Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1881)
- Date
- 1881-08-02
- Page
- Seite 515 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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515 schien in der That, als wolle er der Fels bleiben, welcher sein zu wollen er gelobt. Erst als die herrschende Erbitterung auf offener Straße gegen ihn zum Ausbruch kam, als man ihn zum Gegenstand eines Volksauflaufs machte und es geschah, daß man ihn vor den Augen des Pöbels wie einen Verworfenen behandelte, verlor er seine bisherige Festigkeit. Diesmal war der Stich bis in's Herz gedrungen und ein Gefühl der Reue, gemischt mit Wehmuth, bemächtigte sich seines Wesens. In dieser Verfassung kam er jetzt zu Mendelssohn, drückte ihm gerührt die Hand, erzählte das Vorgefallene und sagte dann mit einen« tiefen Seufzer: „Ach. lieber Herr, Sie haben es mir wohl vorausgesagt, daß Kränkungen meiner warteten, von denen ich keine Ahnung hätte. Noch vor Kurzem dachte ich nicht, daß Sie damals so wahr redeten, aber wie sehr haben Sie Recht gehabt!" Die Bekanntschaft mit Mendelssohn bestand, wie bemerkt, schon seit girier Reihe von Jahren. Sie war seiner Zeit durch Nicolai vermittelt worden, der Mendelssohn Gelegenheit geben wollte, aus der Sprachgelehrsamkeit Danim's Nutzen zu ziehen. Trotz seines Eifers und seiner Vorliebe für die philologischen Studien war der jüdische Gelehrte näm lich bisher nicht dazu gekommen. Griechisch zu lernen. Er hatte ohne alle Anleitung das Lateinische und das Englische sich zu eigen gemacht, aber was er von der Literatur der Hellenen wußte, das hatte er nur aus Uebersetzungen. Er hielt die Sprache dieses Volkes für unbeschreiblich schwer und glaubte nicht, daß es ihm vergönnt sein werde, bis in das wandeln, wo Nieolai's Behausung sich befand und wo auch Mendelssohn — das verstand sich ja von selbst — immer pünktlich zur Stelle war. Damit begannen nun für die drei Männer überaus interessante Unterhaltungen, die über zwei Jahre dauerten und für alle Theile anregend und fruchtbringend wirkten. Ungewiß, mit welchem Schriftsteller am besten der Anfang zu machen sei, entschied man sich nach einigem Schwanken für den Homer. In der ersten Zeit widmete Damm mit Rücksicht ans den Anfänger unter ihnen jedes Mal eine Viertelstunde der Grammatik, dies war aber bald nicht mehr nöthig, da der fleißige Schüler sich leicht zurechtfand. Zwei Stunden waren das Zeitmaß, auf welches sich diese Studien gewöhnlich erstreckten. Bei dem Eifer, mit welchem man ihnen oblag, kam es jedoch nicht selten vor, daß dasselbe wohl um das Doppelte überschritten wurde. In der Regel trug Damm den griechischen Text laut vor, übertrug ihn dann in's Deutsche, erklärte schwierigere Stellen genauer und beantwortete Mendelssohn's und Nieolai's Fragen. Oft aber lasen und übersetzten auch die Letzteren selbst, während er verbesserte, wenn sie fehlten. Seine Wort- Verklärungen waren höchst origineller Art, unterrichtend und! scharfsinnig, oft aber auch au das Komische streifend.! Für Mendelssohn waren diese Uebnngen trotz mancher j philologischenSondcrbarkeitdcsLeitersaußerordentlich fördernd. Als Nicolai vom Sommer 17.V.I ab verhindert war, daran theilzunchmen, las er mit Damm noch mehr als ein Jahr i lang den Plato, und der Nutzen, den er daraus zog, war so beträchtlich, daß er sämmtlichc Werke dieser Philosophen Wesen derselben zu dringen. So kam er eines Tages zu! später ohne jede Beihilfe in der Ursprache studiren konnte. Nicolai, als dieser gerade dabei beschäftigt war, denj Sic gut er mit der Ilias sowohl als mit der Odnssee de- Demosthenes in der Ursprache zu lesen. „Warum halten Sie kannt geworden war, bewies seine in der „Allgemeinen sich mit diesem Schwätzer auf?" sagte Mendelssohn; „ver- Deutschen Bibliothek" veröffentlichte Rcccnsiou der ersten stünde ich Griechisch oder es märe noch möglich, es zu lernen, Ausgabe von Bitaub«'-'s französischer Uebersetzung des Homer, so würde ich wahrhaftig die Redner ruhig liegen lassen und; Als er darin willigte, sich auf diesen Weg führen zu lassen, den Plato lesen, für den ich schon durch die Uebersctzungcn hatte er nicht ein Wort Griechisch verstanden und jetzt lagen äußerst eingenommen bin." Ties gab Veranlassung, von die Geistesschätze der Hellenen, von denen er geglaubt, daß der Möglichkeit zu reden, daß er noch Griechisch lerne, sie ihm für immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben Nicolai rieth ihm, sich nur nicht lange mit der Grammatik würden, ausgebreitet vor ihm. Und daß es ihm möglich aufzuhalten, sondern einen leichten Autor gleich cursorisch geworden war, bis in diese Tiefen zu dringen, das verdankte und mit dem Wörterbuch in der Hand zu lesen. Aber der er fast ausschließlich dem alten Rector vom Köllnischen Philosoph schüttelte bedenklich den Kopf. „Ja", rief er, Glimnasium, der sich ihm uneigennützig als das von ihm bc- „wenn ich immer einen Mann vor mir hätte, der mir ein gehrte „lebendige Lexicon" zur Verfügung gestellt hatte, lebendiges Lexicon wäre!" Nicolai dachte hierbei sogleich an Vergessen konnten sich beide Männer niemals. In den Rector des Köllnischen Gymnasiums, den er als hervor- Mendelssohn lebte das Tankgefühl, in Damni aber die Erragenden Graecisten kannte, und beschloß, mit ihm zu sprechen, innerung an das prophetische Wort, was Jener in Betreff Damm willigte auch sogleich ein und versprach wöchcntder Herausgabe des Neuen Testamentes gesprochen hatte, lich zweimal in Nieolai's Wohnung zu kommen, wo auch Auch der Sturm, welchen letztere erregt hatte, legte sich Moses Mendelssohn sich cinsinden sollte. Jeden Mittwoch übrigens bald. Als Diejenigen, welche dieselbe erzürnt hatte, und Sonnabend sah man nun das „lebendige Lexicon" durch sahen, daß ihr Groll machtlos blieb, daß das Buch nach wie die Breite Straße über die Stcchbahn nach der Lchtoßfreiheit vor gelesen wurde und der Verfasser auch ferner seines Amtes