Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1881)
- Date
- 1881-07-26
- Page
- Seite 499 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3224737-3227339-3227370--39141-3308428- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
499 er ihn erblickte, sogleich stehen blieb, sich einen Augenblick besann, dann ehrerbietig den Hut ziehend an ihn mit der Frage herantrat: „Sind Sie der Rector Damm?" „Ja wohl! lautete die Antwort, welche, kaum gesprochen, die Lage sogleich veränderte. Entrüstet spie der Frager vor dem Gelehrten aus und überlaut hörte man ihn rusen: „So bist Du also der Bösewicht, der uns den Herrn Christus rauben will! Verflucht seist Du, verflucht sei dein Eingang und dein Ausgang!" Es braucht nicht gesagt zu werden, daß eine so unerwartete öffentliche Schmähung den alten Rector erschütterte. Gleichwohl blieb er gesaßt und nur leise zitterte seine Stimme, als er antwortete: „Gott vergebe es Ihm, mein Freund, daß Er flucht, ohne zu wissen warum. Christus sagt: Segnet, die Euch fluchen, bittet für Tie, die Euch beleidigen." Dann ging er ruhig weiter, aber sein Angreifer wurde dadurch nicht besänftigt und sandte eine Fluth von Verwünschungen hinter ihm her. Natürlich hatte der Vorfall in der belebten Straße Aussehen erregt. Die Müßiggänger, welche derartige Schauspiele von je mit Behagen genoffen, waren bald herbeigezogen und hatten den Geschmähten mit weit ausgerissenen Augen angegafft. Obwohl sie nicht wußten, um was es sich bandele, so schien ihnen doch soviel klar zu sein, daß sie aus einen Verbrecher schauten, denn wie wäre ein solcher Auftritt sonst möglich gewesen! Ein ganzer Trupp dieser Leute gab dein alten Rektor das Geleite bis zu seiner Wohnung, die glücklicherweise nicht weit war und sich schon da befand, wo die Breite Straße zu Ende ging. Dort blieben sie noch eine ganze Weile stehen, jedoch ohne irgend eine Kundgebung gegen den Mann, dem sie gefolgt waren und nur mit einer gewiffen Verwunderung das Haus anstaunend, in dem er verschwunden war. Und wer war Derjenige, der solchen Schimpf hatte erdulden müffen? Sein Name ist schon genannt. Ja, er war es in der That: Christian Tobias Damm, der damalige Leiter des Kölnischen Gymnasiums. Seit dreiundzwanzig Jahren stand er in diesem Amte, immer hatte er seiner Meinung nach das Gute gewollt, niemals war er, so viel er sich bewußt, von dem Pfade des Rechtes und der Tugend abgewichen. Und nun ein solches Ereigniß' Zwar kannte er Die Veranlassung sehr gut, zwar hatte es an warnenden Stimmen nicht gefehlt, die ihn auf Kränkungen vorbereiteten, aber ihm waren diese Besorgnisse übertrieben erschienen. Er hatte damals, als er sich zu Schritten entschloß, welche so schlimme Folge hatten, nicht geglaubt, daß ihm derartige Früchte daraus erwachsen könnten. Bei aller Ruhe, die ihn sonst kennzeichnete, bei der beinahe trockenen Gleichmäßigkeit seines Wesens fühlte er sein Gemüth jetzt doch besonders erregt und beinahe erschöpft sank er auf seinen Arbeitsstuhl, vergeblich bemüht, die bösen Gedanken zu scheuchen, welche sein Gehirn durchkreuzten. Mit dem Vorwurf der antichristlichen Gesinnung aber hatte es folgende Bewandniß. Tamm hatte in den Jahren 1764 und 65 eine Uebersetzung des Neuen Testaments erscheinen lassen, welche durch die ihr beigegebenen rationalisirenden Erklärungen ein ungeheures Aufsehen in Deutschland erregte. Der freie Gebrauch, welchen der Herausgeber der Person Christi gegenüber von den Waffen seiner Vernunft gemacht hatte, erschien den Meisten geradezu wie ein Gottesfrevel und in dem Lager der Gläubigen nannte man seinen Namen nur als den eines Ketzers. Auch in Berlin hatte ihm seine That viele Feinde erworben und es fehlte nicht an Solchen, welche es als etwas Unerhörtes bezeichneten, daß ein solcher Mann im Amte bleibe. Daß sich dieser Groll keineswegs auf die höheren Gesellschaftskreise beschränkte, dafür war der Beweis geliefert. Ties Alles hatte sich ja voraussehen lassen. War es doch noch in guter Erinnerung, welchen Staub einige zwanzig Jahre früher das Wertheimer Bibelwerk aufgewirbelt hatte! Alles war dem guten Rektor vorgestellt worden, aber er hatte es so gewollt und er erntete nun, was er gesäet. Mit dem Plane zu seinem Unternehmen scheint er sich sehr lange getragen zu haben. Schon im Jahre 1756 hatte er seinen Freunden Moses Mendelssohn und "Nicolai im Vertrauen davon Mittheilung gemacht, und aus seinen Aeußerungen ging hervor, daß die baldige Veröffentlichung des Werkes bevorsiebe. Aber was hierbei über den Geist verlautete, in welchem seine Erklärungen gehalten waren, war nur geeignet, die schwersten Bedenken hervorzurufen. Mendelssohn rieth daher entschieden ab. Bei der damaligen Stimmung der wortführenden Theologen ließ sich mit Sicherheit annehmen, daß die Wirkung für den Verfasser keine angenehme sein würde. Damm entschloß sich in Folge dessen auch, die Herausgabe zu verschieben. Er wollte nur das Evangelium Johannis in fünfzig Exemplaren für eben so viele Subscribenten abdrncken lassen, die in dein Kreise seiner Bekannten zu suchen wären und die Sache noch als ein Gehcimniß betrachten. Diese sollten Richter sein. Erst dann, wenn ihr Urtheil zustimmend ausfiel, wollte er zur Herausgabe der ganzen Uebersetzung schreiten. So hatte eS ihm der Oberconsistorialrath Baumgarten gerathen, und dieser Weg erschien ihm als derjenige, auf welchem er keinen Gefahren begegnete. So war denn 1762 das Evangelium Johannis erschienen. Baumgarten, Mendelssohn und Nicolai waren die ersten Abonnenten gewesen, andere gebildete Männer, darunter Geist liche und Gelehrte, hatten sich zugesellt. "Auf dem Titelblatte nannte sich Damm Theodor Klema, vermutblich nach dem - griechischen Worte yj.ijua, welches Weinrebe bedeutet und in Anspielung aus Joh. XV. V. 1. und 2.: „Jü bin ein rechter Weinstock und mein Vater ein Weingartner. Einen