Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-07-12 · Heft 28 (12.7.1881) · p. Seite 456

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 28 (12.7.1881)
Date
1881-07-12
Page
Seite 456 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227339-3227368--39096-3308381
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

456 Pheten und heiligen Sänger vorausverkündigt, angedeutet und symbolisch vorgebildet hätten. Diese Behauptung, dem Judenthume gegenüber wurde alle Jahrhunderte hindurch wiederholt und bildet so den eigentlichen Kern der ganzen Streitfrage.- Das Judenthum und seineBekenner verneinten aber diese Lehre entschieden. Die erste Frage war für sie: enthalten wirklich die von ihren Gegnern angeführten Stellen der h. Schriften das, was jene darin zu finden meinten? Die jüdischen Lehrer waren zu sehr an derartige Auslegungen in hagadischer Weise gewöhnt, sowie daran, einer solchen Interpretation keinen objektiven Werth beizulegcn, weil neben der einen andere hagadische Auslegungen derselben Stellen ungezählt bestanden und immer neue vorgetragen werden konnten, so daß sie schließlich doch nur an den wirklichen Wort' sinn (ns) sich halten mußten; sie waren zu sehr an dieses Verfahren gewöhnt, um einen Augenblick davon beirrt zu werden. Wir können uns hierbei auf die moderne Exegctik, wie sie von christlichen Gelehrten geübt wird, berufen, und welche jene christologische Interpretation als durchaus nicht mit dem Wortsinn vereinbar, ablehnen. Es mußte also eine Prüfung der christlichen Lehren selbst stattfinden, und diese erwies den Juden so viele Widersprüche gegen den ganzen Lehrinhalt des Judenthums, daß sie jene verwerfen und bestreiten mußten. Dies trat vor Allem auf dem dogmatischen Gebiete hervor. Der strikte mosaische und prophetische Monotheismus, die Lehre vom einzigen und einigen, unendlichen, unkörperlichen, allgütigen, allgerechten und barmherzigen Gotte, sowie die Lehre von der Gottebenbildlichkeit der Menschenseele und der damit gegebenen Willensfreiheit und Verantwortlichkeit jeder Menschenseele für sich, konnte sich mit der Dreieinigkeit, der Menschwerdung Gottes, der Erbsünde, der Erlösung durch die Leiden eines Dritten und das alleinige Heil durch den Glauben nur im Gegensätze fühlen und denken, und jener Monotheismus war den Juden so sehr mit ihrer ganzen Anschauung und Ueberzeugung verwachsen, daß sie sich niemals von ihm trennen und das christliche Dogma bekennen konnten. Nicht eine Erfüllung fanden sie in diesem, sondern eine völlige Abweichung, eine Rückkehr zu Vorstellungen, welchen der Mosaismus entgegengetreten war. Aber auch auf ethischem Gebiete vermochten und des bürgerlichen Lebens und der Verwerflichkeit der natürlichen Triebe in Uebereinstimmung fühlen. Aber einen ganz besonderen Gegensatz mußten sie darin finden, daß das Christenthum das ganze mosaische Gesetz, nicht also etwa wie die Sadducäer, die traditionelle Entwickelung desselben aufhob und für unverbindlich erklärte. Sie konnten wahrlich darin keine „Erfüllung", sondern nur einen völligen Gegensatz finden. Zunächst das Gesetz, welches die gesellschaftlichen Beziehungen, die sozialen Verhältnisie betraf. Hätte das Christenthum wenigstens die Grundsätze, die in dem Spezialgesetze für Staat und Gesellschaft ausgeprägt lagen, herausgezogen, und als religiös-sittliche Bedingungen proklamirt, so das Nationale, Zeitliche und Oertliche abstreifend und das allgemein Humane als Forderungen der Religion und Sittlichkeit verkündend: so würden sich die Lehrer des Judenthums auf einem gemeinsamen Boden mit ihm haben treffen können. Dies geschah aber nicht, das Gesetz wurde in diesem Theile, wie in allen übrigen, die auf Reinlichkeit und Hygieine zielten, einfach abgcschafft, Staat und Gesellschaft, Leiblichkeit und Heiligung innerhalb dieser Sphären außer Betracht der Religion und Sittlichkeit gestellt. Gerade das Gesetz aber war seit Jahrhunderten dem jüdischen Volke als göttlich und unverletzlich gelehrt worden, Erziehung und Leben hatten sich dariy ausgestaltet, die ganze geistige Thätigkeit und die Befriedigung des religiösen Bedürfnisses hatten sich darin concentrirt, und so mußten die Juden in der ausgesprochenen Tendenz des Christenthums nach dieser Richtung hin, einen vollen und unüberwindlichen Gegensatz erkennen. Hierzu kam, daß innerhalb des Judenthums schon lange vor dem Ursprünge des Christenthums sich die Richtung entfaltet hatte, das Gesetz nach allen seinen Verästelungen hin durch- und weiter zu arbeiten, es mit neuen Lebensverhältniffen zu combiniren, und überallhin Normen aufzustellen, besonders auch da der Gebetcultus als ein neues Gebiet der Gesetzgebung sich aufgethan. Während das Christenthum sich ausbildete und verbreitete, ging bei den Juden diese traditionelle Entwickelung vorwärts und lebte sich als eine neue Geistesschöpfung, die jedoch in allen Punkten an die heilige Schrift sich anlehnte, in den Geist und das Herz des Volkes vollständig ein. Auf diesem Boden stand cs unveränderlich fest sie eine höhere Stufe, ja nur eine wirkliche Weiterbildung z bis zur neuesten Zeit, fand hier die kräftigsten Stützen für nicht zu erkennen. Die eigentlichen Grundlehren waren ja z seine Treue an den großen Lehren des Mosaismus und der dieselben; die allgemeine Nächstenliebe als das Hauptmoment! Prophetie und unterwarf sich unentwegt allen den Beschränder Heiligung hatte nicht blvs der Mosaismus verkündet,! kungen und Bersolgungen, die wegen seiner Ueberzeugungssondern war als solches aucki schon von den vorchristlichen! treue über es hereinbrachen. Lehrern des Judeuthums betont — auch im Verhalten gegen' Man wird aus dieser kurzen Skizze erkennen, daß in Feinde. Dagegen konnte ihnen das Zurückdrängen des Rechts; bcr That diese Behauptung der „Erfüllung" und der Widerhinter eine sentimentale Liebe nur als eine Uebertreibung er- : spruch dagegen den Kernpunkt des ganzen Prozesses ausmachscheinen. Ebensowenig konnten sie sich mit jener, in der 'ten, weil eben hierin die Unmöglichkeit lag,^ daß das Christenchristlichen Lehre sich ausbildenden Verachtung des irdischen! thum das Judenthum überwinde, daß die Juden sich der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.