemacht. Hierauf frug der Berichterstatter weiter, weshalb bei wirklich vorhandenem Wohlwollen der Regierung für die Bekenner der mosaischen Religion, vom Grafen Jgnatieff, der ja oberster Chef des Departements für fremde Konfessionen fei, noch keine Schritte gethan wurden, ihnen gleiche Rechte mit den übrigen Unterthanen des Kaisers zu geben und so ihrer! odiosen Ausnahmestellung und ihrer traurigen Lage abzuhelfen?! Die Antwort lautete, daß der Minister zur Zeit die! diesbezüglichen Wünsche der Juden weder erfüllen, noch ablehnen könne, weil sonst das ganze Regicrungsstsstem ein grundfalsches wäre. Eine sofortige Erfüllung der Bitte der Juden könnte leicht für sie selbst höchst verhängnißvolle und schwere Folgen haben, denn das von gewissenlosen und selbstsüchtigen Agitatoren aufgehctzte und fanatisirte Volk könnte sich in solchem Falle nicht mit der bloßen Zerstörung des jüdischen Eigenthums begnügen, es würde sich aller Wahrscheinlichkeit nach alsbald gegen die Juden selbst wenden. Der Senator sprach die Ansicht aus, daß der Minister Jgnaticss und sein Rathgeber von dem nicht ungerechtfertigten Standpunkte ausgingen, daß sich vorerst die gegenwärtig so hoch gehenden [ Wellen der Volksleidenschaft gelegt haben müßten, da sonst j jede Konnivenz den Juden gegenüber nur Oel in's Feuer gießen würde. Auf die Bemerkung, daß die Regelung der Judenfrage durch die vielen Bedingungen, an die sie geknüpft ist, in! nebelhafte Ferne gerückt wird, erwiderte der Senator: „Tie! Semstwos und Dumas (Magistrate) gelten im Auslande für! sehr liberale Faktoren der Selbstadministration, und auch; diese äußern sich dahin, daß ciue sofortige Aufhebung der Beschränkungen des Judcngcsetzes eine imminente Gefahr fürj die Ruhe des Reiches und das Leben der Juden zur Folge! haben könnte. Es geschieht ohnehin Alles, was möglich ist. Die Geistlichkeit verkündet in den -Kirchen die Toleranz, die Gemeinde-Aeltesten suchen die Bauern zu beschwichtigen, die Urjadniko (Landgensdarmen) verhaften die Rädelsführer, das Militär besetzt die bedrohten Ortschaften, die Gouverneure eilen Persönlich auf den Schauplatz der Unruhen, um zu beschwichtigen oder zu bestrafen. Leute, wie Tr. Heurici, dürsten in Rußland nicht frei herumlaufen, sie würden im Jrrenhause unschädlich gemacht werden. Christlich-sociale Geistliche, wie Stöcker, hätte unser Synod schon längst infam kassirt, denn Beide sind Menschen, die etwas gelernt haben, und solche sind verantwortlich zu machen für die Ausschreitungen eines rohen, unwissenden, von ihnen aufgehetzten Pöbels. Die Lage der Regierung ist eine durchaus schwierige. Es Allen zu gleicher Zeit recht thun zu wollen, erinnert an die Fabel vom Vater, Sohn und Esel. Der Endzweck der Regierungsthätigkeit kann sich nur mit den Anschauungen des Czars decken. Der Czar sprach es in öffentlicher Audienz feierlich aus, daß in seinem Reiche allen Unterthanen gleicher Schutz und gleiche Rechte gebühren. Ein solches Herrscherwort ist Dogma für seine Minister. Hätten die Juden nicht als jüdische Korporation, sondern als russische Staatsbürger um gleiches Recht gebeten, es wäre ihnen sofort geworden, weil der Kaiser es gesagt, daß es ihnen gebühre. Sie aber wollen Juden und nur Juden bleiben und stellen sich dadurch der Erfüllung ihrer Wünsche selbst in den Weg. Auf die Frage des Berichterstatters, ob den Juden, welche nicht zur Kaufmannsgilde gehören, der Aufenthalt in! den Städten nach wie vor verboten bleiben würde, wurde! geantwortet: „Man klagt allgemein über die Strenge der russischen Gesetze, dennoch stehen diese zumeist nur auf dem Papier, denn die Toleranz der Administration sucht das Herbe des Gesetzes zu mildern. Beispielsweise dürfen in Petersburg nur 300 Judenfamilien wohnen; wie die Regierung ganz genau weiß, wohnen aber über 36,000 Juden in der Residenz, ohne jemals belästigt worden zu sein. Da sie sich anständig betragen, können sie bleiben, so lange es ibnen beliebt. Ich weiß, daß Jgnatieff die Judenfrage studirt, um alle spezifisch jüdischen Gesetze abzuschaffen, die Juden aus ihrer Sonderstellung herauszuzwingen, denn auch im Auslande sind sie keine geschlossene Kaste, sondern Staatsbürger, wie es die Anhänger jeder andern Konfession sind. Bisher haben die Juden in Rußland dies nicht begreifen, nicht darnach handeln wollen. Nun werden sie den Werth der vollen Gleichberechtigung besser zu schätzen wissen und die Pflichten nicht mehr zu schwer finden ihren neuen Rechten gegenüber." Die interviewte Persönlichkeit steht in der Beamten- Hicrarchic viel zu hoch und hat eine viel zu hohe autoritative Stellung, um nicht über alle Absichten der Regierung genau unterrichtet zu sein. Der Refrain ihrer Reden lautete konsequent: Geduld bringt die Gleichberechtigung de» Juden in Rußland.- Was uns in obiger Erklärung auffällig ist, das ist, daß auch hier die Schuld auf die Juden zu wälzen ver-! sucht wird. Bekanntlich ist in Rußland jeder Ukas Gesetz, j und wenn den Juden etwas gesetzlich vorgeschrieben wird, sind sic gar nicht im Stande, dem zuwiderzuhandeln. Wie sollen sie nun die Ursache der Nicht-Emanzipation, der drückendsten Ausschließungsgesetze abgeben? Haben sie Einrichtungen, die im Wege stehen, die nicht strikte religiöser Natur sind, und das Gesetz hebt sie auf — so hören sie aus zu existiren.