Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1881)
- Date
- 1881-08-23
- Page
- Seite 562 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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562 Ich war vollständig unvorbereitet, hatte feinen Zettel zur Hand und keine Ahnung von dem Inhalte des Stückes. Und die Folge davon war, daß der erste Eindruck mit elementarer Gewalt auf die Lachmuskeln wirkte. Es handelte vereinigten Familie schimmert noch ein Abendroth des Glücks. — Am andern Tage besuchte ich ein Lustspiel. Da gab'S einen reichen Wechsler und Wucherer, der seine Augen aus daS junge Fräulein geworfen hatte, das in üblicher sich offenbar um etwas sehr Trauriges, und die beiden Weise den „Anderen" liebt, denn der ist, „a seiner Mann" Liebesleutchen sprachen mit ernstgemeintem Affeet. Tie Wortej und jung dazu. Da war die Hauptfigur ein von einem waren nicht rumänisch, nicht polnisch, nicht russisch, sondern! männlichen Darsteller ganz unübertrefflich gespieltes schwach' meist dem deutschen Sprachschätze entnommen, doch klangen fremdartige Laute mit hinein , wie „Schieber", „meine Schumma", „nn is er schon a saincr Mann". Dazu aber gurgelte die Sprache so seltsam, die Kehllaute überpurzelten einander namentlich in erregten Momenten mit so unverfrorener Naivität, daß Shr und tragisches Gefühl sofort mireinander in Consliet geriethen und die daraus hervorgehende Spannung der Gemüther sich ein einer gewaltsamen Erschütterung des Zwerchfells entlud. Trotzdem ivar etwas köpsigcs Weib, die jüdische Köchin des Hauses, die immer aus dem Hundertsten ins Tausendste kommt und unablässig von ihrem srühcrn Mann erzählt, die Carieatur einer Frommen, die sich entsetzt, als sie die beiden Liebesleutchen einander küssen sieht, „denn ihr Mann habe sie während ihrer ganzen Ehe nie geküßt und sei ein Heiliger gewesen über alle Heiligen". Der Wechsler, in dem der jüdische Tartuffe gegeißelt wird, hat dem Batcr des Mädchens den Strick in Gestalt eines bereits bezahlten aber nicht vernichteten au der Sache, das mich fesselte. Hat man doch auch beim > Wechsels um den Hals gelegt, und der Knoten löst sich ersten Besuche einer holländischen Tragödie als Deutscher! schließlich dadurch, daß der Betrüger die Köchin in aller einige Schwierigkeiten zn überwinden! Ich lachte mich! Eile heirathet, weil er hört, daß sie ein Bicrtelchen vom draußen sart, kaufte mir einen Theaterzettel und legre mir! großen Loos gewonnen hat, während sie in ihrer Dummheit einen Dolmetsch zu. Ta bekam die Sache nun bald ein ganz anderes Angesicht. Die Scene spielte in Rußland. Der junge Mann ist ein Ehassid, ein Aufgeklärter, und wird von der bigotten Gemeinde des Städtchens mit fanatischer Wuth verfolgt. Unter dem Borsitze des alten Rabbiners versammeln sich die Frommen zu nächtlicher Stunde, halten Rath, zappeln wie den Schein schon lange vorher dem Fräulein verkauft hatte. Tie Sache stellt sich natürlich erst nach erfolgter Trauung heraus: die neue Madame Bankquier, resolut und hirnverbrannt wie sie ist, bietet sich vor der feinen Hochzeitsgefellschasl an, bei dem Fräulein noch so lange zu kochen und zu wichsen, bis die Schulden, die der Herr Gemahl durch den mißlungenen Coup auf sich geladen hat, getilgt sind; der rasend, zupfen unermüdlich die langen Bärte und laden die! Geprellte schlägt die Hände über dem Kopse zusammen und Weiber des Torfes, die das Liebespaar begünstigen, zu Ber-!die Flitterzeit beginnt mit einer famosen Keilerei, in der hör. Das ist eine Scene von grauenhafter Gewalt, selbst! der Gemahl den kürzeren zieht. Ueber diesem Progwenn man von dem, was diese Altgläubigen sprechen, kräch-! nostikon für die schöne Ehe fällt der Borhang. Und so geht zen und schnarren, nur selten einmal ein Wort versteht:! es weiter in anderen Lustspielen und Tragikomödien. Die „Klaini ch ch keit", „Klainc Chinder", womit daS Liebespaar! Tendenz geht immer gegen gewisse Fehler, Borurtherle und gemeint ist. Das junge Pärchen flüchtet nach Petersburgs Laster der südrussischen israelitischen Gesellschaft; bald ist cs wo es einige Zeit die Flitterwochen genießt. Aber die Fana-! die Habsucht, bald die Heuchelei, bald der naive religiöse üker schicken einen Berräther dahin, der den jungen Mann! Wahn, der au Wunder und Gespenster glaubt, was in seiner durch ein Paketchcn falscher Banknoten, die er in seine ganzen Wildheit und Blöße dargestellt und unerbittlich ver- Taschen gleiten läßt, nach Sibirien besorgt. Ter folgenbc; ipDttct wird. Es sind lauter ans ganzem Holz geschnittene Act spielt zwanzig Jahre später. Tie jüdische Gemeinde Typen, urwüchsige, von ungebrochenen Trieben beherrschte muß einen Reeruten stellen. Tie Fanatiker versammeln sich! Charaktere, überall eine Energie des Willens, eine dramatische wieder und beschließen, der Wittwe des Chassid ihren Sohn Kraft, die man dämonisch nennen möchte. Das läuft alles zu entreißen, den dieselbe in aller Stille zu einem „seinen" mit dem Kopfe gegen die Wand. Und der anfangs unsere jungen Manne erzogen hat. Ein wildes Bacchanal der halb Shrcn quälende Jargon rvird im Munde dieser Charakterbetrunkenen Fanatiker feiert den Gott wohlgefälligen Rath, gestalten, im Sturme der aufgeregten Leidenschaft zur natur- und auch das ist ein scenisches Gemälde, das einem Höllengemäßen Sprache, die den Gedanken umkleidet wie ein an- Brenghel Ehre machen würde. Zum Glücke kommt der gepaßtes Gewand. ES ist nichts Hölzernes und Conventiojunge Soldat gerade in einen District, wo sein mittlerweile nelles bei diesen Darstellungen, denn alle Charaktere, die aus der Gefangenschaft zu Ehren und Würden gelangter tragischen wie die burlesken, sind unmittelbar dem wirklichen Baler die einflußreichste Persönlichkeit geworden ist: der Leben, den gesellschaftlichen Berhältnissen der südrussischen Knoten löst sich, die Unthat wird bestraft und der wieder Juden entnommen. Hier spielt, ganz wie bei den Natur-