Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1881)
- Date
- 1881-08-16
- Page
- Seite 541 (sequence 7)
- Language
- German
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541 Stet1*1111 cj > v i aclj t/l-c f} ic 11 Deutschland. I Berlin, 7.Aug. (Privatmitth.) Unsere Leser entheben uns sicherlich der Pflicht, dem Don Quixote der Berliner Antisemiten j Dr. Henrici. in seinen Reden in Versammlungen, die dochallmählig an Zahl zusammenschmelzen, zu folgen. Genug, er ' hat sich durch 400 Mann zum Reichstagscandidaten für den! zweiten Berliner Wahlbezirk proklamiren lassen, was ja von' Anfang an sein Zweck gewesen. Damit hat er nicht der Fort'! schrittspartei, wohl aber der conservativen einigen Abbruch! gethan. Bedeutender ist eine Rede des Prof. Adolfs Wagner, der im vierten Berliner Wahlkreise von den Confer! vativen aufgestellt worden. Er sprach am 3. d. vor ea. so. i; Personen. Redner ist für die Erhaltung des christlichen Charakters in unserem Staatsleben, zumal 99 Prozent der Bewohner unseres Staates Christen sind; will jedoch nicht, daß die kleine Minorität der Nichtchristen erdrückt oder untcrdrückt werde. Namentlich will Redner auf die religiösen Gefühle unserer katholischen Mitbürger Rücksicht nehmen und durch eine entsprechende Gesetzgebung ein friedliches Berhältniß zwischen Protestanten und Katholiken herbeigeführt wissen. Die Juden seien gleich den Polen und einem Theile der Elsässer eine fremde Nation, ein wesentlicher Unterschied sei aber zwischen den im westlichen und den im übrigen Theile Deutschlands wohnenden Juden. Es lasse sich streiten, ob es nothwendig und gut gewesen, den Juden vor 30 Jahren die Bürgerrechte zu verleihen. Rechte, die bei uns im Gegensatz zu Frankreich. England re. unter viel zu leichten Umständen (??) verliehen worden; „man kann aber", fährt Herr Wagner fort, „den Juden ihre Bürgerrechte nicht jetzt wieder so ohne Weiteres nehmen. ^Beifall mit» Wider spruch.) Ich bin deshalb gegen alle Ausnahmegesetze für die Juden; dagegen verlange ich gesetzliche Resorinen aus dem Gebiete der Sanderlager, des Hausirhandels, der Ba zarEinrichtungen, der Konkurse, des Wuchers, der Agrarverhältnisse, der Steuern re., dadurch dürfte das jüdische Clement in hervorragender Weise, wenn auch nicht ausschließ' lich getrosten werden. Tie Börsen in Paris und London sind nicht in den Händen der Juden und trotzdem ist daselbst eine große Corruption vorhanden."' Bezüglich der Wirthschaftspolitik steht Herr Wagner auf dem Boden des Fürsten Bismarck. Inzwischen war die schriftliche Jntcrvellation eingegangen: 1) Ob der Candidat die Einwanderung ausländischer Juden nach Deutschland, wenn nicht gänzlich verhindern, so doch gesetzlich beschränken wolle? 2> Ob der Candidat die Juden von allen obrigkeitlichen Acmtern auss chließen und ihre Anstellung im Justizdienst, ganz besonders als Einzelrichter beschränken wolle? 3) Ob der Candidat den Charakter der christlichen Volksschule wahren wolle und an dieser, selbst wenn jüdische Schüler dieselbe besuchen, die Anstellung jüdischer Lehrer gänzlich verbieten und an anderen Schulen die Anstellung jüdischer Lehrer nur in besonders motivirten Ausnahmefüllen gestatten wolle? 4) Ob der Candidat einer gesetzlich zu führenden Statistik über die jüdische Bevölkerung seine Zustimmung gebe? — Prof^Dr. Wagner: „Bei der Frage ad 1 ist zu erwägen, daß die Einwanderung ausländischer Juden nach Deutschland eine sehr geringe ist. (Vereinzelter Widerspruch.) Die diesbezügliche gegentheiliqe Behauptung meines Collegen von Treitschke ist durch die bekannte, eine große Sachkenntniß undu Gründlichkeit verrathende Broschüre des Sanitätsraths l)r. S. Neumann vollständig widerlegt worden. Die große Mehrzahl der bei uns einwandernden sogenannten polnischen Juden sind aus dem preußischen Polen, ganz besonders aus dem Bromberger Regierungsbezirk." Die Frage ad 2 muß Prof. Wagner verneinen. Der Frage ad 3 steht er sympathischer gegenüber. Tie Frage ad 4 hält er. wenn die geforderte Statistik lediglich auf die halbe Million Juden in Deutschland ausgedehnt werden soll, für sehr bedenklich, ja einem Ausnahmegesetze gleich. Dagegen will er statistisch festgeftellt wissen: wieviel städtischer und ländlicher Grundbesitz sich in den Händen der Juden besindet. Hierbei bemerkte er noch, daß er mit den wüsten Hetzereien, wie sie in einigen Berliner Versammlungen, ganz besonders von einem Manne betrieben werden, sich nun und nimmermehr befreunden kann. Derartige Hetzereien, wie sie von einem Or. Henrici betrieben werden, schaden der Sache blos. die derselbe zu vertreten vorgebe. ^Beifall und lautes Oho.) Tie in der Versammlung anwesenden Antisemiten enthielten sich der Abstimmung. Jedenfalls charakterisier diese Rede auch die Versammlung, die ihr zugestimmt hat. — Jndeß darf man sich durch diese scheinbare Enthaltsamkeit der Conservativen vom Antisemitismus nicht täuschen lasten. Wie der ..Lib. Corr." gleichzeitig au-? verschiedenen preußischen Provinzen und auch aus einzelnen thüringischen Staaten mitge theilt wird, läßt das Wahlcomitd der deutsch-conservativen Partei jetzt mit dem „Deutschen Patriot", diesem im Auf trage jener Partei von dem napoleonisch-franzöfisch-öster reichisch - deutsch europäisch - internationalen „Patrioten" de Gradl berausgegebenen Hetzblatt, auch das Organ der Antisemiten ,. die Wahrheit" verbreiten. Cs werden uns Adressen bezeichnet, an welche diese beiden Blätter gemeinschaftlich zu je hunderten von Exemplaren gelangen. Die eonservative Partei übernimmt damit auch osten die Verantwortung für die Judenhetze, während sie die Antisemiterei bisher vor der Welt noch etwas verschämt von ihren Rockschößen fernzu-