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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-08-23 · Heft 34 (23.8.1881) · p. Seite 552

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 34 (23.8.1881)
Date
1881-08-23
Page
Seite 552 (sequence 2)
Language
German
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552 „Was die Opfer des Antisemitismus betrifft, die man j So weit der Leitartikel der „lüirope“. So schmerzlich außerhalb des Gesetzes bringen will, so fangen wir an, wirkdie ganze Situation ist, so erfreut uns doch in diesem lich zu glauben, daß sie bessere Deutsche sind, als die, welche j Artikel die richtige Würdigung der Gefühle, welche die Herzen sie versolgen unter den Vorwände des Germanismus, denn! der deutschen Juden beseelen. Ja, es ist ein bitterer Trank, wären sie nicht an den Boden gefesselt, wären sie nicht mit der uns gereicht wird. In uns lebt das Bewußtsein, daß allen Fibern ihrer Seele und ihres Herzens an das deutsche i in den meisten Schichten der jüdischen Bevölkerung Deutsch- Vaterland geknüpft, obfchon dieses für sie nur eine Stiefmutter ist, warum wenden sie nicht diesem Lande den Rücken, wo ohne irgend einen Grund, aus Mangel am Ghetto, das man nicht wieder herzustellen wagt, man sie moralisch einpfercht und als Heloten behandelte" „Trotz der Kränkungen, der Schmähungen, der Gewaltthätigkeiten lieben die preußischen Juden bedingungslos dieses dürre Land, das sie geboren werden sah, und erwarten mit der geduldigen Zähigkeit ihrer Rare bessere Tage: sie lösen sich nicht von ihm loS." lands das eifrigste Bestreben vorherrscht, sich dem allgemeinen Culturlebcn zu amalgamircn und die wärmste Begeisterung für das deutsche Vaterland und das deutsche Reich. Es war ihnen hierfür kein Opfer zu schwer, so weit es die religiöse Ueberzeugung selbst nicht betraf, die doch dem Patriotismus und der Cultur ebensowenig widerspricht, wie irgend ein anderer religiöser Glaube. Wir wissen, daß wir in der Erfüllung aller bürgerlichen Pflichten und in der Aneignung der Bildung die wesentlichsten Fortschritte gemacht, uns darin von keinem einzigen Theile der deutschen Bevölkerung über- „Dic Bitterkeiten, die man ihnen darbietct, die Leiden, treffen lassen und unsere Jugend dazu anhalten, wie der welche sic ertragen, die Angriffe, welchen sie in ihrer Würde große Prozentsatz erweist, den sie in den höheren Lehranals sreie Menschen ausgesctzt sind, bestätigen noch einmal mehr, was Döllinger am 23. Juli in der feierlichen Akademie der Wissenschaften zu München in seiner Studie über die Juden in Europa sagte: „Es besteht kein Volk in der Geschichte, welches ein tragischeres Geschick gehabt hat als das jüdische Volk!" „Das „Fatum" der Alten hatte auf sie gedrückt zu allen Zeiten." „Im heidnischen Allerthum bestimmte sie ihr Monotheismus für die Rache der Polytheisten: „ Sic sind, sagten die Römer, die Feinde der Götter und der Menschen." stalten ansmacht, lim so unerwarteter war es für uns, eine so schmähliche Behandlung und zwar gerade aus den gebildeten Kreisen zu erfahren. Aber ebenso richtig hebt jener Publizist hervor, daß wir uns trotz alledem in unseren patriotischen Gefühlen, in unserer Liebe für das Vaterland und das Reich auch nicht im Geringsten beirren und abschwächen lassen. Es ist ja eine bekannte Erfahrung, daß eine Mutter das Kind, welches ihr am meisten Schmerzen und Sorgen macht, mit verdoppelter Liebe umfaßt. Hier ist es nur umgekehrt, und wir lieben und verehren Deutschland, das unsere Mutter ist, um so inniger, je öfter uns Schmerzen und An- „Behandelt Anfangs als verirrte Brüder durch die; strengungen auferlegt worden sind, uns als feine echten Söhne Ehristcn der ersten Jahrhunderte, erklärte die herrschend ge-! betrachten zu dürfen. wordene Kirche urdi et orbi, daß die Inden mißhandeln, plündern und tödten, ein frommes Werk sei." Im llebrigen dürfen wir denn doch nicht vergessen und müffen es jenem Leitartikel gegenüber geltend machen, „Tie Päpste gaben das Signal zu den entsetzlichsten! daß es immer doch nur eine, wenn auch sehr zahlreiche Verfolgungen. Dies geschah vom 3. Jahrhundert an bis zur Reformation." „Gegenwärtig, im Jahre der Gnade 1881, ist es ein protestantisches Land, welches diese Praktiken eines anderen Zeitalters zugleich mit Rußland ab ausnimmt." Clique ist, welche die antisemitische Hetzerei betreibt und fördert, daß der größte Theil Deutschlands sich bis jetzt abwehreud dagegen verhalten und daß eine glänzende Reihe der edelsten und erleuchtetsten Männer Deutschlands sich offen und Nebenarbeit wieder! energisch dagegen erklärt hat. Bei dem Lärm, den die An-; tisemiten machen und womit sie ihre Zahl verdecken wollen, „Ter religiöse Fanatismus konnte ehemals als milist es dem Auslande nicht zu verdenken, wenn es ganz dcrnder Umstand für diese unmenschlichen Handlungen Deutschland von dieser Krankheit angesteckt glaubt. Für uns angeführt werden. Jetzt giebt die antisemitische Bewegung aber liegt doch die Bürgschaft vor, daß der aus finsteren sich nicht einmal die Mühe, sich mit einer religiösen Maske Höhlen heraufbeschworcne Sturm nur örtlich und zeitweise zu versehen: sie ist in frechster Weise „utilistisch" lum des seine zerstörende Wirkung haben und im Verlause der Zeit Nutzens willen)." vorübergehen werde. „Es wäre ein Unrecht an der Freiheit und Gerechtigkeit, wenn man sich beschränken wollte, diese Monstruositäten zu signalisiren: man muß sie kennzeichnen, sic geißeln — das ist das Wenigste, was man thun kann."

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