Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1881)
- Date
- 1881-08-23
- Page
- Seite 563 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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563 schauspielern aus Oberbaiern, ieder L>chauzpieler stch selbst/jüdischen Melodieen von sehr eigenartigem Charakter , bald zuckt, gesticulirt und zappelt so, wie er es im wirklichen Leben traurig, bald von wilver Lustigkeit erfüllt, und wenn man gewohnt ist, und spricht die Sprache, die ihm von Jugend dieselben hört, io weiß man auch, woher A. Rubinstein seine auf geläufig ist. So heiß lodert die dramatische Flamme sonderbaren, mit übermäßigen Seeunden einhergleitenden oft genug empor, daß der letzte Rest eines gewissen Erdge- Gänge geholt hat. Die Regie ist vortrefflich und das Zuschmackes verzehrt wird und der Zuschauer sich vom Pathos sammenfpiel tadellos. einer durchaus künstlerischen Erschütterung ergriffen fühlt. Damit mau aber eine 'Anschauung von der eigenthüm In socialer Beziehung ist dies jüdische Theater eine lichen Sprache dieser melodramatischen Schöpfungen erhalte, höchst interessante Erscheinung. Man versuche nur einmal,1 wollen wir aus einem Manuseript eine Strophe eines Liedes sich eine solche Bühne in Deutschland vorzustellcn, unter blasirten Börsenleuten und Antisemiten l In Rußland jubeln die fortschrittlichen Juden ihr zu und die Frommen ärgern sich, lassen sich aber von Frau und Kind zu den Borstellungen hinnöthigen. Es ist ein Culturkampf, der mit schneidigen Waffen und mit schonungsloser Schärfe geführt wird, aber dabei mit einer gesellschaftlichen Toleranz, um die manche deutsche Culturkämpfer aus beiden Lagern die russischen und rumänischen Juden zu beneiden hätten. DaS Unternehmen besteht erst wenige Jahre. Zwei jüdische Literaten haben es ins Werk gesetzt, die Herren A. Goldfaden und Schackievitz. Erslerer hat es in Rußland bis;um Bacealaureat gebracht, ist dann Kaufmann geworden und nachdem er Bankerott gemacht, nach Czernowitz gegangen, wo er eine Zeitung redigirte, „das Volksblatt". Später hat er in Lemberg eine jüdische Zeitung „Jsrulik" („das JüDchen") herausgegeben und sich dann auf Novellen verlegt, denen er später dramatische Form gab. Sein erstes Bühnenstück hieß „Großmutter und Enkelin". Eine ähnliche Laufbahn hat Schackievitz Innrer sich, der in Ddessa wohnt, erst verdorbener Theologe, dann Literat, was ja bei uns auch nicht selten ist. Goldfaden ist selbst Impresario geworden und bat mir einer wohlgeschulten Truppe in Südrußlaud sehr gute Geschäfte gemacht. Die hiesige Truppe ist eine Abzrveigung von der seinigen, und Die jüngsten Judenverfolgungen in Rußland sind der Anlaß zu ihrem Auftreten in Bukarest. Sie besteht aus zwanzig Mitgliedern, lauter jungen Leuten, deren Bühnen bildung kaum über einen Standpunkt reicht, den wir als dilettantisch bezeichnen würden. Das Spiel dieser Leute aber geht hoch über diese Stufe hinaus. Sie haben ihre ganz und gar naturalistische Darstellung zu einer erstaunlichen Virtuosität ausgebildet; einen Charakrerspieler wie Herr MoseS Fintel har nicht manche deutsche Bühne, und der erste Liebhaber Herr Moses Silbermann, hat nichts von der Ungelenkigkeit und der zerfließenden Art seiner deutschen College», ohne daß es seiner ruhig selbstbewußten Art an Wärme fehlte. Uebrigens betrachten diese Künstler sich mehr als Sänger denn als Schauspieler und bleiben in ängstlicher Pflege ihrer Srimmorgane hinter keinem westeuropäischen Sperntenor zurück. Tenn es find in den Dialog eine Menge Lieder, Duetten und Chöre eingestreut, sämmtlich zu narioualherausschreiben, die ein wegen seiner Freisinnigkeit von den Fanatikern eingesperrter Jude im einsamen Kerker singt: Steh mit’ mein Volk! — Erwach von dein Drituel. '( ln Narrheiten sei nicht vergabt! -) Frisch i»t <ler Morgen, lauter «ler Himmel. Alles freuet sich UU'l lebt. l>“i allen Völkern sein die Ladens : i lang offen. Von Bildung scheinet ihnen ein .Schein. Die frische Luft von Freiheit und Hoffen Scheint ihnen in Zimmer herein. Nur mein Volk will nicht die Fenster aufmachen. Mit ihm ist ein ewige Flag: Verseilluft er seine Zeit und will nicht aufwachen Steh auf mein Volk, ’s ist schon Tag'. DaS sind die Worte, und wer sich daran stoßen wird, mm, dem ergehtS just ebenso, wie es anfangs mir selber ergangen ist. Aber man löse von der Form, die immer eine Sache der Convention ist. die Gedanken und die Bilder ab, denke sich eine in ergreifender Klage und feurigem Aufschwung abtvechselnde Melodie dazu, und frage sich, ob nicht eine wahre und liefe Poesie darin sein kann. Und sie ist darin, und ich versichere, daß ganze Dutzende von Sachen unserer abgegriffenen Lustspiel- und Tragödien Literatur nicht dagegen anfkommen. Es eristiren jetzt bereits an drei Dutzend dramatische Werke dieser Art, meist Sriginaldichtnngen, einige nach ausländischen Motiven bearbeitet, andere aus der Bibel und aus der jüdischen Legende, alle nur handschriftlich vorhanden und mit hebräischer Cursivschrift geschrieben. Ten Hauptstock der hiesigen Zuschauer bildet die Judenschaft, denn sie allein versteht das Idiom, das in erregten Dialogen viel mehr hebräische. russische und polnische Worte anfweist, als im obigen Beispiele, und dann für einen Deutschen unverständlich ist. Die Leute amüsiren sich köstlich mit Ausnahme von zwei Kategorieen, den Frommen und den Feinen, welch letztere den alten Jargon am liebsten in Vergessenheit begraben möchten. Ich halte das für Kurzsichtigkeit, denn gewöhnlich geht ja im Leben rasch unter, waS sich anschickt, unsterblich im Gesang zu leben. ’ Traum. Traue nicht. ' Fenne rtäteu.