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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-07-05 · Heft 27 (5.7.1881) · p. Seite 449

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 27 (5.7.1881)
Date
1881-07-05
Page
Seite 449 (sequence 15)
Language
German
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449 Handschrift standen: Ihre tugendhafte Jüdin ist bei mir im Sommerpalais? — Dina lehnte den Lockenkopf an ihres Vaters Brust: „Ja Vater, und da habt Ihr mir gestern Abend alle drei Eure liebsten Wünsche verrathen, und ich wußte, was ich zu erbitten hatte. Ich geh' also heut Abend nach dem Gartenschlößchen. Da brennen die drei Laternen wohl, aber keine Menschenseele, nicht einmal ein Diener, ist zu sehen. Als ich nun zögernd stehe und mich umsehe, öffnet sich mit dem Glockenschlag, die Domuhr schlug acht, eine kleine Seitenthür, die ich ganz übersehen, Hoheit selbst steht auf der Schwelle und winkt mir, näher zu kommen. Er führt mich durch einige Zimmer und endlich in ein kleines rundes Gemach, ganz sonderbar eingerichtet, kein Fenster ringsum, aber die Zimmerdecke aus buntem Glas, und an den Wänden lauter rothsammetne Divans. In der Mitte stand ein Tischchen mit Leckereien und Wein, der für zwei Personen gedeckt war. Hoheit bat mich, Platz zu nehmen; doch ich erwiderte, ich wiffe wohl, daß das sich nicht schicke. Ich blieb also stehen und fragte, ob ich meine drei Wünsche sagen dürfe. Als ich dazu Erlaubniß erhielt, bat ich, wie ich schon sagte, und Hoheit gewährte Alles huldreichfi. Darauf dankte ich und wollte gehen, aber Hoheit wollte nicht, daß ich in die strömende Nacht hinausgehe und hieß mich den Regen abwarten, der lustig auf die bunte Glasdecke niederrieselte. Zu gleicher Zeit befahl er mir, ihm etwas von meinen Angelegenheiten zu erzählen. Ich erzählte denn auch, daß ich meine gute Mutter so früh verloren und nicht verschmerzen kann, daß ich bei Lnkel und Tante Beitel in Goldberg erzogen bin, weil Bater so oft verreisen und mich doch in guten Händen lassen mußte, und daß es ihr Sohn Abraham, der Doktor Beitel ist, dem er gnädigst die Operation gestattet und daß ich mit dem Doktor Abi verlobt bin." Graf Bülow's Gesicht hatte sich längst aufgeklärt. Er trat einen Schritt näher und sah mit freundlichem Lächeln — in das freie, ossene vergnügte Gesicht der schönen Tina. So sieht das Schuldbewußtsein nicht aus, sagte ihm sein Herz. „Weßhalb der Großherzog nicht mehr so freundlich war, weiß ich nicht", fuhr sie etwas schüchterner fort, „vielleichr weil Abi ein Jude ist — oder es that ihm leid, daß er mich zum Bleiben genöthigt, denn er blickte mehrcremale ungeduldig nach dem gedeckten Tischchen. Ich errieth feine Gedanken und sagte entschuldigend; „Ich will Hoheit nicht länger stören und jetzt gehen. Hoheit erwartete gewiß zum Abendbrod die Frau Großherzogin. Ach, wie reizend muß es sein, wenn man so ganz vertraulich sich von all dem lästigen Zwang und Hofceremoniel zurückziehen kann, und in dieser herrlichen Wohnung die holde Frau Gemahlin bewirthen darf! Hoheit nickte dazu, sah aber ganz verdrießlich aus, so daß ich nochmals bat, er möge mir die unangenehme Störung, die ich ihm verursache, entschuldigen. Er fragte dann, so herzlich gut wie er ist, ob ich nicht ein Gläschen Wein trinken wolle und etwas Confcct nehmen. — Nun wollte ich nicht durch eine Weigerung beleidigen, mußte aber den Wein ablehnen, weil Hoheit nicht wußte, ob er gekoschert war, und ebenso das Confect. Ich steckte es aber in meine Tasche und fragte, ob ich es meinem Vater und Bräutigam zeigen dürfe." Dina griff in das Perlentäschchen und zog das feine Marzipan hervor, welches Abi lächelnd aus ihren Händen nahm. Sie erzählte weiter: „Ta sah er mich ganz merkwürdig an und meinte, ob ich es denn erzählen wollte, daß ich bei ihm gewesen." — „Weßhalb nicht, Hoheit?" rief ich erstaunt, „wenn ich bei meinem Fürsten, dem Bater des Volkes bin, so bin ich so sicher wie in Gottes Haus, die Fürsten find ja an Gottes Stelle auf Erden. .Tie ganze Welt soll es wissen, daß die Gnade meines hohen Herrn ebensogut auf meine armen Glaubensgenossen fällt, wenn sie es verdienen, als auf feine christlichen Brüder, und daß Löb Bär ebensogut Commifsionsrath wird wie Christian Schul;. O, Hoheit", sagte ich und Thränen traten in meine Augen, „keinen Abend will ich vergessen für meines edlen Fürsten Wohlergehen zu beten, daß der liebe Gott ihn noch lange feinem dankbaren Volk, seiner hohen Gemahlin und seinen gesegneten Kindern erhalte!" Damit kniete ich vor ihm nieder und küßte dankbar seine Hand. — Er hob mich auf, streichelte meine Wange und nannte mich ein braves Kind, dann führte er mich ohne weitere Worte wieder dem Ausgang zu. Ta band ich mein Tuch um, und lief, ohne auf den Regen zu achten, ganz glückselig nach Hause. —-— — —-- — — — „Aber was bedeutet denn dies Alles, Bater?" frug Dina und zeigte auf die ossene Schrift und die brennenden Sabbathlichter, „da -ist ja auch der gesegneten Mutter liebes Bild, und Du Haft den Talles umgethanl?" — Ter alte Bär lag in den Armen Abi's und weinte wie ein Kind, auch der hochherzige Graf trocknete seine nassen Augen. Beitel aber blies die Lichter aus, hing das Bild feiner verstorbenen Schwester wieder an die Wand und schloß den Folianten. Tann hob er das Käppchen vom Haupte feines Schwagers, zog langsam den Talles von feiner Schulter und legte beide Gegenstände ins Pult, worauf er feine zukünftige Schwiegertochter bei Seite führte. „Tina, meine Tochter", sprach er bewegt, „Tu hast heute einen Schritt gethan, der manch' anderem Mädchen Ehre und Leben kosten würde. Schon die bloße Mittheilung Deiner Anwesenheit in des Fürsten Schloß hat uns alle glauben machen, daß Tu uns verloren bist. Tein guter Engel hat Dich gnädig beschützt!"

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