Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1881)
- Date
- 1881-09-06
- Page
- Seite 588 (sequence 6)
- Language
- German
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588 mit einem jüdischen Einwohner in einem öffentlichen Local einen Wortwechsel gehabt, und daraus mag das Landrathsamt Beranlaffung genommen haben, mit Rücksicht auf die bedauerlichen Vorgänge in einigen kleinen Städten Hinterpommerns für alle etwa möglichen Eventualitäten rechtzeitig Vorsorge zu treffen. Jedenfalls aber können wir versichern,! daß die Bürgerschaft unserer Stadt mit den etwa 200 jüdischen Einwohnern bisher auf dem friedlichsten Fuße gelebt j hat, und daß feindliche Auftritte gegen dieselben hier von Niemand befürchtet werden." Auch aus Bereut hatte man einen Exceß gemeldet. Man schreibt uns aber von dort, „daß daselbst die verschiedenen Religionsklaffen in herzlichem Einverständniß leben und für Antisemitismus kein Boden vorhanden ist; so hat der katholische Domherr an mehreren Sonntagen von der Kanzel herab dagegen geeifert, und was das bei einer polnisch-katholischen meist Landbevölkerung sagen will, ist einleuchtend. Es wurde wohl versucht, die Bewegung hierher zu pflanzen, ein Lehrling war der erste „Hepp-Hepp "-Rufer, als der Bengel jedoch von germanischen Fäusten „verhauen" und von unserem (katholischen) Bürgermeister auf energische Veranlagung des (evangelischen) Landraths Geh. Reg.-Rath Engler Landtgsabg. — und wohl auch halb aus eigener Initiative in Strafe genommen und einige Müssiggänger vom Bürgermeister gewarnt worden waren, endete die ganze Dumme-Jungengeschichte mit einem guter peccavi." Unter dem Eindruck, den diese Exceffe machten, hat sich auch die öffentliche Meinung geändert. Man braucht nur eine Reihe von deutschen Zeitungen jetzt zu öffnen, um dies zu bemerken. So sagt die „Neue Badische Landes-Zeitung" in ihrer „Wochen-Uebersicht": „Zur hintcrpommerschcn Wirklichkeit jetzt, zum preußischen Fortschritt vom geistlichen Hepp-Hepp, bis zur Demolirung und zum fröhlichen Diebstahl. Eins haben die ruchlosen Exceffe doch bewirkt und ein Wunder schier; sie haben an der Regierung die Mundöffnung vollzogen und wir vernehmen Worte der Entrüstung, begleitet von der Ankündigung, daß den Ruhestörern die volle Energie der Behörden gezeigt werden soll Es war hohe Zeit, denn die Hetzsaat, zu der man geschwiegen hatte, begann üppig in's Kraut zu schießen und war frech genug, ihr Wachsthum dem Segen des Sonnenscheins von oben zuzuschreiben. Jetzt, da es halbamtlich wetterleuchtet, verleugnet Jedermann die Saat, die Hetzorgaue bekreuzen sich vor dem Pöbel, der die Lösung der Judenfrage so falsch verstehe und nur Henrici hat noch den Muth zu sagen, diese hinterpommerschen Bildungs- und Gesittnngsproben seien Lappalien, mit denen die Judenpreffe Wucher treibe. Der Mann ist wenigstens kein Heuchler und verschmäht es, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen." Neuestes aus Rußland. Die Pflicht, Alles an dieser Stelle zu sammeln, was auf unserm Gebiete nicht bloß als Thatsache, sondern schon was als Symptom erscheint, läßt uns folgende Artikel hier wiedergeben: Dem „Pest. Ll." telegraphirt man: Petersburg, 18. August. In bestinformirten Kreisen wird versichert, Jgnatieff wolle sofort nach Beruhigung des durch nihilistische Agitatoren aufgeregten Volkes ohne jeden Eklat die Emanzipation der Juden vornehmen. Alle die Juden beschränkenden Gesetze sollen aufgehoben werden, anderseits auch sämmtliche mosaischen Sonderrechte, als: Kahalgerichte, Schächtersteuer und Rabbinatsgerichte kassirt werden. Den jüdischen Ackerbau-Kolonisten werden bereits Territorien zu vollkommen gleichen Bedingungen zugewiesen, wie den christlichen Kronkolonisten. Es war dies aber nur ein Extrakt aus folg. Artikel- Petersburg, 17. August. Der Berichterstatter des „Hamburgischen Korrespondet", deffen Beziehungen zu hiesigen Hof- und Regierungskreisen recht lebhafte sind, hatte mit einem einflußreichen Senator (Ex-Minister) eine Besprechung, in welcher unter Anderem auch die Judenfrage erschöpfend erörtert wurde. Die Unterredung nahm ihren Ausgang bei der Erwähnung der Audienz der jüdischen Deputation in Gatschina und ging auf die Situation und die Aussichten der Juden in Rußland über. Der genannte Herr Kollege war so liebenswürdig, mir eine ausführliche Wiederholung seiner hochintereffanten Unterredung mitzutheilen. Im Gespräche mit der erwähnten einflußreichen Persönlichkeit warf der Berichterstatter unter Anderem auch die Frage auf: ob die Zeitungsnachrichten nicht sehr übertrieben hätten, ob die Schilderung der empörenden Greuelsccnen wirklich der Wahrheit entspräche und ob die Regierung — trotz des zur Schau getragenen Wohlwollens für die Juden, noch fernerhin die an Schwäche grenzende Milde der ihr untergebenen Administration gegenüber den Unruhestiftern dulden wolle. Der Senator erwiderte, daß die Regierung mit den strengsten Maßregeln und der größten Energie wider die Anstifter von Krawallen Vorgehen würde, auch dieserhalb den Gouverneuren die strengsten Weisungen habe zukommen lasten. Die telegraphisch verfügte sofortige Entlastung des Gouverneurs von Tscheruigow beweise übrigens zur Genüge, wie die Regierung den Mangel an Takt und das nicht rechtzeitige energische Einschreiten der Chefs der administrativen Behörden ahnde. Trotz der von Jgnatieff den Gouverneuren ertheilteu präzisen Weisungen könnten aber noch hie und da einzelne Fälle von Unruhestiftungen Vorkommen, weil die Indolenz, Unfähigkeit, oft sogar Böswilligkeit der Unterbe-