Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 30 (26.7.1881)
- Date
- 1881-07-26
- Page
- Seite 488 (sequence 2)
- Language
- German
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Verhältnisse in'» Auge zu fassen, um zu erkennen, daß Berlin allerdings die größte Stadt Deutschlands und im beständigen Wachsthum begriffen, daß sie die Residenz unseres Kaisers und Königs und der Ministerien, der Sitz des deutschen Reichstages und des preußischen Landtages ist, und daher enge Beziehungen zwischen dem übrigen deutschen Reiche und Berlin bestehen — aber weiter nichts. Die Berliner Tagespresse hat außerhalb Berlins wenig Verbreitung und deshalb auch geringe Einwirkung. Wir haben Provinzialblätter, welche die Berliner Zeitungen weit überragen; Berlin hat noch niemals Weltblätter, wie die Augsburgerin und die Kölnerin besessen, und es giebt keinen Theil der deutschen Tageslitcratur, der seine Nahrung aus der betr. Berliner zieht. Ebenso wenig ist Berlin der Hauptsitz der deutschen Literatur, und kann es sich z. B. mit Leipzig und Stuttgart nicht messen; es ist weder die Stätte, wo die wichtigsten Erzeugnisse des deurschen Geistes geschaffen, noch wo sie veröffentlicht werden. Die Berliner Universität ist in den letzten Semestern aus dem Rückgänge, den sie seit Jahren genommen, wieder zu einer großen Schülerzahl gelangt. Aber was will dies den anderen neunzehn deutschen Universitäten, deren Gesammtheit gegenüber sagen? Keine derselben entbehrt bedeutender Capacitäten und Autoritäten in ihrem Fache; kaum eine und die andere steht ihren Genossinnen an wissenschaftlicher Bedeutung nach. Besitzt auch Berlin großartige >runstinsritutc, denen die größten Mittel zugesührt werden, 10 besitzt doch Deutschland au Musikschulen, Maleracademien, Museen und Theatern so vieler und großer Leistungen fähige, daß an eine Abhängigkeit von Berlin nicht zu denken ist. sticht minder hat die deutsche Industrie, so sehr sich auch Berlin auf diesem Gebiete entwickelt hat, durchaus nicht ihren Lebensmittelpunkt in Berlin, und der Berliner Geschmack ist nicht tonangebend für das übrige Deutschland, höchstens für die näheren Umgebungen. Alles dies sind Thatsachen der für unsere Frage schwerwiegendsten Art, und die uns, glauben wir, volles Recht gewähren, sie zu verneinen. Aber auch für das politische Leben Deutschlands ist Berlin weder Gradmesser, noch bestimmender Faktor. Wenn in Berlin gegenwärtig das abschreckende Schauspiel eines, bis zu Persönlichkeiten herabgewürdigten Kampfes zweier extremen Parteien, der Conservativ-Orthodoxen und der Fortschrittspartei geboten wird, zu welchem Jntcressenhaß, Klassenhaß, Racenhaß, Nationalhaß, Religionshaß und sozialer Haß geweckt, aufgestachelt, entzündet, zur Flamme gebracht worden — so zeigt sich das übrige Deutschland durchaus nicht geneigt, diesem Beispiele zu folgen, in ähnlicher Weise sich zu zersleischen und sein ganzes Wohl, seine Kraft und seine Existenz dieser Parteiwuth hinzugcbcn. Berlin scheint auf dem Wege, ein Bnzanz zu werden, wo die „Blauen" und die „Grünen" einander auf's Heftigste befehdeten und sich die blutigsten Kämpfe lieferten — aber Deutschland ist kein Byzantinisches Reich und die Deutschen sind keine Byzantiner. Sie laffen die Berliner Parteien ihren Streit ausfechten, ohne sich daran zu bethciligen, aber auch ohne sich davon beeinflussen zu lassen; sie folgen ihren eigenen politischen Ansichten und Bedürfniffen. Als ein Beispiel brauchen wir nur die Centrumspartei anzuführen, die in Berlin gar keinen Boden hat und dennoch keinen ihrer Sitze innerhalb des katholischen Deutschlands verliert. Und der Antisemitismus selbst, dieses Berliner Produkt der letzten zwei Jahre? Wenn er auch an einigen wenigen Orten einen Wicderhall gefunden, ist er nicht vom übrigen Deutschland verleugnet worden? Haben sich nicht deutsche Fürsten und Regierungen entschieden dagegen erklärt? Ist nicht trotz aller Wühlereien, trotz einer Fluth von Büchern, Broschüren, Flugblättern und Zeitungsartikeln, trotz Unterstützungen von gewichtigen Seiten die Petition der Antisemiten völlig verunglückt? Haben die wüthigsten Aufreizungen irgend einen thatsächlichen Erfolg gehabt? Bis jetzt nicht, und es hat wahrhaftig zum Ansehen Berlins in Deutschland und in allen civilisirten Ländern wenig beigetragen, der Heerd dieser gemeinen Wühlereien zu sein. Noch niemals hat Berlin so viel höhnische Bemerkungen über die „Metropole der Intelligenz" zu hören bekommen, wie bei dieser Gelegenheit. Wir können uns also beruhigen. Die geschichtliche Entwickelung der deutschen Nation und Deutschlands hat diese vor dem Schicksale bewahrt, das bloße Anhängsel irgend eines großen Eenrrums, die absterbende Gliedermaffe eines krankhast angeschwollenen Herzens zu sein, und ein regelrechtes constitutionellcs Leben ist das entschiedenste Palliativ, es nicht zu werden. Deshalb nur noch eine Bemerkung. Wenn ein gouverncmentalcs Blatt davon spricht, daß „der letzte Tropfen fremden Blutes aus Deutschland entfernt werden müsse", so wissen wir nicht, ob dies mehr lächerlich oder verbrecherisch ist. Während Japan gegenwärtig ein Stapelplatz europäischer Colonien wird und selbst China einen Hafen nach dem anderen allen Nationen eröffnet, will man aus dem deutschen Reiche ein ehemaliges Japan und China machen? Und vermag man dies? Ein neuerer deutscher (christlicher) Gelehrter behauptete jüngst: Es gäbe in Deutschland sehr wenig reines deutsches Blut, so sehr hätten sich mit diesem im dreißigjährigen Kriege die Spanier, Franzosen, Schweden, Dänen, Kroaten u. s. w. gemischt. Wir wollen diese Behauptung als übertrieben anfehen, aber eine geschichtliche Thatsache liegt doch darin. Aus einem europäischen Staate „jeden Tropfen fremden Blutes" entfernen zu wollen, ist ein Wahnsinn, der nicht blos der Politik, dem Staatsrecht und allen Interessen, sondern auch der Geschichte und der Wirklichkeit in's Gesicht schlägt.