Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 33 (16.8.1881)
- Date
- 1881-08-16
- Page
- Seite 539 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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der Autorität auch der freie Gedanke und die Kritik geltend machen und mehr oder weniger in allen Individuen wirki sam sind, das ist Herrn v. Töllinger gewiß nicht verborgen, < wie auch der Fortgang seiner Rede erweist. Aber er hat! den Nagel auf den Kops getroffen: der Mangel an Gerechtigkeitssinn ist es, der keinem Anderen ein Stücklein Erde, eine; kleine Stelle auf dem unabsehbaren Gebiete der Gesellschaft! gönnt und zugestehen will, der die Wahrheit entstellt, der Lüge huldigt, verleumdet und verfolgt. Und anderntheils die Verfolgungssucht aus kirchlichen Zwecken. Diese ist es, welche das Christenthum zu retten vorgiebt, wenn sie die Juden zu vernichten sucht, rvenn sie dieselben dessen wieder beraubt, was der Rechtsstaat in der einfachsten Conseauenz seines Prinzips ihnen gewährt hat. Tiefe beiden Laster sind die Wurzel der ganzen Judeuhctze. Tics ist cs denn auch, was T. der christlichen Kirche in ihrer ganzen Geschichte zum Borwurf macht. Wir sehen davon ab, daß er dein Christenthume zuschreibt, was schon dem Mosaisinus geholt, „die wahre Gerechtigkeit zufammengefaßt in den Begriff der Nächstenliebe nach dem Maße der Selbstliebe" 3. Mos. V.K li>. 34); aber T. ist gewiß beglaubigt, wenn er „an der Hand der Geschichte in erschütternder Weise ausführt, welche schreckliche Schicksale die Kirche den Juden bereitet habe." Die „Germania" unterfängt sich freilich, den großen KirchcngeschichtSlehrer hierin des JrrthnmS zu zeihen: es sei ja bekannt, daß die Kirche die Juden geschützt habe. Wenn es allerdings wahr ist, und wir geben es mit Vergnügen und Dankbarkeit zu, daß einige Päbste und hie und da ein Bischof die Juden vor der blutigsten Perfolgung zu schützen gesucht haben, so waren dies Einzelne, die den aus der ganzen Tendenz der Kirche und von kirchlichen Fanatikern erslosienen dunkeln Strom doch nicht zu hemmen, viel weniger zum Versiegen zu bringen vermochten. Man braucht nur die Beschlüsse der Concilicn zur Absperrung der Juden von aller Gemeinschaft und allem Verkehr mit den Christen zu lesen, um zu erkennen, daß hier und nirgend anders das Schicksal . der Juden beschlossen und besiegelt wurde. Das Volk widerstand dem lange und die Coneilien mußten ihre Dekrete immer wieder erneuern und einschärfen, bis die rveltliche Macht ihnen nachgab und sie verwirklichte. Wenn D. sagt: „Das jüdische Volk ist keineswegs von Gott verstoßen, wenn auch seine Zerstreuung, wenn der Untergang seines StaalSwesens, seines Tempels und seiner Hauptstadt als Strafe anzusehen ist", so hat er hiermit eitlen völlig jüdischen Gedanken ausgesprochen. In der Mussaph-Thephillah der Festtage und des Reumondsfabbaths heißt cs: „Weil wir vor dir gesündigt, wir und unsere Väter, sind wir aus unserem Lande getrieben, von unserem Erdreich entfernt, wurde unsere Stadt zerstört und unser Heiligthum verwüstet u. s. w." Ebenso heißt cs im Sabbathgebet: „Bis hierher hat dein Erbarmen uns geholfen, und deine Gnade uns nicht verlassen, und niemalen verwirfst du uns, Ewiger unser Gott." Freilich verstehen wir darunter nicht die Sünde, um derentlvillen die Kirche Jerusalem gefallen glaubt, denn den Tod Jesu bewirkt zu haben, lebte niemals im Wiffeu und Bewußtsein des jüdischen Volkes. Auch wissen wir aus der h. Schrift, daß „wen Gott liebt, den züchtigt er". Endlich wissen wir jetzt, daß, gerade um seine höhere Mission zu erfüllen. Juda dem engbegrcnzten Boden eirtrückt werden mußte, wo es sich in dem furchtbaren Völkersturme nicht hätte erhalten könneit. — Was wir unsrem Redner am höchsten anrechnen, ist die un umwundcne Anerkennung: „Ter deutsche Jude denkt in allen Dingen des socialen und politischen Lebens deutsch". Tics ist eine wahre und frcimüthige Ehrenerklärung, gegenüber dem lauten Geschrei in den Bierver- Sammlungen, den Hetzblättern und dem Broschürenschwall, bei welcher so recht das alte Wort zur Wahrheit wird: „Tie Stimmen wägen, nicht zählen!" T. unterstützt dies, und auch dieses thal uns sehr wohl, mit der Bemerkung, daß „die Träger des geistigen Lebens im Judenthume gegenwärtig in Deutschland sich finden", daß „die deutschen Rabbiner jetzt im Besitze jener religiösen Literatur sind, von der ihre Glaubensgenossen in anderen Landern sich nähren". Töllinger ist hierin fast wie ein weißer Rabe unter den christlichen Theologen, denn er beweist hiermit, daß er sich um die jüdische Literatur bekümmert und in ihr umgesehen hat, während seine Fach- und Standesgenossen sie vornehm ignoriren. Noch mehr: er erkennt den Werth und die Bedeutung der Rcsormbeweguug im Schooße des Judenthums an, welche von den protestantischen wie katholischen Theologen und ihren Anhängern so überaus verleumdet wird; er findet in ihr eine Neugestaltung, eine Befreiung von früheren Vorurtheilen, ein „Losmachen vom Talmud". Tie kurze Redeweise in diesem Auszuge verhindert uns nicht, zu glauben, daß T. weiß, wie dieses „Losmachen vom Talmud" nichts Anderes bedeute als eine richtige Erkenntniß vom Wesen des Talmuds und eine Beschränkung der demselben oetropirten Autorität nach dem Maße dieser Erkeuntiß, besonders die Erkenntniß seiner geschichtlichen Stellung innerhalb der großen Entwickelung des Judenthums vom Mosaisinus bis zu dem der Gegenwart. Töllinger weiß also auch, daß diese Reformbewegung ihren eigentlichen Boden und Heerd von Moses Mendelssohn an in Deutschland hatte und mit der deutschen Ueberfetzung der b. Schrift begann, daß also deutscher Geist hier lebendig mitwirktc, und so alle die zu Schanden werden, welche den deutschen Juden das Deutsch thum absprechen. Für diese unumwundene "Anerkennung müssen wir Töllinger wahrhaft dankbar sein. Um so weniger werden wir es ihm verübeln, wenn er in einigen Sätzen von seinen: Standpunkte aus Aeußerungeu