Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1881)
- Date
- 1881-08-09
- Page
- Seite 525 (sequence 7)
- Language
- German
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525 Erklärung, in welcher sie zur Einigkeit inahnen und darthun, daß auch der „D. Volksverein", wenn er auch conservativ sei, eine gesetzliche Regelung der Judensrage sür die Grundbedingung einer durchgreifenden Socialreform halte. Deshalb fei immer noch auf ein Zusammengehen aller antisemitischen Parteigruppen Berlins bei den Wahlen zu hoffen. — Tie „Kreuzig." betont nochmals die Selbstständigkeit der Berliner conservativen Wahlbewegung, während die „Tribüne" an der Hand eines Mitgliederverzeichnisses des conservativen Vereins im 2. Berliner Wahlkreis nachzuweisen versucht, daß der Verein zumeist aus Beamten bestehe. Tein Verein gehörten, wie das genannte Blatt schreibt, am 0. Juni c. 357 Mitglieder an, darunter ca. 30, die ihren Wohnsitz nicht im 2. Reichstagswahlkreise, sondern in anderen Wahlkreisen, theilweise sogar nicht einmal in Berlin, sondern in Pankow oder Teltow haben. Unter den 357 Mitgliedern befinden sich 116 Beamte, vom Geh. Rechnungsrath bis zum Küster und Kirchendiener herab. Richterliche Beamte baben wir nicht gefunden, 4 oder 5 Referendare ausgenommen. Bemerkenswerth ist die verhältnißmäßig große Zahl von Journalisten und Lehrern. (Vor solchen Zahlen braucht man sich nicht zu fürchten!) — Das fast wahnsinnige Gebühren des Dr. Henrici steigert sich noch immer. In einer letzten Versammlung seines Vereins forderte er nicht nur die Entfernung aller jüdischen Lehrer, sondern auch aller jüdischen Schüler aus den öffentlichen Schulen. Dafür wird ihm und seinen Genoffen in einer Erklärung aus dem conservativen Wahlcomite folgendes Zeugniß ausgestellt: „Die Herren Dr. Förster, Liebermann, v. Sonnenberg, Pickenbach. Dr. Henrici sind trotz aller Aufforderung nicht im Stande, auch nur einen wählbaren Namen zu nennen, denn das Unmögliche von Candidaturen wie Förster, Henrici und Genoffen müssen jene Herren selbst zugeben. Daß das nicht ganz ohne Murren geschieht, daß man hierüber ärgerlich wird, wenn einem so ein Lieblingskartenhaus oder Luftschloß „flöten" geht, ist erklärlich, daher auch die „Hengstsprünge" des Herrn Dr. Henrici. Bon vielen Gefinnungsgenoffen wird die Ansicht getheilt, daß das köpf' lose blindwüthende Ueberstürzen einiger Heißsporne gerade noch zur rechten Zeit kommt, um ihren Anhängern die Augen zu öffnen und denselben zu beweisen, daß in dem glücklichen Durchführen einiger besuchter Volksversammlungen noch nicht die Qualification zur Reichstagswahlcandidatur enthalten sei und daß diese Herren in der richtigen Erkenntniß, sich bereits lächerlich gemacht zu haben, in ihrem weiteren Vorgehen nur noch darin Glück haben werden, sich von Tag zu Tag mehr lächerlich zu machen." Köln, 24. Juil. Die hiesige Zeitung schreibt: „Von Zeit zu Zeit machen sich uns unbekannte Gönner die Mühe, uns die Blüthen der antiliberalen Zeitungsliteratur, die jüngst so zahlreich geworden ist, zuzusenden. Wir sind für die Mühe dankbar. Was die antisemitischen, soeialistischeu, zünftlerischen, auf die Bolksmaffen berechneten reactionären Hetzblättchen leisten, ist durchweg so erbärmlich und so gewöhnlich, daß selbst die niedersten Schichten unseres Volkes vor solcher geistigen Unterhaltungskost sehr bald unüberwindlichen Ekel bekommen müssen. Ter Unwissenheit dieser Blätter entspricht nur ihre Frechheit und Roheit. Wenn die Reaction auf solche Bauleute für ihr HauS angewiesen ist, wird ihr der Bau lange vor seiner Vollendung überm Haupte zusaminenstürzen. Allenthalben regt sich denn auch in den liberalen Kreisen des Landes die Zuversicht, daß wir dauernd gar nicht antiliberal regiert werden können, daß den Leitern unserer großen StaatSwesen die Erkenntniß sich aufzwingen niuß, daß man nicht mit einem Theile der Großgrundbesitzer und Großindustriellen im Verein mit der unaufhörlich aufzustachelnden Volksmasse, wie sie unS in den Henrici-Stöckerschen Versammlungen entgegentritt, regieren könne. Es ist noch keiner Regierung möglich gewesen, sich dauernd gegen den ganzen gebildeten Mittelstand zu halten. Und in seiner Mehrheit diesen Stand seiner liberalen politischen Ueberzeugung untreu zu machen, wird dem Geschrei der Reactionspreffe über die Hcrrschaftsgelüste der Parlamentarier nicht gelingen." Man sieht, selbst den „gemäßigsten" Politikern wird es nachgerade zu viel. Noch bedenklicher lautet folgender Artikel der „K. Z." vom 24. Juli: „Ter bekannte Aesthetiker Dr. Georg Brandes schreibt in einem Briefe aus Berlin an das Kopenhagener Morgenblad (vom 14. Juli) unter anderen schönen Dingen auch folgendes bezüglich der antisemitischen Bewegung: „Man sah in den Regierungsbureaux, daß diese Bewegung sich als Ventil brauchen ließ, soweit eS gelingen konnte, das kochende Mißvergnügen und die verhaltene Erbitterung deS gemeinen Volkes und der Arbeiterclaffe auf die Juden als Opfer hinzuleiten. Daher haben die Staatsanwälte des Reiches überall den geheimen Befehl bekommen, „ Die Wahrheit" und die übrigen gegen die Juden gerichteten Pöbclorgane nicht gerichtlich zu verfolgen, obgleich sie jede Woche solche Lügen und Verleumdungen gebracht haben, daß die Redacteure ohne diese Conniven; alle auf unbesfimmte Zeit im Gefängniß fitzen würden.Aber alle diese Machinationen strandeten an dem hohen Bildungsgrade der Arbeiter und noch bestimmter an ihren tiefen, immer und immer wieder ausgesprochenen Dankbarkeit gegen Jacoby, Marx und Laffalle.Die reiche jüdische Bourgeoisie, die sich zu Laffalle's Zeiten nicht conservativ genug geberden konnte, hat diesem allein und den wenigen seiner jüdischen Gesinnungsgenoffen dafür zu danken, daß sie nicht für Leben, Glieder und Vermögen zu fürchten braucht, daß ihnen keine Fensterscheibe entzwei geschlagen, daß ihre Frauen und Töchter nicht gekränkt worden und daß sie ihre sociale Stellung haben behaupten können." Nur weil in der That ein Korn Wahrheit