Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1881)
- Date
- 1881-09-06
- Page
- Seite 586 (sequence 4)
- Language
- German
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586 Sie haben die jetzt brennende Judenfrage bei ihrer Wurzel angcsaßt, indem Sie den Schatz Ihrer geschichtlichen Gelehrsamkeit aufgethan, um mit thatsächlicher und urkundlicher Vorführung der mittelaltcrigeu Gräuel, mit denen die Kirche und vor Alum ihre geistlichen Führer und Bcrather sich an dem Judenvolke versündigt haben, sich an das christliche Gewissen zu wenden. Denn so lange die Kirche sich nicht durch öffentliche Buße von jenen durch die Jahrhunderte sich fortsctzendcn öffentlichen Sünden losgcsagt, bleibt sie kraft unverbrüchlicher Gottesordnung solidarisch unter den Bann jener Schuld verhaftet. Diese Sühne ist bisher nicht erfolgt; auch die Reformation hat sie nicht geleistet. So ist es denn kein Wunder, daß das, was jetzt in Rußland und in Pommern geschieht, sich als die korrekte Uebersetzung aus dem Mittelalter in das neunzehnte Jahrhundert darstcllt. Tann aber giebt cs für die christlichen Geistlichen jeder Konfession keine dringendere Pflicht, als das Versäumte nunmehr uachzuholen und durch strenge Berurthcilung jener sündigen Vergangenheit endlich dem wilden Feuer Einhalt zu thun. Mit Recht haben Sie daher Ihre Verwunderung ausgesprochen über das, was gegenwärtig in der Hauptstadt des deutschen Reiches geschieht. Es ist ein sehr trauriges Symptom heilloser Verwirrung in der deutschen Kaiserstadt, daß ein evangelischer Hofprcdiger sich mit einer unglaublichen und eines Theologen ganz unwürdigen Oberflächlichkeit und Leichtfertigkeit in seiner Eigenschaft „als Geistlicher" in die Judenverfolgung hinein gestürzt und damit einen großen Anhang gefunden hat. Jeder ernstlich Denkende hat cs vorhergcsehen, Biele haben cs vorausgesagt, daß wenn ein Hofprcdiger sich an der bekannten schmachvollen Antisemiten-Pctition betheiligt und dieselbe mit seinem Namen unterschreibt, dann naturgemäß die selbstsüchtigen Leidenschaften der Masse gegen die Juden entfesselt werden würden. Obgleich nun jetzt die betrübenden, das junge deutsche Reich tief erschütternden Folgen zu Tage treten, erkennt jener vor allen anderen verantwortlichste intellektuelle Urheber der Judenverfolgung noch immer nicht seine Schuld, sondern im Gegentheil in dem Wahn, mit einigen Redensarten die wider ihn erhobenen Anklagen vernichten zu können, setzt derselbe sein agitatorisches Treiben fort und die Berliner Geistlichkeit beharrt dieser das Christenthum lästerlich kompromittircnden Agitation gegenüber in unverantwortlichem Verstummen! Es ist ein wahrer Segen, daß Sic, hochverehrter Herr Doktor, als berufener und anerkannter katholischer Theologe ersten Ranges in dieser großen und ernsten Sache Ihren Mund aufgethan haben. Gestatten Sie mir nur die dringende Bitte, daß Sie Ihre am 25. Juli gehaltene Rede als Monographie ausgeben und so allgemein zugänglich machen mögen, damit die gewichtigen Thatsachen, welche Sie ans Licht gestellt haben, in weiteren Kreisen bekannt werden und dadurch jenem unwissenden wüsten Treiben ein mannhafter und christlicher Ernst mit steigendem Nachdruck Einhalt gebieten möge. Wolle Gott Sie noch lange unter uns frisch und tapfer erhalten zum Heil der deutschen Christenheit! In vcrehrungsvoller Ergebenheit Rostock, 18. August 1881. M. Baumgarten. Pöbelerceffe in Pommern und Westprrußen. in. In den Werken Friedrich des Großen in der Ausgabe von Prcuß findet sich Band I, S. 212 folgende Stelle: Toutes ces sectes (de la religion) vivent ici en puix et conti'ibuent egalement au bonheurdo l'Etat — laisse ä nn cbacun la libertV* d’aller au fiel par (juel chemin il lui plait. seit bon eitoyen, e’est tout ce qu’on lux demande. „Alle diese religiösen Sekten leben hier in Frieden und tragen gleicher Weise zum Wohle des Staates bei — laßt einem Jeden die Freiheit, auf welchem Wege es ihm beliebt, in den Himmel zu kommen, er sei nur ein guter Bürger, dies ist Alles, was man von ihm verlangt." Etwas über ein Jahrhundert ist vcrfloffen, seitdem der große König den Zustand in seinem Staate mit den obigen Worten schilderte. Und dieses Jahrhundert bezeichnet man als das der außerordentlichsten Fortschritte. Aber wie weit sind wir gegenwärtig in Preußen von der Lage der Dinge entfernt, welche Friedrich mit so einfachen aber klassischen Worten charakterifirt, und die er dem preußischen Staate wie ein Bermächtniß, das unantastbar bleibe, hinterlaffen hat. Jahrelang treten offen und ungescheut unter den Augen der höchsten Behörden selbst in der Hauptstadt Agitatoren, an ihrer Spitze ein Hofgeistlicher, auf, um gegen eine bestimmte Religionspartei, gegen eine Klasse der gleichberechtigten Staatsbürger, den Haß des Volkes zu wecken, zu entzünden, zu schüren, auf sie alle möglichen Verleumdungen und Verschuldungen zu wälzen, gegen ihre verfassungsmäßigen Rechte zu intriguircn, ja sogar ihre Austreibung zu verlangen. Man donnert auf solche Weise in Versammlungen, man benutzt jede! Art der Presse, um das Gift des Haffes und der Verachtung gegen sie zu verbreiten. Sie reisen durch die Provinzen, i um auch da ihre furchtbare Saat auszustreuen. Dies geschieht Jahrelang. und kein Gesetzesparagraph wird gegen sie ange-! wendet. Die Saat geht auf. Durch zwei Provinzen breiten Isich von Tag zu Tag die Judenkrawalle aus; Häuser werden j demolirt, an einem und dem anderen Orte stark geplündert, .der Sicherheitsbehörde Widerstand geleistet, bis die Haufen I mit blanker Waffe auseinandergetrieben werden müssen.