Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1881)
- Date
- 1881-07-26
- Page
- Seite 489 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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489 Der Prozeß zwischen dem Ehriftenthumc und dem Iudenthume. (Fortsetzung.) So war der Versuch, den Talmud und die rabbinische Literatur gewaltsam aus der Welt zu schaffen, gescheitert, ein Versuch, der, da er mit der Drucklegung des Talmuds endigte, nicht wiederholt werden konnte. Man schlug daher einen anderen Weg ein: man bemühte sich, den Talmud anzuschwärzen, ihn als ein Convolut der unsittlichsten Feindseligkeiten gegen das ganze Menschengeschlecht und als eine Sammlung der lächerlichsten Albernheiten zu brandmarken, und hiermit das Judcnthum dem Christenthum gegenüber als van unlauterster Moral und gehässigsten Tendenzen zu verurtheilen. Hierzu mußte man allerdings von etwas mehr Kenntniß des jüdischen Schriftthnms ausgehen, als man früher besaß, und diese zu erlangen wurde mit dem Fortschritt im Studium des Hebräischen möglich. Tie nächsten zwei Jahrhunderte waren allerdings von der Resormativn, den Religionskämpfen und dem dreißigjährigen Kriege dermaßen ansgesüllt, daß an diese Bekämpfung des Onden thums nicht gedacht w erden konnte. Kaum war man aber einige Jahrzehnte zur Ruhe gelangt, als die Angriffe gegen das Judenthum begannen. Drei deutsche Gelehrte, Männer, welche im vertraulichen Verkehr mit Juden sich wirklich eine nicht unbedeutende Kenntniß des Talmuds erworben hatten, waren es, die sich diese Aufgabe gestellt hatten. Tie beiden ersten Johannes Wülfer aus Nürnberg und Johann Ehrt stoph Wagenseil, Professor in Alton, beeifcrteu sich, obschon sic die Juden arger Schmähungen gegen das Christenthum und dessen Stifter bezichtigten, mäßig und gerecht über sie zu urtheilen und die alten Vorurtheile zu entkräften. Anders der dritte, Johann Andreas Eisenmenger. Cr hatte sich, indem er vorgegeben hatte, sich zum Jndentbume be kehren zu wollen, eine tüchtige Kenntniß der jüdischen Vre ratur erworben, und nun ging er darauf aus, diese zur Vernichtung der Juden zu benutzen. Cr arbeitete e:n Werk ans, dessen langer Titel schon nach den damaligen Ve griffen den tödtlichsten Schlag gegen das Judenthum rührte: „Entdecktes Judenthum" :c.'i Alle die alten Fabeln von Brunuenvergiftnng und Chriffenblut gab er für historische Wahrheiten ans und häufte dafür Beweise auf, die tbeils aller Glaubwürdigkeit ermangeln, theils längst als Erfindungen dokumentarisch erwiesen waren. Er wiederholte Geschichtchen, die ihren Ursprung pfässischem Betrüge oder der bornirtesten Einfalt verdankten. Dann aber stellte er eine Sammlung von Sätzen aus dem Talmud und der rabbinischen Literatur zusammen, die, ans dem Zusammenhänge gerissen, 1) Ausführliches (SSrnp, X. 3- 305 ff. gewaltsam verdreht, in gehässigster Weise inlerprctirt, die schlechte Moral des Talmuds und den albernen Geist, der in ihm herrsche, beweisen sollten. Eisenmenger bekundet hierbei einen außergewöhnlichen Scharfsinn, aber auch das schlechteste Herz und eine unbändige Roheit. Das Btlch bestand aus zwei Bänden, und wäre es zu einer Zeit erschienen, wo der fanatische Geist noch im Volke rege war und der Pöbel zu anarchischen Auftritten Raum hatte, so konnte es die traurigsten Folgen haben. Um diese abznwcnden, da das Werk bereits im Truck war (1700 in Frankfurt a. Main . bemühten sich die Frankfurter Juden, das Erscheinen des Buches zu verhindern und bewirkten durch den bei dem Kaiser Leopold I. hochaugesehenen Samuel Oppenheim ein Edikt des Kaisers, welches die ganze Auslage jener Brandschrifi 2000 Exemplare) mit Beschlag belegte und ihre Verbreitung verbot. Hieraus trat Eisenmenger in Verhandlung mit den Juden und bot ihnen an, für 30,000 THaler das ganze Werk zu vernichten. Sie wollten ihm nur die Hälfte zugestehen und Eisenmenger starb aus Gram über seine ent täuschten Hoffnungen. Unterdes; hatte sich aber der erste preußische König Friedrich I. für alle die gegen die Juden im Schwange seienden Vorurtheile und Gehässigkeiten gewinnen lassen. Jedoch blieben seine Bemühungen für die Veröffentlichung des Eisenmenger schen Werkes bei Leopold I. und drei Jahre später bei Joseph l. vergeblich, bis er den Druck einer zweiten Auflage in Königsberg genehmigte, wo die kaiserliche Censur keine Macht besaß. Obschon nun die gefürchteten unmittelbaren Folgen ausblieben, so bol doch seitdem das Eisenmenger'sche Werk allen Judenfeinden die tvillkommcne Rüstkammer, um die Verleumdungen deS Talmuds und des talmudischen Judenthums immer wieder zu erneuern. Umsonst veröffentlichte Surenhuns in Amsterdam «chis 1703) eine lateinische Uebersetzung der Mischna 'und übertrug Rabe einige talinudische Traetate ins Deutsche, vergebens erschienen später auch von jüdischen Gelehrten nachhaltige Widerlegungen: bisaus den heutigen Tag schöpfen judeugehässige Schriftsteller aus dem, jedes wissenschaftlichen Charakters baren Werke Eisenmengers die giftigsten AngrisfSniittel gegen das talmudische Judentdum und geben sich den Anschein der Sachkenntnis;, wenn sie auch noch so unwissend im Talmud sind, wie z. B. Rohling, dem die ganze Kaplanshetze jubilirend Folge leistete. Daß ein strenggläubiger christlicher Theologe wie Franz Delitzsch aus der Fülle seiner Gelehrsamkeit die Schmähschrift Rohling's als der gröbsten Unwiffen-; beit und sogar offenbarer Fälschung entsprungen nächstewicsen hat, wird selbstverständlich von denen nicht beachtet, welche in dem Haffe gegen das Indent hum ihre Befriedigung finden. Tcmnngeachtet hat diese Art des Angriffes und des Kampfes keine Zukunft. Bon jüdischen und christlichen Gelehrten werden Talmud und Midrasch in umfänglichster Weise