Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1881)
- Date
- 1881-07-12
- Page
- Seite 460 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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460 Stadt sahen nur ein Mal jährlich, zum Pfingstmarkt, eine! Brochüre: „Eine moderne Abendgesellschaft" (Verlag von Anzahl der Nachkommen Abrahams in ihren Mauern, die,! Wilhelm Jßleib, Berlin 1881), welche die Judenfrage behaunebenbei gesagt, nicht die Elite unseres Stammes bilden. Der polnische Marktzieher und Hausirer macht auch wohl keinen Anspruch darauf, den jüdischen Gentleman zu repräsentiren. Die Rostocker hatten sich also kein glänzendes Bild von einer jüdischen Genossenschaft gemacht. — Aber anstatt die Zuziehenden mit Mißtrauen zu begegnen, wurden sie überall zuvorkommend ausgenommen und mit Achtung behandelt. Drei bis fünf Familien zogen im ersten Jahre hierher; augenblicklich zählt die Gemeinde über fünfzig Familien, darunter Kaufleute, Bankier, Rechtsanwalt, sogar einen jüdischen Gymnasiallehrer. Eine große Zahl sind Brüder der Freimaurerloge; Einige Mitglieder des ersten Bürgerclubs, mit wenigen Ausnahmen gehören Alle zu den geachtetsten Bürgern der ehemaligen stolzen Hansestadt. Bis heute hat, G. s. D, noch keiner der neuen Bürger durch faule Geschäfte Anlaß zur Klage gegeben. Die städtische Schulverwaltung hat uns in der bereitwilligsten Weise ein Zimmer im Gymnasialgebäude eingeräumt, worin den jüdischen Kindern Religionsunterricht ertheilt wird. Der Patron der Gemeinde, Herr Stadtsyndicus Dr. Claßmann, ist in jeder Weise bemüht, für die Gemeinde delt und durch die Gesprächsform, in welcher sie uns vorgeführt wird, ein überaus anziehendes Colorit besitzt. Der eigentliche Werth des Schriftchens jedoch macht die eigene Betrachtung des Autors über die in der „Abendgesellschaft" gepflogene Unterhaltung aus, welche die letzten 20 Seiten füllt. Das große, tiefempfundene Wohlwollen, an das wir in der vorliegenden Materie bei dem Autor gewöhnt sind, zeichnet auch diese Betrachtung aus, in welcher die Judenfrage als „eine Geschmacklosigkeit" bezeichnet wird, die „sub specie der Aesthetik beurtheilt und gerichtet werden muß". „Da die Frauen" — heißt es dort — „im Reiche des Geschmackes maßgebend und einflußreiche Priesterinnen sind, so wenden sich diese Zeilen ganz besonders an die deutschen Mütter und Erzieherinnen. Möchte keine Hausfrau dulden, daß in ihrem Heim ein böses, ungerechtes Wort gegen Andersgläubige gesprochen werde; möchte jede Mutter, jede Erzieherin ihre Kinder, ihre Pfleglinge lehren, auch den Juden ihre Ehre zu geben und jeder judeufeiudlicheu Belleität der Kleinen die Strafe auf dem Fuße folgen lassen." Und ein anderes Mal: „Ich gebe gern zu, daß Mancher in der That glauben mag, die Judenfrage ließe sich rein akademisch aufwerfen und in aller Objektivität und Seelenruhe öffentlich zu sorgen und ihr Wohl nach jeder Richtung hin zu fördern. | verhandeln und lösen. Dem ist nicht so. Der großen Das ist die alte Hansestadt, die bis zum Jahre 1867! Menge läßt sich keine Doktorfrage vorlegen; gar zu schnell ihre alten Judenprivilegien ängstlich behütete und erst durch wird die Bestie im Menschen wach; die Gerechtigkeit wird die Beschlüsse des Norddeutschen Parlaments gezwungen wer-! vom Richterstuhl gestoßen, und an ihre Stelle setzt sich die den mußte, den Juden ihre Thore zu öffnen, dann aber | blutdürstige Niedertracht." Möchten diese Zeilen dazu beitranicht allein die ihnen gehörenden Rechte gab, sondern' gen, der an bedeutsamen Gesichtspunkten reichen Schrift des auch bis zu dieser Zeit die jüdischen Einwohner vor jeder geehrten Verfassers eine hinlängliche Verbreitung zu gewinnen Beschimpfung ä la Berlin beschützte. [ Bonn, 24. Juni. Von der bereits besprochenen Bro- Ich habe für meine Glaubensgenossen in allen Ländern schüre des Reichstagsabgeordneten Dr. theol. Baumgarten: nur den innigen Wunsch, daß der Geist des früher so sehr verachteten feudalen Mecklenburg in Bezug auf die — bcri (Zivilisation in das Gesicht schlagende — Judenfrage allge-' „Wider Herrn Hosprediger Stöcker. Eine christliche Stimme über die Judcnfrage (Berlin, Stnhr, 1881)" ist bereits die dritte Auslage erschienen. Ter Verfasser weist dem Hofpremein herrschen möge und die Juden überall so friedlich leben diger nach, wie verflacht und verdreht, ja unchristlich fein können, wie wir unter den Obotriten. L'iteranscher Wochenbericht. Potsdam, im Juni. Dankbar bekennen wir, daß in der, der antisemitischen Bewegung gewidmeten Literatur auf christlicher Seite leuchtende Namen in dichten Reihen zu unseren Gunsten verzeichnet stehen. Keiner seiner Träger jedoch hat früher und liebevoller das Wort ergriffen, als der edle Ger- Christenthum sei, und führt dies noch weiter in einem Anhang zur dritten Auflage aus, der hierdurch dieser Auflage noch einen besonderen Werth giebt. — Richard Wagner hat jüngst in seinen „Bayrenther Blättern" wieder einen Artikel losgelassen, in welchem er vielen mystischen Dunst vorbringt, und aus diesem Blitze — es sind aber nur Theaterblitze — ' gegen Gottglauben, Judenthum, Christenthum und die Fleisch! verzehrenden Menschen schleudert, denn neben der Musik will ■ Richard Wagner der Zukunft auch den Vegetarianismus, eine hard von Amyntor, der sich in allen seinen Schriften als j neue Religion und eine neue Politik schaffen. Es giebt einen treuen und beredten Anwalt der Juden gezeigt hat. > Albernheiten, die sich selbst am schärfsten richten und gegen Eben wiederum begegnen wir dem hochgesinnten Verfasser in , die zu kämpfen eine überflüssige Mühewaltung ist. Dabei hat einer schön geschriebenen und nur 63 Oktav-Seiten umfassenden | Richard Wagner seinen Charakter und seine Geistesrichtung