Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 35 (30.8.1881)
- Date
- 1881-08-30
- Page
- Seite 575 (sequence 9)
- Language
- German
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milde hat er jene Agitation als „unerwünscht" bezeichnet, und doch wechselt er mit den Agitationsvereinen ans purer „Höflichkeit" telegraphische Grüße'. (Bravo!) Wir sind stolz auf den Kriegsruhm Deutschlands, aber wie verblassen muß dieser Ruhm im Anslande, wenn solche Seeneu sich wiederholen, wie verblassen muß die äußere Einheit, wenn die innere Eintracht dabei zu Grunde geht. (Allseitiger Beifall.) In Berlin nimmt diese Bewegung wenigstens keinen tragischen Verlauf! Ein Jeder dieser Herren wird vom Andern abgcthan! (Heiterkeit.) Sie übten das „praktische Christenthnm" in den Ferien, indem sie sich schlagen und vertragen und wieder tragen! Wer ist der Bessere: Stöcker oder Henrici? Wenn ich ehrlich mein Urtheil abgeben soll, gebe ich die Palme Julius Ruppel. (Stürmische Heiterkeit.) Das ist ein Mann, da kommt ohne Lack und Firniß Alles klipp und klar zu Tage, was Henriei und Stöcker wollen! (Große Heiterkeit.) Tie Herren gleichen jetzt jenen beiden Löwen, die freundschaftlich in den düstern Wald gingen und sich dort verschlangen, bis nur die Schwänze übrig blieben. (Heiterkeit.) Wir wollen sie in dieser Beschäftigung nicht stören! Inzwischen ist uns aber in diesem Wahlkreise ein Candidat in Herrn Stöcker erstanden und ich frage vergeblich: womit hat der Wahlkreis das verdienr'? (Heiterkeit.) Der Wahlkreis beherbergt ja viele Beamten — aber was hat Stöcker mit den preußischen Beamten gemein'? Biele der preußischen Beamten stehen auf unserem, viele ans anderem politischen Standpunkte, aber in den preußischen Beamten lebt nicht der Geist Stöcker's, sondern es lebt in ihnen noch der Geist Friedrich'S des Großen und der Geist Stein's und Hardenberg'S, und Pfaffenknechte sind die preußischen Beamten nie gewesen. (Stürmischer Beifall.) Wir halten uns stark genug, allein mit Stöcker fertig zu werden und halten es für eine Beleidigung der Reichshauptstadr, auzunehmen, daß hier ein Stöcker gewählt werden könnte. (Beifall.) Da er aber aufgestellt ist, müssen wir sorgen, ihn so stark als möglich durchfallen zu lassen. (Bravo.) Alles hat gegen ihn ein Interesse, was eine selbstständige Bertretung und Niedcrhaltung deS Pfaffen- und des Muckerthums wünscht, welches sich dort, wo jene Excesse stattgefunden, nicht aber in Berlin eine Stätte suchen mag. (Lebh. Beifall.)" Stettin, 16. August. Wie von hier gemeldet wird, hat sich der Oberpräsident, Freiherr von Münchhausen, in Folge der in verschiedenen Städten HinterpommernS vorgekommenen Ruhestörungen, nach diesem Lande begeben. Wie wir einem Privatbriefe aus Schievelbein entnehmen, ist dorr vorgestern Morgen,^ Uhr, eine Compagnie Infanterie von Cöslin eingetroffen. Eine Stunde später wurden 23 Gefangene, einer der Haupthetzer, ein angesehener 60jährigcr Bürger mit weißem Haar voran, mit Stricken gebunden von Soldaten nach dem Bahnhofe escortirt, um nach Cöslin übergeführt zu werden. — Auch hier hat am 15. d. ein Krawall statlg 'u weu. Aber das energische Einschreiten der Polizei erstickle ihn im Keime, und die Militärpatrouillen sanden bereits Alles in Ruhe. Man glaubt nicht, daß sich die Auftritte wiederholen werden, da die Anreger das T.örichte ihres Unterfangens eingesehen haben. 11) Personen wurden verpaffet und dem Untersuchungsrichter vorgefnhrt. In Körliu und Ppritz haben sich die Schützen- und Kriegervereine erboten, im Rolhfalle gegen Tumultuanten der Polizei Beistand zu leisten. Könitz (Westpr.), 11. Aug. Man schreibt von hier: Ter Kravall gegen die Inden hat sein Ende erreicht. Tie acht Gendarmen sind sämmtlich von den Straßenpatronillen zurückgezogen worden. In dem cirea acht Tage dauernden Unfug wurden 20 Personen verhaftet und pro Person mit einer Geldstrafe von 6. M. und darüber belegt. Bon den Ausschreitungen hat keine einen widerwärtigeren Eindruck gemacht, als die, daß man den Leichenzug eines jüdischen Greises mit Hetzrufeu bis auf den Kirchhof verfolgte. Marienwerder, 17. Aug. Auch der hiesige R e g i e r u n g s- ' Präsident hat einen Erlaß an die Landräthe deS Bezirks gesandt. In demselben wird die bcstinnnre Erwartung ausgesprochen, daß durch die Ortspolizeibehördeu und ereenliven Organe der Sicherheilspolizei mit vollstem Rachdruck und allen zu Gebote stehenden gesetzlichen Mitteln dasür gesorgt werden wird, der Wiederholung derartiger Excesse vorzubeugen und eventuell gegen erneute Versuche mir größter Energie cinzuschrciten. ES heißt dann in dem Erlasse: „Ich weise darauf hin, daß sich die Publication der auf den Landfriedensbruch sowie auf die hierbei in Frage kommenden Verbrechen und Vergehen gegen die öffentliche Ordnung bezüglichen strafrechtlichen Bestimmurgen rt allen Orten, in welchen Unruhen zu befürchten sind, als zweckmäßig empfiehlt. Es läßt sich nicht verkennen, daß die bedauerlichen Excesse wenigstens zum Tbeil auf die in letzterer Zeit gehaltenen agitatorischen Vorträge zurückzuführen sind, und es steht zu befürchten, daß durch eine versuchte Wiederholung derartiger Vorträge die Veranlassung zu erneuten Ruhestörungen gegeben wird. Ten: Versuche einer Aus beutung und Steigerung der vorhandenen Aufregung, insbesondere durch eine Erörterung der bezeichncten Vorgänge und ihrer Ursachen in öffentlichen Versammlungen, durch bekannte Agitatoren muß daher unter allen Umständen cingegengetreten werden. Tie gesetzliche Handhabe hierzu bietet sich im 5 des Gesetzes vom 11. Mär; 1350 in Verbindung mit der Erwägung, daß unter den jetzigen Verhältnissen schon allein in der öffentlichen Erörterung von brennenden Tagesfragen in einem, zur Erregung der BolkSleidenschaften geeigneten Sinne durch Agitatoren dieser Richtung eine Ansreizung verschiedener Klassen der Bevölkerung zu Gewaltthätigkeiten gegeneinander im Sinne des 8