Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 31 (2.8.1881)
- Date
- 1881-08-02
- Page
- Seite 506 (sequence 4)
- Language
- German
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506 unserer Meinung nach antiliberal, da der Verbrecher ein solcher nicht als Katholik. Protestant oder Jude, sondern als Mensch und Bürger ist, so können wir jüdischer Seits mit dieser Anordnung nur zufrieden sein. Die Verleumdungen und Erfindungen der Antisemiten über den Antheil der Juden am Verbrechen waren nur möglich, so lange die Criminalstatistik über die Religion der Angeschuldigten und der Verurtheilten keine Rubrik enthielt. Schon die jüngst angefiellten Nachforschungen haben jene Bezüchtigungen entlarvt. und dies wird bei Befolgung des ministeriellen Reglements immer mehr der Fall sein.) ' — Am 15. hatte sich die studentische ..Bereinigung zur Pflege des Deutschthums", die bekanntlich aus antisemitischen Wurzeln hervorgesprossen, zu einem Commers vereinigt. Auch der Rector Prof. Hofuiann war anwesend, und sagte in Erwiderung eines Toastes u. A.: „Es war mir eine große Freude, eine Einladung zu dieser Versammlung zu erhalten, und mit Ihnen einen Rückblick in die Vergangenheit zu werfen. Ich habe nicht immer so cordial mit Ihnen tagen können, wie am heutigen Abend, und wenn ich auf die Gründung dieses Vereins — dessen Gast zu sein ich mir zur Ehre anrechne — zurückblicke, so muß ich mir sagen, daß diese Gründung nicht ohne Schmerzen erfolgt ist. Ein Verein zur Pflege des Deutschthums! Was könnte einem deutschen Profefior sympathischer fein! Eine Versammlung von jungen deutschen Männern! Was könnte einem deutschen Mann willkommener sein!? Und doch wiederum habe ich mich der Gründung dieses Vereins seiner Zeit widersetzen müssen. Woher kommt es nun, daß ich heute Abend gern in Ihrer Mitte bin, und mich Ihres Festes freue? Gestatten Sie mir, daß ich Ihnen diese Frage mit einem Hinweis auf einen Prozeß beantworte, dessen fich der Chemiker bedient, wenn er ein reines Metall Herstellen will. Es ist bekannt, daß sich der Schmelzungsprozeß in der Wärme vollzieht, und dieser Schmelzungsprozeß, den ich im Laboratorium sonst mit Erfolg angewendet habe, hat sich auch vortrefflich bei der Bildung dieses Vereins bewährt. In der erfrischenden Kühle dieses Saales denken Sie nicht mehr daran. (Heiterkeit.) Es ist mir eine Freude, Ihnen auszusprechen, wie sehr ich mich der Richtung freue, welche die „Bereinigung der Studenten zur Pflege des Deutschthums" eingeschlagen hat. Ich fordere Sie auf, auf diesem Wege zu beharren, und unbeirrt von irgend welchen Einflüssen, die von der einen oder anderen Seite kommen könnten, das hohe Ziel fest im Auge zu halten." — Die am Montag Abend in der Berliner Bockbrauerei (am Tempelhofer Berg) stattgehabte Versammlung des Henrici'schen ..Socialen Reichsvereins" war von etwa 1800 Personen besucht. Henrici bezeichnete das Vorgehen der Conser» oativen, die antisemitische Bewegung für sich zu benutzen, als ein jüdisches. Ihm sccnndirten unter vielfachem Beifall, Widerspruch und Lärmen Redacteur Eduard Krämer, der Redacteur des „Apollo" Louis Cunow, Ruppel, der Sraatssocialist Schuhmacher Schroeder und Pickenbach. —Der bekannte Körner und Faktor Weber plaidirten für Versöhnung mit den Conservativen. — Es wurde schließlich in einer Resolution jedes Pactiren mit den Conservativen abgelehnt. — Zum Schluß äußerte Arbeiter Scndig (Socialdemokrat): Er sei bis auf einen Punkt mit der Henrici'schen Rede einverstanden; wenn er dieselbe gehalten, würde man ihn ausweisen. Hier entzog Henrici dem Redner das Wort. Es entstand in Folge dessen ein so furchtbarer Tumult, daß der beauffichtigende Polizei- Offizier die Versammlung auflöste. Im Hintergründe des Saales fand noch eine heftige Hauerei statt. (Das find die Elemente, durch welche das deutsche Reich, die deutsche Nation, der deutsche Geist regenerirt und geläutert werden sollen!!! Die Berliner Blätter geben eine ausführliche Schilderung der Versammlung, namentlich auch viele Auslassungen des bis zum Wahnfinn gesteigerten Fanatismus des Henrici. Und weshalb diese Verbreitung solcher Hundstagsreden? Nur das Eine bemerken wir: Henrici verzichtet großmüthig auf eine Candidatur, die ihm natürlich noch Niemand angetragen — wie sauer find die Trauben noch! — Man wird fich längst gewundert haben, daß in der jüngsten Zeit Stöcker so ganz geschwiegen und seinen Rivalen Henrici, Förster und Consorten das Feld geräumt habe. Der schlaue Mann weiß sehr wohl was er thut und hat seine Leute „in die Ferien" entlassen. Um aber nicht ganz außer Hörweite zu bleiben, schreibt er Artikel im „Reichsboten". Es ist sehr vernünftig von der Berliner Tagespreffe, keine weitere Notiz von diesen geistreichen Auslassungen des Hofpredigers zu nehmen. Dafür greift eine andere Hand, die antisemitisch mit „verschämten Allüren" ist, eifrig darnach. nämlich die Augsburger „Allg. Ztg." Sie druckt die Hauptstellen Stöcker's ab und verbreitet sie so weithin, denn den „Reichsboten" lesen nur wenige Sterbliche. Deshalb müssen auch wir hier darauf reflektiren. Stöcker richtet sein Hauptgeschoß gegen zwei Punkte: die Anstellung jüdischer Lehrer und Richter und die Sammlungen für die unglücklichen russischen Juden. Er sagt: „Jüdische Lehrer können christliche Kinder nicht erziehen, jüdische Richter sollten christlichen Deutschen keinen Eid abnehmen dürfen. Aber ich meine, daß diesen Uebelständen auf dem Wege der Schul und Justizverwaltung begegnet werden kann. Uns erscheint dieser Weg noch immer als der einfachste. Der Verfassung widerspricht er nicht; denn in der politischen Gleichberechtigung unserer jüdischen Mitbürger liegt nicht ihre Berechtigung. christliche Schüler zu bilden, Christen Eide abzunehmen. Die Berechtigung kann immer nur so weit reichen , wie die objektive Befähigung, und an dieser fehlt es den