Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 36 (6.9.1881)
- Date
- 1881-09-06
- Page
- Seite 585 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227376--39233-3308532- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
585 nommen, für dessen Wesen, Bildung, Genius und politische Stellung ebenso begeistert, bisweilen befangen, wie irgend welcher Bürger eines anderen Glaubensbekenntnisses. Dies ist unsere innerste Ueberzeugung. die wir im Angesichte der gesammten civilisirten Welt ausrechterhalten. — Hiergegen glauben unsere Gegner einen Trumps auszuspielen, indem sie aus die Alliance israelite universelle Hinweisen, die sie als einen Sturmbock gegen die nationale und politische Integrität der Juden in's Gefecht führen, die sie für eine Verschwörung der gesammten Judenheit gegen die christliche Welt ausgeben. Nichts ist grundloser als diese Verleumdung. Wir glauben darüber um so eher urtheilen zu dürfen als wir, in der Voraussicht, was unsere gewissenlosen Feinde daraus machen würden, dem Gedanken der Alliance nicht zugestimmt haben. Aber es kommt aus unser Urtheil gar nicht an. Tie Statuten, die Verhandlungen, die Berichte der Alliance sind stets wortgetreu veröffentlicht worden, und sind Jedem zu gänzlich, der sich davon unterrichten will. Ihre Zwecke sind einfach: den Juden in den Ländern, wo sie Unterdrückungen und Verfolgungen erleiden, Unterstützung zu gewähren, wo möglich Abhilfe zu schaffen und besonders zu diesem Zwecke unter den herabgekommenen Juden des Orients durch Errichtung von Schulen mehr Cultur zu verbreiten, lieber diese Zwecke, die reinster humanster Natur sind, ist sie niemals hinausgegangen. Uebrigens kann sie nicht ein Mal als eine allgemeine Verbindung angesehen werden, da in England, Oesterreich und Amerika sich besondere Vereine ähnlicher Tendenz gebildet haben und sie außer in Frankreich, Deuffchland und Italien nur wenige Mitglieder zählt. — Allerdings, die Feindseligkeit, die man gegen die Juden in der letzten Zeit, oft in heftigster Weise und endlich in schmählichen Thaten verübte und deren Ende noch nicht abzusehen ist, nöthigt den Juden ein Gefühl der Gemeinsamkeit aus; wo man so die Gesammtheit mit Schmähungen überhäuft, wo man jede böse Handlung oder Eigenschaft eines oder einiger Einzelnen der Gesammtheit ausbürdet, als ob es nicht unter allen Consessionen, Raren, Nationen und Communen Schurken und Schufte gäbe — da zwingt man eine Zusammengehörigkeit aus, die aber dann auch nicht weiter reicht, als dieses Mißgeschick selbst! Wohl, eine ausrichtige Prüfung wird hier auch aus Uebelstände stoßen, die nothwendig aus den geschichtlichen Perhältniffen hervorgegangen, und die in einem so kurzen Zeitraum seit der Aufnahme in die bürgerliche Gesellschaft noch nicht genug beseitigt werden konnten. Als einen llebelstand sehen wir es an, daß sich noch ein zu großer Prozentsatz der Juden dem Handel, ein ziemlicher der höheren Industrie, ein geringerer dem Handwerk und Ackerbau zugewendet hat, obgleich, namentlich was das Handwerk betrifft, lange nicht in dem geringen Maße, wie unsere Gegner behaupten. Denn z. B. in Berlin, Wien und andren größeren Städten giebt es eine beträchtliche Zahl jüdischer Handwerker. Aber eine Ungunst war es, daß die Emanzipation in eine Zeit fiel, wo der Handel einen so unermeßlichen Ausschwung nahm, wo die Fabrik das Handwerk verdrängte, wo das Finanzwesen eine nie geahnte Ausdehnung erhielt. Was ist da natürlicher, als daß eine Klaffe, die man mehr als ein Jahrtausend zum Handel und Geldgeschäft gezwungen hatte, vorzugsweise in diesen Branchen verblieb, die sich in der Neuzeit so vortheilhaft gestaltet hatten? Eine so alte, in der Wirklichkeit wurzelnde Tradition wirkt noch lange nach, auch wenn die beffere Einsicht längst gekommen, und erst nach und nach löst man sich davon ab. Speziell was den Landbau betrifft. Bon der städtischen Bevölkerung geht nur eine höchst geringe Zahl zum Ackerbau über; in diesem muß man geboren und erzogen werden. Man kann nicht mit einem Federstrich aus einer städtischen Bevölkerung, zu der die Juden ja einen so ungeheuren Zeitraum hindurch gehören mußten, einen Bauernstand machen. Was aber den größern Grundbesitz betrifft, so erhebt sich, wenn ein Jude einen solchen erwirbt, das Geschrei, die Juden bringen allen Grundbesitz in ihre Hände, so daß man säst wünschen möchte, die Juden erwürben solchen nicht. Fahren wir in unsrer Prüfung fort. (Forts, folgt.) Prof. Dr. theol. M. Saumgarten an I)r. von Döüinger. Ter Pros, und Dr. der Theologie, Reichstagsabgeordneter Baum garten, von deffen Broschüre gegen Stöcker wir jüngst in diesem Bl. eine Besprechung gaben, hat, wie die „Nat.-Ztg." berichtet, folgendes Schreiben an Döllinger gerichtet: Hochverehrter Herr Präsident! Es giebt jetzt nicht Vieles, was einem Deutschen Freude macht. Dieses seltene Glück ward mir zu Theil, als ich jüngst in Jnterlaken Ihre Rede über die Juden las. Jetzt, aus der Schweiz zurückgekehrt, kann ich nicht unterlassen. Ihnen meine hohe Freude und Dankbarkeit über Ihr höchst zeitgemäßes und verdienstliches Wort vom 25. Juli öffentlich auszusprechen. Es ist ein goldenes Wort, mit dem Sie Ihren Vortrag einleiten: „in unseren Tagen darf die Wiffenschast nicht sich selbstgenügsam vom großen Markt des Lebens fern halten, vielmehr hat sie die stärksten Gründe, sich mit ihren besten Früchten an der Lösung der unserer Zeit und Nation gestellten Ausgaben zu betheiligen". Möchten nur die Männer der hohen Intelligenz unter uns diese Ihre ernste Mahnung und Ihr herrliches Beispiel beffer, als es einstweilen der Fall ist, beherzigen! 36'