Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 32 (9.8.1881)
- Date
- 1881-08-09
- Page
- Seite 521 (sequence 3)
- Language
- German
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521 Christen und Juden sich in die Schuld lheileu. Sticht minder theilen sich beide in die Sünden der Tagesprcsse. —! Seit der Reformbewegung im Schooße des Judenthums hat sich dasielbe auch iu Deutschland, Frankreick und England neu gestaltet, und dasielbe hat sich im Westen Europas von dem Talmud losgemacht, frühere Vvrurtheile fallen gelassen und sich dem Stamm und der Denkweise des Christenthmns genähert. Gegenwärtig finden wir gerade in Deutschland die Träger des geistigen Lebens im Schooße des Juden thums. Die deutschen Rabbiner sind jetzt in dem Besitze jener religiösen Literatur, von der ihre Glaubensgenossen in anderen Ländern sich nähren. Der deutsche Jude denkt in allen Dingen des socialen und politischen Lebens deutsch, und da unsere Bildung und Civilisation aus dem Christen' thum hervorgegangen ist, kann der Israelit auch nickt umhin, bewußt oder unbewußt, über viele Tinge christlich zu denken und zu handeln; so zum Beispiel über die Che, welche vom christlichen Standpunkt aus betrachtet wird. Sollen nun aber die Menschen berufen sein, die Sünden und Vorurtheile der Borfahren, ihre Schande fort und fort au den Nachkommen zu rächen? Es hat dies die Länder Europas schon sattsam mit Schmach bedeckt, und wehe uns und unseren Enkeln, wenn jenes Rachcgesetz gegen die Israeliten in Deutschland, Frankreich, England jemals wieder zur Anwendung kommen sollte. Eines sollte doch unsere Generation nicht vergessen; Haß und Berachtung ist ein Gefühl, das traurig und unbegreiflich ist für den, dem sie gelten. Beherzigen wir, was schon Sophokles in seiner Antigone sagt: „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da." (Fortsetzung folgt.) Literarischer Wochenbericht. Bonn, den 22. Juli. So selbstständig die oeeidentalische Cultur in politischer wie in wissenschaftlicher Beziehung zu stehen scheint, so ist sie doch mit tausend Fäden an den Orient geknüpft, insbesondere wenn, wie es jetzt geschehen muß, auch Griechenland zum Orient gerechnet wird. Tie orientalische Frage ist ja nichts weiter als die Behandlung der politischen Beziehungen zwischen den orientalischen und occidentalischen Staaten und Völkern, die Ausgleichung derselben zum Ziele eines stetigeren Bestandes, einer intimeren Entwickelung. Alsdann beruht ja die ganze abendländische Bildung aus den Grundlagen der alten orientalischen diultur, insbesondere aus der der hellenischen und israelitischen. Endlich sind auch die Handels- und Jndustrieverbiudungen mit dem Oriente von der größten Wichtigkeit, und die geographische und ethnographische Wissenschaft zieht eine Fülle des Wisiens und Erkennens aus dem Morgcnlande. Wir brauchen also gar nicht an die verlockenden Eigcnthünilich leiten, an die Illusionen der Fantasie, sowie für uns, die Juden, an die Erinnerungen unserer uralten Heimstätte zu appelliren, um das lebhafteste Interesse für den Orient zu erwecken. Reit um so größerem Rechte glauben wir aus ein treffliches Werk aufmerksam machen zu müssen, das uns jetzt bereits in 15 Lieferungen, d. i. in der ersten Hälfte des ganzen Werkes vorliegt: „Ter Orient, geschildert von Amand v. Schweiger-Lerchenfeld", , Hartlebens Verlag. Wien, Pest, Leipzig.) Reit 2t iO Illustrationen, vielen Marten und Plänen. Das Werk beginnt mit dem europäischen Gebiete, zunächst mit Albanien und Griechenland. Hieran schließt sich Macedouien und Stambul. Das größere und reichere asiatische C^ebiet eröffnet sich mit Kleinasien in seinen Inseln und in seinem Festland, führt uns nach Armenien, Kurdistan und Mesopotamien. Von hier aus gelangen wir nach Arabien, um in der zweiten Hälfte des Werkes Syrien, Palästina, Aegypten und Tunesien zu besuchen, wo unsere Wanderung auf den Trümmern von Karthago endet. Wenn dieses Werk sich in seiner Anlage an die Seite der neueren Prachtwerke dieses Genres, wie z. B. Hallberger's Aegypten und Palästina iu Bild und Wort stellt, so kommt es wohl diesen an typographischer und künstlerischer Ausstattung nicht gleich, dagegen ist es, wie es schon in der Natur des Gegenstandes liegt, reichhaltiger und umfassender; und von den Illustrationen können wir rühmen, daß sie außergewöhnlich klar und präcisc sind, so daß sie uns die Gegenstände zur lebhaftesten Vorstellung bringen. Der Inhalt steht überall iin vollen Leben, im ganzen Interesse der Gegenwart und es muß für jeden Leser sehr anziehend sein, Land und Leute ans allen den Gegenden kennen zu lernen und vorgefülnt zu erhalten, welche er gegenwärtig so oft erwähnt findet, um die es sich in den politischen Tiseussioncn so oft handelt. Diesen Zweck erfüllt der Text des vorliegenden Werkes in der angemessensten Weise. Wir wissen nicht, was wir an ihm mehr zu rühmen hätten, die Sachkenntniß, die meist auf Autopsie zu beruhen scheint, da sie auch die landschaftlichen Bilder und die architektonischen Verhältnisse mit großer Anschaulichkeit und mit den eigenthümlichen Merkmalen giebt. die Unparteilichkeit und Unbefangenheit in Urtheil. die keinem Vorurtheile huldigt und Vorzüge und Mängel mit gleicher Wahrheitsliebe abwägt, oder die Kunst und den Takt, mit welchen die Auswahl der historischen und aktuellen Details getroffen worden, und die schwungreichc, doch nicht schwul stigc und immer lebhafte Sprache, durch welche das Interesse des Lesers lebendig erhalten wird. Ter Verfasser bietet sich als Führer aus der weiten Wanderung an und leitet uns so von der Westküste des adriatifcheu Meeres den weiten Weg durch die Länder, die wir oben genannt haben, keinen Theil der verschiedenen Gebiete vernachlässigend, und macht uns mit dem Gewinn einer solchen Reise bekannt, ohne uns die Mühseligkeiten zu verschweigen, denen wir dabei entgehen. Wir glauben uns deshalb berechtigt, das Werk allen denen zn empieblen. welche sich an den früheren und gegenwärtigen