Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 34 (23.8.1881)
- Date
- 1881-08-23
- Page
- Seite 558 (sequence 8)
- Language
- German
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Aus Hinterpommern, 11. August. Die erste Folge der ministeriellen Weisungen an die Regierungspräsidenten scheint es zu sein, daß man in Köslin an den Straßenecken große Plakate sieht, aus denen die Paragraphen 1, 115, 116, 124, 125 und 130 des Strafgesetzbuches — dieselben enthalten die Strafandrohungen gegen öffentliche Zusammenrottungen, Widerstand gegen die Staatsgewalt, Laudfriedensbruch und Aufreizung der verschiedenen Klaffen zu Gewaltthätigkeiten gegen einander — in ihrem Wortlaut zur Kenntniß gebracht werden. In Köslin herrscht große Aufregung; die „Kösl. Z." schreibt: „Seit Dienstag Nachmittag ist unsere Bürgerschaft in gelinder Aufregung in Folge der Nachricht, daß Di'. Henrici, der Mann, dem wir den traurigen Ruf, in welchen der Kösliner Regierungsbezirk seit einigen Wochen gcrathen,;um großen Theil mit zuzuschreiben haben, in unseren Mauern weilt, um in unserer bis jetzt friedlichen Stadt auch ein bischen „Bürgerkrieg" zu insecniren. In Köslin schien dem sauberen Herrn die Polizei indessen ungemüthlich zu sein, und er hat cs deshalb, wie verlautet, vorgezogen, sich unter die Fittiche des Herrn Lehmann-Curow zu begeben und sein Hauptquartier in Rozzow auszuschlagen. In einer vielleicht mit dieser Botschaft zusammenhängenden außerordentlichen Magistratssitzung wurden, wie wir hören, die zu treffenden Maßnahmen berathen, falls sich hier einige Ruhestörer veranlaßt fühlen sollten, die traurigen Krawalle auch nach unserer Stadt zu verpflanzen." — Trotz der bösen Frucht, welche die Hetzreden des Dr. Henrici in Neustettin und den benachbarten Orten bereits gezeitigt haben, hatte nach der „Nordd. Pr." dieser Agitator die Absicht kundgegeben, am 14. d. M. in Hammerstein, wo es auch bereits zu Krawallen gekommen ist, wieder das Feuer zu schüren. Die „N. Westpr. Mitth." in Marienwerder sind nun in der Lage versichern zu können, daß die dortige Regierung den beabsichtigten Bortrag verbieten werde. Die Regierung zu Marienwerder habe ferner den Landräthen der betheiligten Kreise sofort auf telegraphischem Wege den gemessensten Befehl ertheilt, die dort vorkommenden Ausschreitungen gegen die Juden in energischster Weise zu unterdrücken. — Inzwischen hat es am Sonntag auch in Rummelsburg in Hinterpommern wieder einen Krawall gegeben. Es sind dort in vielen Häusern und in der Synagoge die Fenster eingeworfen; die patrouillirenden Polizeibeamten und Gensdarmen wurden thätlich angegriffen. In Hammerstein sind wegen Betheiligung an den dortigen Excessen 6 Personen verhaftet, die von dort nach Könitz trnnsportirt und dem Landgerichts- Gefängniß überwiesen wurden. In Flatow soll es nun auch schon zu gähren beginnen. Die dortigen Antisemiten vergriffen sich aber, wie der „Ges." schreibt, in ihrem Ziel: sie warfen einem katholischen Rechtsanwälte zwei Fensterscheiben ein. In Jastrow wollten sie sich, wie der „Germ." geschrieben wird, an dem katholischen Geistlichen vergreifen, weil derselbe zum Frieden gemahnt hatte. Zempelburg, 2. August. Dem „Gesell." wird von hier geschrieben: Ein hiesiger Bäckermeister ist für eine judenfeindliche Aeußerung, die er bei einer Besprechung des Judenkrawalls in Pr.-Friedland gethan hatte, dadurch bestraft worden, daß seine jüdischen Kunden Tags darauf die Annahme der von ihm gelieferten Waare verweigerten. Schließlich legte sich sein Sohn in's Mittel und führte eine Versöhnung herbei; als Sühne mußte der Bater dem jüdischen Tempel mehrere Pfund Kerzen opfern. Posen, 10. August. (Ostsee-Z.) Die beklagenswerthen, neuerdings in mehreren kleinen Städten Westpreußens und Hinterpommerns von Werkzeugen der antisemitischen Partei in Scene gesetzten Agitationen haben hier bei allen Deutschen in Polen, die noch ein Gefühl für Ehre haben, die tiefste Entrüstung hervorgerufen, und man begreift nicht, wie die unser Jahrhundert schändende antisemitische Agitation in Berlin, wo sie ihren Ursprung und Sitz hat, noch immer geduldet werden kann. Die polnischen Blätter benutzen die Judenhetzen leider nicht ohne Erfolg als agitatorisches Mittel, um die hiesige jüdische Bevölkerung den Deutschen, deren treue Bundesgenossen die Juden seit Decennien im Kampfe gegen das Preußen- und deutschfeindliche Polenthum sind, abwendig zu machen. Schon die nächsten Reichstagswahlen werden zeigen, wie viel jüdische Stimmen die Polen gewonnen haben? Jastrow ^Westpreußen), 5. August Auch hier fanden Pöbelauflaufe, namentlich von Schuhmachergesellen — es wohnen in der c. 5000 Seelen zählenden Stadt etwa 300 Schuhmachermeister — Lehrlingen und Weibern statt, welche zuletzt in Steinwerfen gegen die Läden und Fensterscheiben der jüdischen Häuser und Synagoge ausliefen. Der Bürgermeister und die Polizisten thaten das Ihrige, um dem Unfug zu steuern. Verstärkung der bewaffneten Macht ist noch nicht eingetroffen. Der „Boss. Z." schreibt man bei dieser Gelegenheit: Bis vor kurzer Zeit lebten hier die Bekenner der verschiedenen Confessionen so einträchtig und friedlich beisammen, wie kaum noch in irgend einer anderen kleinen Stadt Preußens. Die hiesigen Juden, sie stehen zum Theil an der Spitze der wohlthätigen Anstalten, nehmen Sitze in der Stadtverordneten-Bersammlung ein und gaben, mit Ausnahme! von vielleicht zwei Familien, ihren christlichen Mitbürgern, von welchen letzteren keiner diese Thatsache leugnet, zu Klagen in keiner Beziehung Anlaß. Zwietracht wurde erst durch das Eindringen der „Norddeutschen Preffe" von Neu-Stettin! her und durch eine hier gehaltene, in den bekannten Redej Wendungen sich bewegende Rede des vr. Henrici gesäet.! „Kauft nicht bei Juden!" hatte dieser u. a. seinen Zuhörern; eingeprägt, und die christlichen Kaufleute und Gewerbetreiben-