Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 28 (12.7.1881)
- Date
- 1881-07-12
- Page
- Seite 458 (sequence 4)
- Language
- German
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458 Hier war cs nun Reuchlin, der ein äußerst günstiges j dem Lande seine Heimath zu nennen, so brauchte er um den Gutachten für die jüdische Literatur und besonders auch den! Spott nicht verlegen zu sein. — Es ist also ganz natürlich, Talmud dem Kaiser übersandte: neben manchen rabbulistischen daß in diesem Lande auch die Judenfrage im Geiste der Gründen brachte er auch die treffendsten und eindruckvollsten herrschenden Cultur behandelt wird. Und in der That ist vor. Er sagte geradezu, daß die sämmtlichen Gegner des es so, — wenn auch im anderen Sinne! Talmuds gar nichts von diesem wüßten und verständen. Er Wie die Prämisse falsch, so ist auch die Folgerung unbetonte, daß die Juden auch Bürger des deutschen Reiches richtig. — Woher es kommt, daß Land und Leute in Meck- und daß sie nicht als Ketzer anzusehen seien, sondern als lenburg als kulturfeindlich gelten, oder gar von der Mutter Bekenner einer eigenen Religion, die daher ein Recht auf Natur mit den Gaben des Geistes stiefmütterlich bedacht ihre theologischen Schriften und Gebetbücher hätten. Hiersein sollen, das zu untersuchen ist nicht Aufgabe dieses Artimit waren die jüdischen Bücher gerettet. Denn obschon die kels. — Ich kann als nüchterner Beobachter, der inmitten Gutachten der Facultäten und der übrigen Männer feindselig des Volkes lebt, nur konstatiren, daß ich in der untersten genug ausfielen, so sprach sich doch bei jenem die Unkenntniß, Volksklasse mehr Bildung gefunden habe, als in Süddeutschbei diesem der Zelotismus zu deutlich aus, als daß darauf land unter dem besseren Bürgerstand'). Ein gewöhnliches ein Verfahren juridisch und legal gegründet werden konnte. Fischerweib aus dem Markte besitzt mehr natürlichen Judiz, Von hier ab entspann sich nun eine große Polemik, die zuwie der witzreiche Berliner, der mit der Zunge seines Spottes erst zwischen den Dunkelmännern und den Humanisten ausselbst das Heiligste nicht verschont. gefachten wurde und erst dicht vor der Reformation zum Still- Um es mit kurzen Worten zu sagen: Eine Judenstand kam. Tie hervorragendsten Männer der Zeit waren frage im Sinn der mittelalterlich gefärbten Gegendarin verwickelt, und es bildete sich eine öffentliche Meinung,! wart giebt es in Mecklenburg nicht! Damit könnte ich welche durch die Reformationsbestrebungen eine unwidersteh-! füglich meinen Aufsatz schließen; es genügt schon, einen weiliche Macht gewann.! ßen Raben entdeckt zu haben, — ich möchte aber die Ver- Obschon Reuchlin und der Talmud noch zwei Ketzerge-! hältniffe etwas näher illustriren. richte zu bestehen hatten, zu Worms und zu Speier, so gingen! Während im Nord und Süd die Leidenschaften der sie doch siegreich hervor, der Ketzerrichter Hochstraten wurde großen Menge von Männern wachgerufen und entflammt seines Amtes entsetzt, und der Papst Leo wünschte und be-j werden, deren Ausgabe es ist, Liebe und Frieden zu predigen; schützte durch Privilegien die erste vollständige Ausgabe des! während die Großen und Kleinen mit einander wetteifern, Talmuds im Truck. (Brombcrg, der babylonische 1520, der I um uns etwas am Zeuge zu flicken und Blätter und Blättjerusalemische 1523.) (Fortsetzung folgt) z chen über uns mit Druckerschwärze zu beschmutzen suchen — leben j wir hier, G. s. D. im tiefsten Frieden, hören und sehen nur I das, was uns die Tagesblätter aus ihrer Metropole der Intelligenz und — aus Südrußland erzählen. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich behaupte: der größte Theil des Volkes hat keine Ahnung, daß eine Judenfrage existirt und wo in gebildeteren Kreisen diese Frage debattict wird, ist die Entrüstung über die Verdächtigungen und Ausschreitungen allgemein. Dieser Zug geht durch das ganze Land von oben bis nach unten. Der gerechte und wohlwollende Fürst des Landes hat wiederholt Veranlassung genommen, dem Landesrabbiner Herrn Dr. Feilchenfeld bei Gelegenheit des Neujahrsempfanges zu versichern: daß er in seinem Lande keine Hetzereien gegen, und Beschimpfungen der jüdischen Einwohner dulde. In einer längeren Audienz, die dem Schreiber Dieses im vorigen Sommer im Seebade Heiligendamm gewährt wurde, sprach der hohe Herr eingehend über die Verhältniffe seiner jüdischen Die Ludenfrage im Lande der Obotrilen. j£ott Prediger Wokff in ZtostoL i. W. j Wer heute das Thema der „ Judenfrage" unter irgend! einem Titel erwähnt findet, bekommt gewiß einen gelinden Schrecken, weil er nicht mit Unrecht befürchtet, wieder eine neue Hetze oder doch Beschimpfung registrirt zu finden. Und nun gar aus dem Lande, das als „Feudalstaat" in alle Welt bekannt ist, in welchem zwei der größten Städte bis vor 14 Jahren den Juden die Thore verschlosien hatten^), und kein Jude im ganzen Lande Haus- und Grundbesitzer werden konnte! Wo immer in Deutschland, namentlich im Nachbarstaate Preußen, das Ländchen Mecklenburg erwähnt wurde, da war Mitleid oder Hohn ob der Culturfeindlichkeit und geistiger Beschränktheit seiner Bewohner ein selbstverständlicher Nebenbegriff. — War ein Mecklenburger so ehrlich, in frem- 1) Rostock und Wismar. 2) Kein Wunder: die Schulen Mecklenburgs sind thatsächlich mnstergülrig. Kleine, unbedeutende Städtchen, von 4- 5000 Einwohnern, besitzen Realschulen l. £)., viele sogar Gymnasium.