Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1881)
- Date
- 1881-07-05
- Page
- Seite 446 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Abessinien. | London, im Juni. Gerhard Rohlfs hat aus Weimar 1 folgendes vom 3. d. datirtes Schreiben an den Herausgeber der „Times" gerichtet: „Mein Herr! In einem Bericht der „Anglo-Jewish Association“ lese ich: „Der Rath wurde gegen Ende des letzten Winters benachrichtigt, daß König Johann von Abessinien für die Zwecke der Consolidirung seines Reiches eine Heirath zwischen seinent Sohn und der Tochter seines weniger mächtigen Rivalen Menelek arrangirt habe. Zu gleicher Zeit habe er seinen Entschluß angekündigt, daß alle Schichten seiner Unterthanen zur herrschenden abessinischen Kirche bekehrt werden sollen," u. s. w. Und ein wenig weiter unten am Schlüsse der Roti; heißt eS: „Die Tazwischenkunft des französischen 'Agenten dürste von Vortheil für die abessinischen Juden sein." Gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß ich vor drei Monaten die Ehre hatte, von dem König Johann in Tebra Tabor empfangen zu werden. Ich kann Ihnen in der bestimmtesten Weise versichern, daß König Johann nicht daran denkt, die Israeliten Abessiniens zu bekehren. Ich selber habe ein Dorf der Falaschas unweit Gondar besucht und gefunden, daß sie nicht allein vollkommene Freiheit der Gottesverehrung, sondern auch die gleichen Rechte wie die abessinischen Christen genießen. Wenn das Gegentheil gesagt wiro, so können Sie überzeugt sein, daß es nicht mit der Wahrheit übercinstimmt. Es ist wahr, das der Kaiser von Abessinien die Muselmanen gezwungen hat, sich zu bekehren oder auszuwandern; aber sie conspirirten beständig mit den Aegvptern und den anderen mohammedanischen Stämmen, welche Abessinien umgeben. Jetzt ist ganz Abessinien vereinigt, und cs darf daher nicht mehr gesagt werden, daß Menelek „sein weniger mächtiger Rival" ist. Menelek ist einfach ein Vasall des Königs Johann." (Dasselbe versicherte Rohlfs in einem Vortrage in der Geogr. Gesellsch. zu Berlin, wo er die Glaubenstreue und Friedfertigkeit der Falascha's hervorhob. Redakt. d. A. Z. d. Jud.i Bonn, 26. Juni. (Notizen.) Am 15. d. feierte allhier das Salamon Herschel'sche Ehepaar ihre goldene Hochzeit. Die Bezeugung der herzlichsten Theilnahme, /bie dem höchst achtungswerthen Ehepaare von vielen Seiten ward, namentlich auch von Seiten ihrer christlichen Mitbürger, gab abermals den Beweis, daß ein redliches Streben und Wirken, wie es der Jubilar als Buchbindermeister und Bürger stets bethätigte, Anerkennung und Liebe sindet. — Man theilt uns aus Wiesbaden mit: Ter Gemeinderath erhielt in der vorgestrigen geheimen Sitzung noch Kenntniß von einer Zuschrift der hinterlassenen Wittwe des jüngst verstorbenen Herrn Geh. Commerzienrathes MareuS Berlo hier, nach welchem Frau Commerzienrath Berlö den bei Lebzeiten geäußerten Wünschen ihres Ehegatten zufolge der hiesigen Stadtgemeinde die Summe von 5001) Mk. zur Verfügung stellt, um diesen Betrag als „Geh. Commerzienrath Marcus Eerlo-Stiftung" in Besitz und Verwaltung zu nehmen. Die Zinsen dieses Capitals sollen verwandt werden zur Unterstützung von in Wiesbaden geborenen und erzogenen bedürftigen jungen Leuten, nicht unter 14 Jahren, behufs Erlernung eines Handwerks. Junge Leute israelitischer Religion erhalten den Vorzug; sie müssen gute Schulzeugnisse besitzen und sich tadellos geführt haben. Eine Commission, bestehend aus dem jeweiligen ersten Bürgermeister als Vorsitzender, dem Dirigenten der städtischen Realschule zweiter Ordnung und dem Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde, hat über die Zutheilung zu beschließen. Jeder Stipendiat soll die vollen Zinsen auf die Tauer von 3 Jahren, in denen er Handwerkslchrling ist, derart erhalten, daß zunächst das Lehrgeld und die anderen nöthigen Ausgaben daraus bestritten werden; der dann noch verbleibende Rest soll bei der Nassauischen Sparkasse angelegt und dem jungen Manne beim Eintritte seiner Mündigkeit ausgehändigt werden, um als Capitalbcitrag zur Selbstständigmachung zu dienen. Die Verwaltung der Stiftung ist dankbar angenommen worden, — Ferner aus derselben Stadt: Strafkammer des Königl.; £016)96^1». Sitzung vom 21. Juni. Zwei böse Buben von hier haben sich vermittelst Einsteigens in ein umfriedetes Terrain einen Vogelbauer angeeignet. Das Behältniß wurde ihnen wieder abgenommen und nimmt die Königl. Staatsanwaltschaft die beiden Bögelchen auf 1 Woche in Verwahrung. — In eine Wirtschaft zu Weilbach gerieth am 1. November v. I. ein israelitischer Vorbeter und bot, ohne jeden vernünftigen Anlaß, dem Wirth und einigen unbekannt gebliebenen Gästen willkommenen Anlaß, ihren antisemitischen Gefühlen Luft zu machen. Unter Einbuße eines Zahnes und stark am Kopfe blutend entkam der Arme und machte beim Bürgermeister Anzeige. Dieser schickte ihn mit dem Ortspolizeidiener zurück, um seine Sachen zu holen, und trotz der 'Anwesenheit des Polizisten machte nicht nur der | Wirth noch mehrere Angriffe auf den Geängstigten, sondern ein Knecht warf ihm ttoch obendrein auf der Straße einen Ziegelstein an den Kopf. Ter Wirth wird heute zu drei, der Knecht zu zwei Monaten Gefängniß verurtheilt. — Man schreibt uns aus Meiningen: Wie wir erfahren, ist Herr Dr. Tesiauer in Cöthen zum Rabbiner der Schochar«'- Hat-; tob-Gemcinde in Berlin gewählt worden, da er aber inzwischen auch zum Landrabbiner für das Herzogthum Meiningen ernannt wurde, so hat er sich entschlossen, dem ehri vollen Anträge seitens des h. Staatsministeriums zu M. Folge zu geben und in Berlin dankend abzulehnen. —