Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1881)
- Date
- 1881-07-26
- Page
- Seite 491 (sequence 5)
- Language
- German
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491 Zeit, die wir absehen, ein Ende des Prozesses zwischen dem Christenthum und Judenthume in Aussicht, wie derselbe zwischen jenen und anderen Religionen erreicht ist — obschon wir gesehen, wie gänzlich verschieden derselbe zwischen Christenthum und Judcnthum besteht und geführt wird — so können wir doch, trotz aller schlimmen Zeichen der jüngsten Zeit, die Hoffnung nicht ausgeben, daß er fortan in ganz anderer Weise sich abspielcn wird. Was auch von fanatischer Seite gesprochen und geschrieben, gewühlt und gewüthet wird: die Signatur unserer Zeit ist — Humanität und Duldung, und unter der Fahne dieses Geistes kann gestritten werden, ohne den Frieden zu brechen, ohne andere Mittel und Wege als den Kamps des Geistes um die höchsten Wahrheiten, ein Kampf, von dem schon das alte jüdische Wort sagt: „ein Streit im Namen und Geiste Gottes zr“) besteht!" Dann ist die Fortführung jenes Prozesses nur von allseitigem Nutzen, da er nur der Erkenntniß der Wahrheit Zu ergiebigem Dienste gereicht. Also mag vor Allem die gegenseitige Achtung Alle durchdringen, die sich in ihrer religiösen Ueberzeugung fühlen oder nach solcher streben, die UC|M 1 Deutschland. Berlin, 14. Juli. (Privatmitth.) Wie wir in dieser Zeitung oft genug schon bemerkt haben, daß die bevorstehenden Reichstagswahlen die Hetzereien der Antisemiten, die während des vorigen Sommers ruheten, in diesem Jahre gar nicht aufhören und möglichst sich verdoppeln, auch von bekannter Seite.^ mit Mitteln unterstützt werden, ersüllt sich. Solche Mittel müssen vorausgesetzt werden, da Sonntag abermals ein neues antisemitisches Blatt mit dem geschmackvollen Titel „Dampfwalze" zu erscheinen begonnen hat. Jndeß kommen diese Leute doch nicht immer zum Ziele. Am Sonnabend Abend z. Bbatte der staatssozialistische „Sociale Arbeiterverein" eine Arbciterversammlung veranstaltet. Die Anstifter wurden aber durch einige Redner vollständig geschlagen. Cs wurde jenen begreiflich gemacht, daß sie, die Arbeiter, „mit bloßen Schimpfereien auf die Fortschrittspartei nicht zu ködern feien". Interessant war der Schluß der Versammlung. Ein Sattler Weiß äußerte: „Herr Körner sagt uns, die antisemitische Bewegung habe eine sittliche Berechtigung. Wenn die Antisemiten blos den mühelosen Erwerb und die Ausbeutung bekämpfen wollen, dann stimme ich ihnen bei, allein die Antisemiten gehen weiter und fassen die Judenfrage als Rassenfrage aus; insofern hat diese Bewegung keine Berechtigung. Wollen «ie etwa alle Juden ihrer Religion oder ihrer Rasse wegen todt- Hochschätzung jeder ehrlichen Ueberzeugung als des heiligsten Gutes jedes Menschen. Das ist ja im Grunde keine allzuschwere Bedingung; denn man kann behaupten, daß, wo nicht der einfältigste Fanatismus Plan gegriffen, die wahre Schätzung seiner eigenen Ueberzeugung anch die vor der Ueberzeugung jedes Anderen mit sich führt. Nur wer seinem eigenen Glauben nicht ganz traut, wüthet gegen den Glauben Anderer. Ja, wir hoffen, daß die Zeit bald wieder zurückkehren werde, wo die verschiedenen Glaubensmeinungen, wenn auch einander mit dem Geiste bekämpfend, den Frieden nicht stören, sondern die Söhne eines Vaterlandes, die Bürger eines Staates in Eintracht leben lassen. Wir Juden aber sehen nicht mit eitlem Stolze auf den Widerstand zurück, den wir Jahrhunderte hindurch geleistet, wir hegen nur das Bewußtsein, daß unsere Borfahren ihre Schuldigkeit gethan, und daß wir, indem wir die Lehre des einzigen Gottes Hochhalten und unverändert, aber geläutert auck durch die kommenden Zeiten tragen, nichts als unsere Pflicht erfüllen. c 11 schlagen? Nun meinetwegen, thnn Sie es; die deutschen Arbeiter kehren solchem Gebühren verachtungsvoll den Rucken. Tie Arbeiter lassen sich weder durch den Honig der Fortschrittspartei noch durch den der Conservativen oder der Hosvrediger-Partei fangen. Hat vielleicht von Di-. Henrici früher Jemand etwas gehört? Wieso kommt es denn, daß dieser Herr und seine Genossen plötzlich so sehr in Arbeitersreundlichkeit machen, und zwar zu einer Zeit, wo die Wahlen vor der Thür stehen? Tie Arbeiter werden sich durch schöne Redensarten von keiner Seite mehr sangen lassen; sie werden dem Arbeitcreandidaten, den sie das vorige Mal gewählt, auch diesmal wieder ihre Stimme geben." (Beifall und Lärm.) Dieser und jener Agitator sucht bei Gelegenheit auch abzuwiegeln. Freitag hielt der De. Ercmer, derselbe, der früher mehrere Male nicht genug starke Worte gegen die Juden stnden konnte, eine von eonservativer Seite eingeladene Versammlung in Zehlendorf. Er drückte sich diesmal sehr gemäßigt aus. Seine Vorsicht ging so weit, dem schüchternen Ruf „Juden" als zu „weitgehenden Hetzrnf" entgegenzutreten, indem er „dem ältesten Volk, das mit anerkennenswerther Zähigkeit seine Eigenthümlichkcit bewahre, volle Freiheit in Beanspruchung der demselben gesetzlich ertheilten Rechte und Pflichten zuerkennen müsse." Von den 180 anwesenden Personen stellte sich aber kaum ein Viertel auf die Seite der Conservativen.