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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-08-09 · Heft 32 (9.8.1881) · p. Seite 527

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 32 (9.8.1881)
Date
1881-08-09
Page
Seite 527 (sequence 9)
Language
German
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527 lassmig ihrer Kopfbedeckung zur Polizei, wo sie den Mordanfall in ihrer beliebten verlogenen Weise vortrugen." — Aus Neustettin selbst schreibt man uns unter dem 25. d. M. über den Krawall in Ha mm erst ein: Also Neustettin hat seinen Schatten wirklich bis zu unserem Nachbarstädtchen Hammerstein geworfen. Die Krawalle gegen die Juden haben dort Nachahmung gefunden. Doch hat die Sache dort ein um so ernsteres Aussehen, als 6 Gensdarmen zu Pferde nicht im Stande waren, den Pöbel zu bändigen. Man warf den Pferden Holzstücke zwischen die Beine, um sie zu Fall zu bringen und drehte sie, wenn die Gensdarmen in die Hansen einritten, an den Schwänzen im Kreise herum. Die Verwüstungen sind dort vielleicht noch ärger als bei den Ereesseu in Neustettin. Namentlich schien mau es aus den jüdischen Amtsrichter Flater abgesehen zu haben. Unaufhörlich wurden auf das Schlafzimmer desselben Steine von größtem Kaliber geworfen. Charakteriftich für den Geist, welcher die Antisemiten beseelt, ist die Thatsache, daß zahllose, natürlich ananmne Denunciationen gegen den Amtsrichter eingereicht wurden, in denen er in schamlosester Weise Handlungen geziehen wurde, die, wenn auch nur der geringste Theil wahr, geeignet gewesen wäre, ihn aus dem Amte zu bringen. Tie Denuneiationen fruchteten natürlich nicht. Die Excesse wurden dadurch eingeleitet, daß ein heruntergekommener Adliger, der schon mehrfach besttaft, fowohl vom Militair als von der Postverwaltung weggejagt ist, mit Bäudern geschmückt durch die Straßen zog, um die Pöbelhausen zusammeuzulocken und dann Heringe unter dieselben zu werfen t!), eine Belohnung für die Heldenthateu. Für heute Abend wird wieder das Schlimmste befürchtet, doch setzt man aus den Bürgermeister, als einen, wie ich höre, energischen Mann, große? Berttauen. Gestern Abend war derselbe nicht anwesend. Verhaftungen sind gestern nicht vorgenvmmen, weil die Gensdarmen nicht blank ziehen durften und die aufgeregten Hausen mit Messern zu stechen drohten. Für heute Abend ist indeß der strikte Befehl ertheilt, nöthigenfalls mit blanken Säbeln einzuhauen. Aus Pommern, 23. Juli. Ueber einen neuen Judenkrawall, der sich am 2l. d. Mts. in der Nachbarschaft Neustettins, Hammerstein, abspielte, wird der „Cösl. Ztg." von dort unterm 22. geschrieben: Seit den jüngsten Vorkommnissen in Neustettin und in Folge der Wühlereien einiger Agitatoren hat sich hier des Arbeitervolkes ein wahrer Wetteifer im Hetzen gegen die jüdischen Bewohner bemächtigt, der sich sogar zu der offenen und lauten Drohung verflieg, daß lner ähnliche Vorgänge, wie in Neustettin bald stattstnden würden. Und richtig rottete sich gestern Abend 0' .. Uhr, von diesen Gedanken beseelt, ein Haufe von mehr denn 50, meist jungen, dem Handwerker- und Arbeitcrstande angehörigen Personen zusammen und stürzte mit dem Rufe, daß jetzt die Demo lirung beginnen solle, in da? Geschästslokal des jüdischen Kaufmanns W. Hirsch. Zum Glück war der Polizeisergeant Tumkow alsbald zur Stelle, dessen energischem Eingreifen es gelang, die Ausschreitungen zu unterdrücken. Ter Anführer der Menge wurde sofort verhaftet. Thorn, 26. Juli. ^Verhandlungen der zweiten Versammlung des Rabbiner Verbandes für Sst- und Westpreußen. Schluß.) Ten Vordergrund in den Verhandlungen der zweiten nahm die Schulsrage ein, über welche Rabb. I>r. Gronemann referirte. Mit Befriedigung konnte an einzelnen Stellen ein ausreichendes Wohlwollen der staatlichen Aufsichtsbehörden auch für den jüdischen Religionsuntericht konstatirt werden. Ta eine lebendige und verständnißvolle Theilnahme der Kinder am Gottesdienste ohne Kenntnis; des Hebräischen unmöglich wäre, hat sich in einem streitigen Falle der Sberpräsident für die Nothweudigteit des Unterrichts in den Elementen der Hebräischen Sprache ausgesprochen. Tie Versammlung entschied sich dahin, daß der Unterricht im Hebräischen als ein unentbehrlicher Bestandtheil des jüdischen Religionsunterrichts zu betrachten ist und daß deshalb, soweit au den höheren Lehranstalten nicht ausreichend für denselben gesorgt werden kann, derselbe noch außerhalb derselben ge pflegt werde. Ter Unterricht an höheren Lehranstalten hat sein Augenmerk aus die Förderung der geschichtlichen und religiösen Kenntnisse zu richten. Mit Reckt hob Herr Dr. Gronemann hervor, daß das Judenthum eine Religion für die Gebildeten sein wolle und für seine Entwickelung an die Intelligenz avpellire, wenn es auch heute für gebildet gilt, die Religion zu verachten. Tie Religion ist das erste Versuchsfeld für den sich regenden kritischen Verstand des Jünglings.' Ta gilt es, das Uebermaß von austreibendem Skepticismus von dem Gcmüth des Jünglings fern zu halten. Auch das Judentbum will und muß die höhere Geistsreife der Primaner für die Vertiefung der mütterlichen Religion in Anspruch nehmen. Mit der Erkenntnis der Antike muß die Kenntniß der väterlichen Geschichte Schritt halten. "Neben der Heldcngröße Roms und Athens dürfen dem jüdischen Primaner seine Vorfahren nicht als verkrüppelte Gestalten erscheinen. "Neben der Lyra griechischer Sänger und dem Tonnerwort des Demosthenes sind uns die Psalmen Tavid's, die Prophetien des Jesaias und Lichtgestalren der Makkabäer überliefert. — Mit Hin. Dr. Groncmaun meint auch Referent, daß Unempsänglichkeit seitens innerer Jugend nicht Schuld an dom gegenwärtigen Jndisrerentisrnus ist. dem es für intelligent gilt, in religiösen Dingen uniutelligent zu sem. Von der Intelligenz wird die Zukunft des Judenthnms abhängcn, in dieser Richtung ist fortzufchreiten, vor jeder müßigen Reaktion aber zu warnen. Mit der jedem Unterricht unentbehrlichen Würde muß darum auch der an den Uobrlständen der facultativen Er-

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