Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1881)
- Date
- 1881-08-02
- Page
- Seite 511 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227371--39154-3308442- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
511 wird. — Hierauf hielt der Rabb. vr. Rülf einen sehr inhaltreichen Vortrag: „Die thatsächliche Offenbarung in der Geschichte des Judenthums". — Weil das Judenthum keine Dogmatik hat, darum hat es auch keine Secten, sondern nur Parteien. In den praktischen Folgerungen aus dem Unsterblichkeitsglauben unterschieden sich einst Pharisäer, Sadducäer und Essäer, welche ursprünglich jedoch aus dem Parteitreiben einer wildbewegten Zeit aufgetaucht waren. „Die Gegenwart hat wohl wenig Aehnlichkeit mit der Aera Johann Hyrkan's, jedoch wiederum brandet und brauset die hochgehende Fluth des Lebens gar mächtig daher." Wiederum fällt die Antwort auf die Frage „woher und wohin?" verschieden aus. Ter orthodoxen Partei aus der einen und der modernen Partei auf der anderen Seite tritt neuerdings mit Glück die Mittelpartei gegenüber. „Wäre die Partei blos Vermittelungspartei, es dürste ihr am Ende ergehen wie dem unberufenen Vermittler zwischen Eheleuten in häuslichen Zwistigkeiten, daß schließlich beide in trauter Einigkeit über denselben herfielen, um ihn gehörig durchzubläucn. Beide Parteien würden ihr zurufen: wir haben unser bestimmt ausgeprägtes Princip, die eine in traditionellem Bestände, die andere in den Anforderungen der Zeit — aber woher nimmst du dein Leitmotiv?" „Die Mitte einer Sache ist immer nur linienbreit und es ist ohne Schwanken bald nach rechts, bald nach links ganz und gar die Parteiwege zu beschreiten unmöglich." „Du Orthodoxie frägst blos die Ueberlieferungen der Vergangenheit, du Neologie blos die Forderungen der Gegenwart, ich hole mir Rothes bei der Ewigkeit." Bisher galt es auch als feststehend, entweder nur die eine oder die andere Partei könne Recht haben, es gäbe nur 2 Osfenbarungs weisen, entweder die von außen nach innen wirkende der Thora oder die von innen nach außen wirkende der menschlichen Vernunft. Aber der Geist ist kein transcendenter sondern allüberall, in Natur, Geschichte, Thora ein immanenter. Auch wir haben uns endlich aus dem mystischen Dunkel aufgcrafit, in welches uns die Hypostase einer überweltlichen, außerweltlichen Thora versetzt hatte, sie erschauend und crkeimend in ihrer vollen Immanenz im israelitischen Volke. Da hätten wir also neben Thora und Vernunft ein drittes Offenbarungsorgan für unseren Glauben und unser Leben entdeckt — nämlich unser Volk. Israel ist die praktisch, wirklich und lebendig gewordene Thora, die Thora ist das urbildliche, vergeistigte Israel. Wäre die Thora einem anderen Volke zu Theil geworden, so wäre dieses das israelitische Volk. Tie Thora ist das geistige, Israel das leibliche Princip und das leibliche ist der Träger des geistigen. Die Rede- und Anschauungsweise der Thora ist auch die Redeweise ihrer Zeit. Die Integrität der Thora wird nicht aus dogmatischen, sondern aus historischem Interesse verlangt, ihre Heilighaltung geschieht nicht im Jntereffe der Halacha, sondern der Geschichte. Die Halacha ist nichts weiter als der jeweilige, in bestimmt ausgeprägten Handlungen sich darstellende „Gang" des jüdischen Volkslebens. Auch der menschlichen Vernunft gebührt nicht das erste und letzte Wort in Glaubenssachen. „Ich, dein Gott, habe mich nicht verändert und Ihr Kinder Jsrael's habt nicht aufgehört, Ich und Ihr. Es giebt nur ein unmittelbares Zeugnis; dafür, was wir zu thun und zu laffen haben — unser Volk. Unser Volk aber nicht in seinen zeitlichen, sondern in seinem ewigen Sinn, in seiner Geschichte. «Der Schulchan Aruch unseres Volkes ist seine Geschichte." Die Mittelpartei aber ist die Geschichtspartci. — Der Redner schloß: „Ich glaube an mein Volk und seine Herrlichkeit, welche selbst noch hinter Lumpen und Moder hell hervorleuchtet, und selbst durch die tiefste leibliche und geistige Erniedrigung nicht verlöscht werden kann. Ich weiß, wofür seine Märtyrer ihr Blutzeugniß abgelegt haben. Wer für sein Volk lebt, liebt und leidet, der thut es auch für feinen Gott. (Schluß folgt.) Würzburg, lr>. Juli. Vom Schwurgericht wurde heute der Redacteur des „Antisemiten", frühere Gerichtsvollzieher Fella, zu fünf Monaten Gefängnißstrafe verurtheilt, nachdem er zweier Preßvergehen, einer unsittlichen Handlung, begangen durch den Abdruck eines unsittlichen Gedichtes, und zweier Fälle der Berufsbeleidigung des Herrn ersten Staatsanwalts Braun, schuldig erkannt worden war. Bon der Anklage wegen Aufreizung zum Klassenhaß wurde derselbe freigcsprochen. Das Geschworenen-Collegium bestand aus 4 Städtern und 6 Landleuten. Erlangen, 20. Juli. Ter „Frank. Kur." vom 17. Juli berichtet: Es ist bekanntlich eine althergebrachte Universitätssitte, daß der rt-etor magnificus in einem gewissen Turnus alljährlich aus einer anderen Facultät gewählt wird, und Heuer war die medicinische Facultät an der Reihe. Aber auch innerhalb der Facultäten wurde bisher eine gewifie Reihenfolge der zu wählenden Persönlichkeiten eingehalten, und Heuer wollte es das Geschick, daß der kgl. ordentl. Universitäts- Professor der Physiologie l>r. Rosenthal die Anwartschaft auf die „Magnisicenz" hatte. Da wurde denn schon seit längerer Zeit so unter der Hand versucht, den Anwärter auf das Prorectorat zur freiwilligen Berzichtleistung im Voraus zu bestimmen, allein die frommen Wünsche blieben unerfüllt. Endlich mußte der Würfel fallen, und die besagte Majorität begründete ihr Votum hauptsächlich damit, daß die Erlanger Universität eine protestantische Universität sei, der doch ein Jude nicht vorstehen könnte. Nun erinnern wir uns zwar, daß trotz des protestantischen Charakters unserer Universität schon mancher Katholik ihr Prorector wer. allein ein Katholik ist ja auch etwas Anderes als ein 31