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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-07-12 · Heft 28 (12.7.1881) · p. Seite 459

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 28 (12.7.1881)
Date
1881-07-12
Page
Seite 459 (sequence 5)
Language
German
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459 Untertanen und erkundigte sich in wohlwollender Weise nach j der jungen Gemeinde, in welcher der Angeredete wirkt.! Die conservativen Organe, die in der Residenzstadt erscheinen, referiren wohl über die traurigen Vorkommnisse in Rußland und über die tragikomischen Gastreisen des bekannten Reisepredigers, laßen auch nach dem Vorbilde ihrer würdigen Kampfgenoffen von Zeit zu Zeit ihre Unkenrufe ertönen, sind aber, da sie einen ganz unbedeutenden Leserkreis haben, vollkommen unschädlich. In beiden Mecklenburg existirt nur ein einziges, einflußreiches und sounegebendesOrgan, die Rostocker Zeitung, die in einem entschieden freisinnigen Geiste redigirt wird. — Obwohl nicht einmal einer der Zeitungsträger, geschweige j denn ein Redacteur dieses Blattes semitischen Ursprungs ist, läßt dieses wackere Journal keine Gelegenheit vorübergehen, ohne über das Gebahren der „Deutschland über Alles- Singenden" den Stab zu brechen. Das Triumphirat: Amalek - Stöcker, Haman - Henrici und — — Antiochus II. hätte schon manches ernste, vernichtende Wort in der hiesigen Zeitung lesen können. Im November v. I. erschien eine Reihe Artikel aus der Feder des Redakteurs der R. Z, Herrn l)r. Müsselmann, die in sachgemäßer und geistreicher Weise die Frage beleuchteten und am Schluffe die Bewohner Mecklenburgs in herzlichen und dringenden Worten von der Unterzeichnung der bekannten Petition abriethen; eine wohlgemeinte Mahnung, die in allen Kreisen beachtet wurde, denn z. B. haben von den :>9,OGO Einwohnern Rostocks feine 10 Unterschriften die L)r. Förster sche Petitionsmakulatur vermehrt. Aus dem ersten Artikel des Herrn Dr. Müsfelmann „Judenhaß und Juden hass er", entnehme ich als Probe, wie die Zeitung dieses Thema behandelt, einige besonders charakteristische Sätze: „Was die Menge bewegt, in das Geschrei: „Nieder mit den Juden", einzustimmen, das ist weiter nichts, als der baarste, nackteste Egoismus, nichts weiter als Neid, in den meisten Fällen Brodneid'. -- — — — - - Es ist eben bei den meisten Antisemiten nichts Anderes, als der Geldpunkt, der sie zum Judenhaß treibt. Da ist es z. B. einem Geschäftstreibenden zum Bewußtsein gekommen, daß ein in seiner Nähe wohnender Concurreut ein eben so gutes, vielleicht gar besseres Geschäft macht, als er, — der (Sonate- „infamen Wucherer". Und in vielen Fällen ist es gar nicht ein Israelit, der das Geld geborgt hat, sondern ein christlicher Halsabschneider — nun, dann wird ein solcher — „weißer Jude" genannt, und dem Judenhaß steht nichts im Wege." So der christliche Redakteur einer Zeitung, die selbst der wüthendste Judenfeind nicht als Fudenblatt bezeichnen könnte. In demselben Geiste wirken die streng orthodoxen Geistlichen auf der Kanzel und im öffentlichen Leben. Das Wort Jude im Stöckcrschen Sinne ist auch ihnen verpönt. Vor Kurzem sprach ein alter, ehrwürdiger Pastor eweritu8 in einer öffentlichen Schule über die brennende Frage in einer Weise, daß die Zuhörer bis zu Thränen gerührt wurden. Er erinnerte an das Märtyrerthum unserer Vorfahren durch die Jahrhunderte der Zerstreuung, an die Unduldsamkeit seiner Glanbensgenoffen, die den Juden jeg; lichc Möglichkeit entzogen, ans ehrlichem Wege durch Arbeit! und Handwerk ihr Brod zu erwerben, und schloß mit der > Ermahnug, die Juden zu lieben und zu achten, denn es j wären durchweg gute, besonders aber wohlthätige Bürger. An der Spitze Derjenigen, die das Gebühren ihres Bernfsgenossen verwerfen, steht der berühmte Reichstagsabgeordnete für Rostock, H err Professor vr. tlieol. Baumgarten, der schon beim Beginn der Bewegung seine schneidigen Waffen in Wort und Schrift gebrauchte und, wie bekannt, noch vor Kurzem dem heißblütigen Hofprediger ad absurdum geführt hat, wovon dieser Herr sich nicht so leicht erholen dürste. — Aber nicht allein die bewährten und bedächtigen Männer der Wissenschaft, auch die Jugend urtheilt ebenso über das Treiben. An den meisten Universitäten fand die famose Petition mehr oder weniger Unterschriften. Nicht allein, daß die Studirenden der hiesigen Alma mater auf die Unsterblichkeit verzichteten mit ihren Spanien auf dem betr. Schriftstück zu glänzen: — die in Leipzig immatrikulirten Mecklenburger haben durch einen ihrer Commilitonen in der hiesigen Zeitung (Nr. 297 — 1:580) erklären lasten, daß sie den Agitationen der antisemitischen Studentenliga gänzlich abhold sind, und mit der Ansicht der R. Z. in diesem Punkte übereinstimmen. Ein besonderes Kennzeichen für die Tenknngsweise des reut ist Jude, folglich wird man Antisemit. So könnte man unzählige Fälle anführen. Ta hat sich Jemand einmal an' einen Juden gewandt und sich von ihm Geld geborgt; — er hat womöglich den Juden tausendfach angefleht, ihm aus der Noth zu Helsen — damals war es der „liebe Jude", der ihm half, aber er soll wieder seine Schuld abtragen, am Ende gar mit hohen Zinsen, die er selber vorher aeceptirt hat, dann wird man Antisemit und schilt auf den Volkes bietet die Stadt, in der ich feit zwei Jahren lebe und wirke. Rostock hat bis zum Jahre 18(57 keinen Juden ausgenommen, ja es durfte nicht einmal ein jüdischer Handelsmann in der Stadt übernachten^). Die Bewohner der 3) Im Jahre 1279 muß hier sckon eine kleine jüdische Gemeinde bestanden haben, denn eine officiclle Urkunde aus diesem Jahre bestätigt, daß die Stadtverwaltung den in Rostock wohnenden Inden ein iHrundstück als Begräbnißplatz veriiüethete. Von 1350 bis 1868 haben keine Juden hier gewohnt.

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