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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-08-23 · Heft 34 (23.8.1881) · p. Seite 553

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 34 (23.8.1881)
Date
1881-08-23
Page
Seite 553 (sequence 3)
Language
German
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553 Bonn, i». August. Die Pöbelerrelse in Pommern. Die schaurigen Borgänge in Südrußland haben sich, wenn auch in abgcschwächter Weise, nach den ponnnerschcn Städten verpflanzt, von wo sie nach Westpreußen überspringen. Nachdem der Pöbel in Neustettin gefahrlos sein Müthchen an den Häusern der Juden gekühlt hat. hat er in Hammerstein, Bärwalde. Lublitz, Jastrow, Könitz dem edlen! Beispiele Folge geleistet und gleiche Auftritte veranstaltet.! Bis jetzt waren es die Tliürcn, Läden und Fenster, welche! die Angriffe der blöden Hausen zu ertragen hatten. Aber schon werden die Synagogen bedroht, insbesondere die Enltnsbeamtcn verfolgt, von denen bereits einer von einem Stein-! Wurf verletzt worden. Mau weiß, wie bei dem rohen Pöbel so leicht von Zerstörung zur Plünderung, von dieser zur Berletzung von Personen übergegangen wird, besonders wenn er nicht sofort eine nachdrückliche und umfängliche Bestrafung gewahrt, sondern höchstens diese und jene Person in Haft genommen, wieder entlassen und später mit einigen Tagen Gefängniß bestraft sieht. Man fragt sich, wie ist dies in dem strammen, polizeistrcngen Preußen möglich? Und das In- und das Ausland steht vor dieser Frage, ohne sie sich in bestimmter Weise beantworten zu können. Tie Tinge gehen ja nicht unvorbereitet vor sich. Antisemitische Ren'eprediger, besonders Henrici, hielten und halten gerade in diesen pommcrschen Städtchen unbehindert ihre Brandreden, in welchen sie das Volk zur „Austreibung der Juden nach! Palästina!" — ein Ruf. den man aus dem Munde der sich > zusammenrottenden Hausen wiederholen hört — und überj häupt zur Bethätigung der feindseligsten Gesinnung direkt > und indirekt aussordcrn, eine Flamme des Hasses in ibnen entzünden, die sich bald in Thätlichkciten knndgiebr. Tie antisemitische Presse verbreitet Tag für Tag Lügen, Verleumdungen und reizt zu roher Gewalt auf. Wie kann man sich da wundern, daß es zu Znsainmenrvttnngen und Gewalthätigkeiten kommt! Ja, daß diese Auftritte sich noch nicht weiter verbreitet und noch keinen schlimmeren Charakter angenommen haben, erweist jedem Unbefangenen, daß die Inden wenig Veranlassung zu solcher Behandlung gegeben, da?) es der Volksmaffe eigentlich an jedem faktischen Anhalt fehlt, daß also die ganze Turbulenz künstlich hcrvorgcbracht ist. Aber noch mehr. Tagelang ziehen Hausen schreiend und schimpfend durch die Straßen der genannten Städtchen, und sie bleiben unbehindert. Kühner hierdurch gemacht, sangen sie an zu demoliren. Aber man hat sich so wenig vorbereitet, daß die vorhandene Polizeimacht nirgends ausrcicht. Tie Erecsse wiederholen sich an mehreren Tagen und verlaufen sich erst, wenn ihnen etwas mehr Strenge gezeigt und den Bürgern zum Bewußtsein geführt wird, daß sie cs sind, die nach dem Gesetze den angerichteten Schaden zu vergüten haben. Man wird zugcbcn, daß, ob begründet oder unbegründet, das Urtheil über die Möglichkeit dieser Vorgänge sehr scharf ausfallen kann. Man erwägt, daß es nichts Gefährlicheres giebt, als dem Pöbel zu gestatten, an Zusammenrottungen und Gewaltthätigkciten sich zu gewöhnen und ihm die Mci nung beizubringen, daß er die Macht besitze, im Auflauf Schaden anzurichten und seinen Willen durchzusetzen, und daß die bercitftehcnde obrigkeitliche Macht nicht ausreichc. ihm solches zu wehren.' Man erwägt ferner, daß die Folgen ja nicht blvs auf die Inden, sondern auch aus die andere Bevölkerung fallen, daß jedenfalls eine Bestrafung der Rädelsführer eintreten müsse, die hiervor hätten bewahrt werden sollen, die Rädelsführer, d. h. die Führer und Hauptthäter im Haufen, nicht die intcllcctuellcn Urheber, die wieder ruhig in Berlin sitzen und ihr Wühlergeschäft sortsetzen. Ties! Alles ist in unserem Preußen eine neue, ungckanntc Erschein Imutg. Woher stammt sic? Welch' Ende wird sie! nehmen?! Bonn, August. Roch schneller, als wir geglaubt, wurde die Voraus isage wahr, die wir in obigem "Artikel ausgesprochen: die i Ereesse haben einen schlimmeren, haben fast den schlimmsten Charakter angenommen. Ans Schievelbein laufen die traurigsten Berichte ein, von denen wir den folgenden mittheilen : Gestern, Sonntag Abend, versammelte sich, wie gewöhn lich, der Pöbel von Schievelbein auf den Straßen und ivartetc auf den Moment, wo ihm die Gelegenheit geboten werden sollte. Skandal zu machen. Gegen Uhr mußte ein Individuum wegen ungebührlichen Betragens verhaftet werden; dies gab nun Anlaß zum Skandal, die johlende Menge folgte den Polizeibeamten, bestehend aus zwei Gendarmen, drei Polizeidicncrn und zwei Nachtwächtern und verlangte stürmisch die Herausgabe des Arretirteii. Als dies nicht geschah, wurden im Rathhans die Scheiben eingeworfeu und die Polizcibeamtcn mit Steinen beworfen und sogar geschlagen. Dieselben mußten sich zurnckzichen; vom Rathhaus wandte sich der johlende Pöbel dem Markte zu, warf und schlug bei S. E. Jacobns, Senf. Uhrmacher Bernstein, Simon, L. M. Mannheim, Gutmann und S.-Salinger die Scheiben ein; die Jalousien wurden mittelst Hammer und Beile eingeschlagen: bei H. E. Jacobns wurde der Laden vollständig demolirt. bei L. M. Mannheim ebenfalls. Tie Waare wurde auf die Straße geworfen und von den Pöbelweibern als günstige Beute betrachtet. Es wurde massenhaft gestohlen und im Uebermuth die Waare sogar um die Pumpen gewickelt. Nachdem auf dem Markt das Zerstörungswerk vollendet war. wandte sich der Pöbel nach der Querstraße, wo die Gebrüder Jtzig wohnen. In deren Hanfe wurde Alles demolirt und »4*

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