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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-07-26 · Heft 30 (26.7.1881) · p. Seite 490

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 30 (26.7.1881)
Date
1881-07-26
Page
Seite 490 (sequence 4)
Language
German
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490 in die modernen Sprachen übersetzt und dadurch die Akten 1 dem Auge eines Jeden offen gelegt. IV. Man sieht, daß wir diesmal uns nur mit dem geistigen! Inhalte dieses Prozesses beschäftigen. Wir gehen nicht auf j die Schilderungen der anderweitigen Mittel ein, welche j christlicherseits gegen die Juden selbst angewendet wurden. : um sie ihrer Religion untreu zu machen; nicht auf die Edikte schon Constantin's und seiner Nachfolger, welche die Juden; des römischen Bürgerrechts nach und nach beraubten, auf die Beschlüsse der Concilien, welche jeden Berkehr zwischen; Juden und Christen verhindern sollten, auf die immerfort gesteigerten Beschränkungen, welche die Bekenner des Indenthums von allem öffentlichen, bürgerlichen und geistigen Leben ab- und ausschlossen, auf die Verhöhnungen, Mißhandlungen und Verfolgungen, denen sie unterworfen wurden. Anderthalb Jahrtausende dauerte dieser Krieg gegen die wehrlosen kleinen Haufen; doch vermochte er wohl. Allen das Leben so sauer wie möglich zu machen. Zahllosen das Leben zu kosten und sie in immerwährenden Wanderungen zu erhalten — aber das eigentliche Ziel, sie dem Judenthume abwendig zu machen und dieses letztere hiermit zu vernichten, * konnte nicht erreicht werden. Die neuere Zeit hat zwar! diese Art der Bekämpfung noch nicht aus der Welt geschafft,! aber in den eigentlichen Kulturländern brachte sie den Juden j Sicherheit der Person und des Eigcnthums, Eröffnung des! Kulturlebens, Ausnahme in die bürgerliche und staatliche i Gesellschaft, Gleichberechtigung vor dem Gesetze, sowie anderer- | seits eine neue frische Kulturentwickelung in den Juden und! dem Judenthume. Wie gestaltete sich unter diesen Verhält- : nisten der selbstverständlich fortdauernde Prozeß, der eben bei der Forlexistenz des Judenthums auch nicht aushören könnte? Er hängt, wie man leicht einsieht, davon ab, inwieweit in beiden Religionen eine weitere Entwickelung stattsindet. Wir sehen noch jetzt die orthodoxen Christen, sowie alle die, welche sich dem Judenthum gegenüber von den Banden früherer Anschauung und Vorurthcile nicht frei machen können, und den letzteren gehören oft Männer an, welche auf anderen Gebieten der freieren Richtung ergeben sind, wir sehen sie das orthodoxe Judenthum für mumifizirt und verknöchert ausgeben, das „Reformjudenthum" als religionslos, höchstens dem Spinozismus verfallen, verurtheilen — wir Juden lächeln hierüber, denn wir wissen doch besser, was wir von unserer religiösen Ueberzeugung zu halten haben, die uns heute noch der christlichen Kirche so fernhält, wie sie unsere Boreltern weder dem Druck noch der Verlockung nachgeben ließ. Da konnte es dem unparteiischen Forschergeiste unserer Zeit trotz bösen Willens nicht verborgen bleiben, daß es mit dem Judenthume, seiner Existenz, seiner Geschichte, seinem Inhalte und Ziele sich doch anders verhielte. Und Viele sprachen es schon unumwunden aus, daß jenes den reinen, unverfälschten Monotheismus enthalte, keiner Alteration und Modifikation anheimgebe, dessen Consequenzen consequent ziehe und bewahre, und es somit, da es diese Lehre dergestalt durch alle Jahrhunderte auch nach dem Entstehen des Christenthums und Islams aufrecht erhalten habe, die geschichtliche Aufgabe haben müsse, diese große religiöse Lehre durch die Zeiten zu tragen und zu bekennen. Diese Anschauung ist es nun, welche das moderne Judenthum ausfüllt, und die cs dem Christenthume gegenüber betont. In welcher Gestalt dieselbe auch in den ftüheren Phasen bestand, z. B. als Glaube an den persönlichen Messias, in welchen Formen ihr auch die früheren Geschlechter der Juden dienten und sie zum Ausdruck brachten: das moderne Judenthum erkennt sich die Aufgabe zu, diese Anschauung feiner geschicht-! lichcn Mission im Dienste des reinen Monotheismus zu erkennen, sie in der geschichtlichen Entwickelung des Juden-! thums nachzuwcisen, nach allen ihren Richtungen dnrchzuar- | beiten, sie von immer höherem Standpunkte zu begreifen und auf allen Gebieten des geistigen und wirklichen Lebens klars zustellen, selbstverständlich zugleich von allen Auswüchsen und Schößlingen, welche die Zeiten aus dem uralten Stamme hervorgetrieben, zu säubern. Gerade hierdurch wurde diesem modernen Judenthume auch seine Stellung zum Christenthume gegeben. Es konnte ohne Schwierigkeit sich in wichtigen Beziehungen auf gemeinsamen Felde mit demselben fühlen; Alles, was die allgemeine Richtung zum Gottglauben und zur sittlichen Cultur des Menschen erzielt, das steht beiden Religionen gleicher Weise als Zweck vor. Haben sie doch auch gemeinsame Feinde in den Gegnern des Gottesglaubens und der Positivität der Religion. Eine wirkliche Feindseligkeit ist daher dem modernen Judenthume durchaus nicht elementar, und wenn jüdische Seribenten oder Zeitungsschreiber sich in dieser Hinsicht unangemessen, unanständig, leidenschaftlich benahmen, so war dies durchaus nur persön licher Natur und stand mit deni eigentlichen Judenthum in gar keinem Zusammenhang. Nur Bosheit konnte daraus sämmtlichen Juden einen Vorwurf, ja ein Motiv der Feindschaft machen. Dagegen wird das Judenthum stets und unverändert einen Gegensatz zu dem dogmatischen Gehalt des Christenthums bilden, und ganz von selbst zum Ausdruck bringen. Indem das moderne Judenthum sich wissenschaftlich durchzuarbeiten begann und dies durchzuführen sucht, kann es sich auch der Betrachtung der trennenden Momente nicht entziehen, die zwischen ihm und dem Christenthum vorhanden sind, und diese in wissenschaftlicher, ernster und des großen Gegenstandes würdiger Weise zu behandeln, kann ihm nicht verdacht werden, sondern ist seine Pflicht, vor sich selbst wie vor der Allgemeinheit. — Ist also ebenso wenig für die

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