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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-07-12 · Heft 28 (12.7.1881) · p. Seite 457

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 28 (12.7.1881)
Date
1881-07-12
Page
Seite 457 (sequence 3)
Language
German
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457 Religion der Mehrheit im Abendlande, wie AehnlicheS im, nichtung des Talmuds gewönne», dem Pfefferkorn die drin. Morgenlande vor sich ging, anschlöffen. Die christlichen Lehrer gcndsten Empfehlungen an den Kaiser gegeben. Maximilian mochten immerhin bis auf die neueste Zeit, wie z. B. nach ließ sich bethören und gab am li>. August 150U dem bös- Renan, die Existenz des Judenthums nach dem Erstehen! des Christenthums unbegreiflich finden, es für „todt" und eine „Mumie", die Juden für „Skelette und Gespenster" erklären: das konnte die Letzteren wenig rühren, da sie da» voll pulsirende Leben in sich verspürten und nie aufhörten, geistig zu schaffen und thätig zu sein, und sich in ihrer religiösen Ueberzeugung und der Erfüllung des Gesetzes befriedigt zu fühlen. Um so mehr sah man sich christlicherseits aufgefordert, das Judenthum zu bekämpfen, und es fehlte auch nicht an der Einsicht, daß die Juden ihre besondere Kräftigung aus dem Leben in der traditionellen Entwickelung, in der Phase, in welche diese sie versetzt hatte, zogen. Man kann es daher nicht auffällig finden, daß sich die Angriffe christlicherseits immer wiederholt bis zur jüngsten Zeit gegen den Talmud richteten, und wenn wir im vor. Art. versprachen, einige Situationen aus den Prozeftacten als Beispiele herauszuziehen, so soll uns dies augenblicklich beschäftigen. Bon weittragender Bedeutung und Wirkung war der Kampf gegen und für den Talmud, der im Jahre 150f> und den folgenden geführt wurde. Es ist bezeichnend, daß alle Streitigkeiten um den Talmud bisjetzt niemals auf wissenschaftlichem Boden, in wiffenschastlicher Methode und zu wiffenschaftlichen Zwecken vor sich gingen, sondern immer nur aus Parteihaß, daher nur selten mit einer, auch nur mäßigen Kenntniß des Talmuds. So auch die heftige Fehde, von der wir hier sprechen. Ein Schächter aus Mähren, unwissend und heimtückisch, höchstens mit der hebräischen Bibel vertraut, der einen Diebstahl begangen hatte, rettete sich in die Kirche vor der Strafe und ließ sich mit Weib und Kindern taufen. Sein Name war Johannes Pfefferkorn. Er erhielt in Köln den Posten eines Hospitalaufsehers und Salzmeffers, und genoß vor Allem die Gunst der dortigen Dominikaner?) Das ganze Trachten dieses Menschen in Verbindung mit den Dominikanern ging nun daraus hinaus, seinen früheren Glaubensgenoffen so vielen Schaden zuzufügen wie möglich, wobei er besonders einen anderen getauften Juden, der sich Victor von Karben nannte, zum Bundesgenoffen hatte. Nachdem jener mehrere Braudschristen gegen die Juden herausgegeben, trat er mit dem Plane der Dominikaner auf, alle talmudischen Schriften zu eonfisciren und zu vertilgen, wobei sie auch ein gutes Geschäft zu machen gedachten. Jndeß würden die desfallsigcn Flugschriften ohne Folge geblieben sein, wenn nicht die Schwester des Kaisers Maximilian, Kunigunde, welche nach dem Tode ihres Mannes Aebtissin der Klarissinnen zu München geworden, für die Verl) Ausführliches iu Gräy' Geschichte der Jude». B. 9. 2. 75 ff. willigen Verleumder ein Mandat, worin er diesen das Recht ertheilte, die jüdischen Schriften überall im deutschen Reiche zu eonfisciren und zu vernichten. Sofort eilte Pfefferkorn nach Frankfurt, und nahm dort den Juden nicht blos den Talmud, sondern sämmtliche Schriften weg. Diesem Verfahren setzte sich aber der Mainzer Churfürst und Erzbischof Uriel von Gemmingen entgegen, der das kaiserliche Mandat wegen Formfehler für ungültig erklärte. Die Dominikaner kamen nun auf den schlauen Gedanken, den besten Kenner des Hebräischen unter den damaligen Christen, Johannes Reuchlin, als Mitrichter vorznschlagen und in ihr Interesse zu ziehen. Mit diesem Vorschläge wandte sich Pfefferkorn zum zweiten Male an den Kaiser. Aber hierin gerade hatten sie einen Mißgriff begangen. Renchlin, als Rechtsconsulent, wie als Kenner der hebräischen Sprache und Literatur vom höchsten Ansehen, war zugleich von festen und gerechten Charakter und weiten Gesichtspunkten. Wirklich verlangte Pfefferkorn ein neues Mandat vom Kaiser (10 Nov. 1500), worin er den Juden ihren Widerstand zum Borwurf machte, jedoch den Mainzer Erzbischof zum Commiffarius ernannte, der sich ^Gutachten von den Hochschulen fordern und Gelehrte wie ' Renchlin, Victor von Karben, den sim Hebräischen völlig unwissenden) Ketzerrichter Hochstraten heranziehen sollte; im klebrigen sollte die Consiscation weiter vor sich gehen. Mit diesem Mandate zog Pfefferkorn nach Frankfurt, wo er den Juden über l500 handschriftliche Werke abnahm, sowie nach Worms, Mainz und a. 2. Jetzt aber wandten sich die Juden ebenfalls an den Kaiser, gewannen einige einflußreiche Bertheidiger und machten durch ihre Vorstellungen einen solchen Eindruck auf den Kaiser, daß er im Frühjahr 1510 durch ein drittes Mandat den Juden die consiscirten Schriften wieder einzuhändigen befahl. Indessen gaben sich die Dominikaner und ihr Pfefferkorn noch nicht besiegt. Sie schoben die Herzogin Kunigunde noch einmal vor, indem sie dem Kaiser den Talmud und die jüdischen Schriften als höchst feindlich und schädlich gegen das Christenthum schilderten und zugleich neue Schmähschriften veröffentlichten. Sie schlugen sogar vor, den Juden einen feierlichen Eid aufzuerlegen, daß sie keine Bücher mehr besäßen, und sie des Meineides anzuklagen, falls eines bei ihnen gefunden würde. Tie Aebtissin that einen Fußfall bei ihrem Bruder und schob ihm die Angelegenheit in's Gewissen. Darauf erließ der Kaiser ein viertes Mandat (6. Juli 1510), in welchem er die Sache zu untersuchen und ein gehöriges Urtheil zu Stande zu bringen befahl. Die Ilnivcrsitäten und die schon genann-! teu Männer sollten Gutachten abgeben, wozu der Kaiser Aufforderungen an sie erließ. •2.S*

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