Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 45 (1881)
- Issue
- Heft 27 (5.7.1881)
- Date
- 1881-07-05
- Page
- Seite 438 (sequence 4)
- Language
- German
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438 Die Einwanderung in die pyrenäische Halbinsel. Die überraschende und hocherfreuliche Nachricht des Pariser „Temps“, daß die spanische Regierung 60,000 russischen Juden die Niederlassung in Spanien zugestanden habe, findet jetzt ihre Bestätigung in den Correspondenzen anderer öffentlicher Blätter. So bringt die „Voss. Z." aus Madrid vom 17. Juni folgenden Bericht. „Wie Ihnen bereits bekannt sein dürfte, hat eine Kommission der aus Südrußland vertriebenen Israeliten sich in Konstantinopel an die dortigen Vertreter der fremden Mächte mit der Bitte um Schutz und Aufnahme in deren respektiven Ländern gewandt. Gleich-! Spanien auf dem Grundsätze der Gleichberechtigung petitionirten zeitig stellte sich aber auch ein einzelner Agent jener Unglück-! — die Erfüllung dieses Gesuches wurde durch die bald darauf lichen beim spanischen Gesandten am türkischen Hofe, Grafen! eingetretene Rückkehr der reaktionären Gewalt verhindert, — Rascon, mit einem ähnlichen Gesuche ein, welches angeblich! sprachen sich viele spanische Publicisten und Schriftsteller davon 60,000 Juden ausgeht, deren Vorfahren, wie wohl nur! hin aus, daß die Verbannung der Juden nicht blos ein gromit geringer Berechtigung behauptet wird, feiner Zeit von ßes Unrecht, sondern ein folgenreicher politischer Fehler gerufen". Wenn die Bewerbung um das Niederlassungsrecht in Spanien von den dazu bereiten Juden selbst ausging, so müssen diese denn auch schon über die Mittel und Wege sich klar geworden sein, auf welchen die Uebersiedelung von der russisch-türkischen Grenze nach Spanien praktisch ausführbar sei, und es steht uns nicht an, Zweifel darüber zu erheben, sondern die Weiterentwickelung wäre abzuwarten. Von der theoretischen Seite ist das Ereigniß aber jetzt schon von hohem Jntereffe. Als wir im Jahre 1856 bei den damaligen Cortes um die Zurücknahme des Berbannungsdekrets vom 11. März 1492 und die Aufnahme von Juden in der spanischen Inquisition vertrieben, nach Rußland geflüchtet seien, gegenwärtig aber an der russisch-türkischen Grenze einen provisorischen Aufenthalt genommen haben. Graf Rascon beeilte sich, eine bezügliche Note an die hiesige Regierung zu richten und fand in Folge besten vorgestern ein Ministerrath hier statt, in welchem einstimmig die Wiederaufnahme dieser Israeliten beschlossen wurde. Das Telegramm, welches der spanische Ministerpräsident Sagasta gestern an den Grafen Rascon abließ, lautet, wie hiesige Blätter melden: „S. M. dem König von Spanien und Höchstdesten Regierung würde es zu besonderer Genugthuung gereichen, wenn die aus Ruß land auswandernden Juden in ihr altes Vaterland zurückkehrren." Desgleichen wird versichert, daß König Alfonso im Verlaufe des vorgestrigen Ministerconseils die bezeichnenden Worte habe fallen lassen: „Es ist Unsere Pflicht, wenn auch theilweise die Mißgriffe (des aciertos) Unserer Vorfahren wieder gut zu machen: die Vertreibung der Israeliten war eines der größten Versehen, die je in Spanien begangen wurden." Es ist in der That ein gar merkwürdiger Zug der Geschichte, der sich in diesen Vorgängen verräth. Tie hiesige liberale Presse begrüßt den Beschluß des Miwesen und daß es Zeit sei, beide wieder gut zu machen. In der obgedachten Bewilligung der spanischen Regierung ist daher eine Berurtheilung des Spaniens des 15. und 16. Jahrhunderts enthalten, aber auch eine Rechtfertigung der Juden und eil.e Widerlegung jener, jetzt so häufig wieder colportirten Anschuldigung, daß die Juden einem Lande nicht nützlich, sondern schädlich seien. Nach dieser Richtung hin äußerten sich denn auch viele Zeitungen. Die „Wiener Allg. Zeitg." sagte: „Das liberale Vorgehen der spanischen Regierung scheint in Madrid Beifall gefunden zu haben; für gewisse Leute im Centrum des Welttheils, die gern auf deutschem Boden im neunzehnten Jahrhundert spanische Politik aus dem fünfzehnten Jahrhundert wiederholt hätten, liegt in der Haltung der Regierung des Königs Alfonso eine wohlverdiente Demüthigung. Freilich wird sie bei den Gesellen, welche die publizistischen Judenhetzen in Deutschland organisiren, wirkungslos bleiben, der Appell an ihre Scham ist so wirkungslos wie der an ihre Vernunft." Die „Boss. Zeitg." bemerkte: „In einer Zeit, wo im sogenannten Centrum der Civilifation wieder die spanische nisterraths mit lautem Jubel; nur die conservativen und ultra- Bersolgungssucht vergangener Jahrhunderte erwacht ist und montanen Blätter hegen Bedenken und Befürchtungen gegen j die Fanatiker kirchlicher und nationaler Einheit von Neuem diesen Beweis einer Liberalität, die allerdings für das bevöl-! das Banner des Lbscurantismus und der Intoleranz entrollt kerungsarme Spanien unter Umständen von ganz besonderer haben, müßte man es mit doppelter Freude begrüßen, wenn Wichtigkeit sein kann." z die Prinzipien wahrster Humanität in einem Lande zum Aus- Merkwürdiger Weise wird aber auch zugleich in Portu-! druck kämen, das nach der entgegengesetzten Richtung unendgal, und zwar von portugiesischer Seite, die Aufnahme von lich viel zu sühnen hat." Juden gefordert. Die Fassung, welche das angeführte portugiesische Blatt Ein Telegramm aus Lissabon meldet, daß das Blatt seiner Aufforderung an die Regierung giebt, ist wenig prak- Commercio „sich der Sache der Juden annimmt und den! tisch. Nachkommen der portugiesisch-spanischen Juden wohnen König und die Minister aufsordert, die aus Portugal stam wenden Juden, welche jetzt in Deutschland wohnen, zurückzuin Deutschland nur in Hamburg und Altona, und diese werden sich durch die geforderte „Zurückberufung" nicht be"