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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-08-02 · Heft 31 (2.8.1881) · p. Seite 509

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 31 (2.8.1881)
Date
1881-08-02
Page
Seite 509 (sequence 7)
Language
German
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509 könne. Hiergegen erklärte sich nun die evangelische Geistlichkeit der beiden Lande und eine von mehr als;;oo Geistlichen Unterzeichnete Adresse, in welcher diese energisch gegen die Stöcker'schen Anschuldigungen als völlig unbegründet protestirten, wurde dem Dekan der theologischen Facultät und sämmtlichen Collegen desselben durch eine feierliche Deputation überreicht. Die Schlußworte der Adresse lauten: „Zugleich fühlen wir uns gedrungen. Ihnen;u versickern, daß, wenn wider unser Hoffen der confessionelle Hader in den Frieden unserer thüringischen Landeskirchen hereingetragen würde, wir in unwandelbarer Treue und protestantischer Freudigkeit an Ihrer Seite stehen werden." Reusteltin, 18. Juli. Von hier, dem Brüteplatz der Henrici'schen Hetzereien, wird der .. B. Z." berichtet: Unsere Stadt hat leider daS zweifelhafte Glück, ihre traurige Berühmtheit, die sie schon durch frühere Affaircn erlangt hat, wieder auffrischen zu können. Tenn heute Nacht, also in der Nacht vom 17. zum 18., hat hier ein veritabler Aufruhr stattgefunden. Der Hergang ist in kurzen Worten folgender: In der hier erscheinenden „Neustettiner Zeitung" wurde ein Herr Lutosch, der in Scmitenhetze macht, wegen seiner Roheit angegriffen. Hierfür revanchirte er sich dadurch, daß er den Redacteur am hellen Tage auf der Straße durchprügelte. Dieser seinerseits rächte sich wieder dadurch, daß er in Verbindung mit seinem Bruder am 17. Juli die Prügel mit Zinsen zurückzahlte. Gegen ' ■> 9 Uhr Abends rottete der L. nun große Volkshaufen (ca. 500 Mannzusammen, um, wie er seine Genossen anfeuerte, fämmtliche Juden todtzuschlagen. Unsere Polizei sah sich solcher Zusammenrottung gegenüber machtlos; sie wurde scbst mit Steinwürfen tractirt und Herrn Bürgermeister Zingler flog ein Stein an die Brust, während im Rathhause selbst Fenster eingeworfen wurden. Sie machte zwar den L. und einige Hauptschreier aus dem Haufen, der lärmend und drohend die Straßen durchzog, dingfest, so daß vorläufig Alles ruhiger schien. Gegen 11 Uhr jedoch begann die Menge wieder durch die Straßen zu ziehen und bei den jüdischen Einwohnern die Fenster. Fensterladen, Thüren und Schaufenster durch Steinwürfe zu demoliren. Später wurde der L. von der Polizei wieder loSgelassen und nun bekam daS Zerftörungs werk einen Leiter und festen Mittelpunkt. Die Verwüstungen, > welche in der Preußischen Straße, die vom Markt bis zum > Kreuzdamm führt, an dem Aeußeren der Häuser angerichtet j sind, sind sehr beträchtlich, da die Fenster und Schaufenster eingeworfen uud an einigen Stellen sogar die Fensterkreuze ausgebrochen oder zertrümmert sind. Ein HauS am Kreuzdamm, einem jüdischen Bürger gehörig, hat bis in den dritten Stock kein ganzes Fenster aufzuweisen, ebenso wie die Figuren, welche zur Verzierung angebracht waren, zerstört sind. Sogar einzelne Christen sind nicht verschont geblieben, ob aus Jrrthum oder weil sie, um in der jetzt modernen Sprache zu reden „^udengeuosfen und Judcnknechte" sind, vermag ich nicht zu entscheiden. Unsere Polizei ist, wenn sie auch den guten Willen hat, solchen Tumulten gegenüber zu schwach. Es muß übrigens constatirt werden, daß auch nicht ein einziger anständiger Bürger oder Handwerker an dem Tumult sich betheiligt hat. Charakteristisch ist cS. daß bei einem Theil der Menge sogar die Absicht zu plündern bestand, da, wie von einem Polizisten versichert wird, vor einem Kausladen, der mit Steinen bombardirt wurde, Frauen und Kinder mit Körben bereit standen. Ter Schade, welchen die Stadt zu ersetzen hat, dürfte sich auf eine nicht zu kleine Summe belaufen. Ter Tumult ist wohl zum größten Theil den täglichen Hetzereien der hier erscheinenden „Nordd. Presse" auf Rechnung zu setzen, ebenso wie der Pöbel wohl nur die Ideen, welcke in dem hier bestehenden „Deutschen Bürgervereine" gepflegt werden, inS Praktische übersetzt hat. Ter L., dem bei der Verhaftung ein fünfläufiger geladener Revolver abgenommeu wurde, hat sich heute Morgen mit der Eisenbahn gedrückt, doch dürfte er vielleicht bald zurückkehren, um fich wegen Anstiftung zum LandfricdenSbruch vor Gericht zu verantworten. AuS einer kurz vor Schluß der Redaktion hier eingehenden Depesche de» „23. T. B." geht hervor, daß die Excesse auch in der Nacht zum 19. fortgesetzt worden sind, viele Fensterscheiben und Schaufenster in jüdischen Häusern ein gcworfen wurden und etwa 20 Excedenten verhaftet sindO Reusteltin, den 19. Juli. Tie von mir ausgesprochene» Befürchtungen in Betreff der Wiederholung der Excesse haben sich nicht nur erfüllt, sondern sind durch die Thal fachen weit überholt. Um die Pöbelhaufen auS den Straßen der Stadt fern zu halten, waren die Behörden (Polizeiverwaltung und LandrathSamt» auf das seltsame Mittel verfallen. sie durch Musik in ein außerhalb der Stadt gelegenes Lokal zu locken. Doch verfehlte diese Maßregel insofern ihren Zweck, als später die nunmehr noch durch den Genuß geistiger Getränke erhitzte Menge erst recht an die Wiederholung der Exeesfe ging. Um mich durch den Augenschein von der angerichteten Verwüstung zu überzeugen, habe ich das HauS eines am Kreuzdamm tvohnendeu jüdischen Einwohners genau besichtigt; abgesehen von der äußeren Demolirung desselben (die in der vorhergehenden Nacht äuge richteten Schäden waren, so gut es in der Eile ging, wiederhergestellt) bot das Innere desselben einen wirklich herzzerreißenden Anblick. Die Fenster sind zertrümmert, die in sämmtlichen Zimmern nach vornheraus anfgestellten Möbel und sonstigen Gcräthschasten sind zerstört, auf der Bettdecke eines'in der Wiege schlafenden Kindes lag ein Felsstcin, welcher an Größe einem Mauersteine nahe kam. Auch sonst liegen etwa 15 — 20 Steine von gleichem Kaliber aus den Möbeln (und im Zimmer zerstreut umher. Da unter solchen Um-

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