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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1881-07-05 · Heft 27 (5.7.1881) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
45 (1881)
Issue
Heft 27 (5.7.1881)
Date
1881-07-05
Page
Seite 437 (sequence 3)
Language
German
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437 gezogen wurden. Durch beide Momente wurden die Juden; Sieg die bittersten Verfolgungen nach sich zogen. Sie gaben auf's Schärfste angegriffen. Durch das erstere wurden sie einer | sich deshalb nur gezwungen dazu her. Auch die literarische That des höchsten Fanatismus geziehen, welche in Wirklichj feit sie bis auf den heutigen Tag wie ein rothes Gespenst! verfolgte. Dazu kam, daß ihnen diese Beschuldigung zu der Zeit, wo sie erhoben ward, ganz unbekannt blieb, und sie! deshalb von vornherein keinen Widerspruch und Protest er-! heben konnten, unbekannt, weil die Aufmerksamkeit der Juden damals von so unmittelbaren und harten Bedrängnissen in Anspruch genommen war, daß sie von der inneren Ausgestaltung der umfänglich noch unbedeutenden Sekte keine Notiz erhielten und nahmen. Nach einigen Jahrhunderten, wo die betreffenden Berichte in deren schriftlichen Abfassung ihnen entgegentrat, waren ihnen die geschichtlichen Thatfachen so unbekannt, daß sie kein Material hatten, sie zu widerlegen, und schließlich der Wucht der Gegner gegenüber die Sache so annahmen, wie sie von diesen berichtet worden. Anders verhielt es sich mit dem zweiten Momente. Allerdings war die christologische Auslegung der Schriftstellen aus der jüdischen sg. traditionellen Auslegungsweise, die auf den ein fachen und wirklichen Wortsinn nicht achtete und in ihrer Tendenz, bei halachischen wie hagadischcn Gegenständen eine Anknüpfung an irgend ein Schriftwort zu suchen, hervorgegangen und konnte sich mit ihr decken. Aber es war doch unschwer, die Widersprüche mit anderen Schriftstellen nachzuweisen. Bei vielfachen persönlichen Berührungen mußten hieraus mannichfache Diskussionen und Disputationen entstehen, die einen verschiedenen Ausgang nahmen. Hieraus wieder entstanden, nnd zwar Seitens der Christen, literarische Erzeugnisse, besonders als Dialoge und Disputationen, wie von Justin dem Märtyrer. Jedermann weiß, daß in solchen literarischen Disputationen es dem Autor sehr leicht ist, den Gegner als einen geistesschwachen, nur mit hinfälligen Gründen und Gegengründen ausgerüsteten hinzustellen; der Verfasser läßt ihn reden, was er will und kann sich alsbald einen vollständigen Sieg zuschreiben. Da die christliche Partei immer größer und mächtiger wurde, so sahen sich die jüdischen Lehrer bewogen, ihren Jüngern alle solche Diskussionen zu untersagen. Während wir daher im Talmud eine Zeitlang eine lebhafte Controverse gegen die christologische Auslegung gewahren, bemerken wir später, daß die Juden dergleichen Disputationen vermieden und jener gegenüber Stillschweigen anempfehlen. Von da ab zieht sich nun bis auf den heutigen Tag eine immer von Neuem hervortretende polemische Literatur und das öftere Auftauchen ösientlicher Disputationen zwischen christlichen und jüdischen Gelehrten. Beides findet seinen Platz bereits bei den Kirchenvätern. Die Juden mußten wohl bald die Gefahren bemerken, die für sie mit den öffentlichen Disputationen verbunden waren, da ein völlig freies Auftreten ihrerseits und etwa ein entschiedener Polemik war bedrohlich für sie, und sie lernten sie daher meist mit Stillschweigen ertragen, und so ungeheuer die christliche Polemik gegen das Judenthum und die Juden angeschwollen ist. so ist die Beantwortung derselben seitens der Juden im Berhältniß zu jener durchaus nicht reich und erst in der jüngsten Zeit lebhafter geworden. Können wir hier in die Details dieser polemischen Literatur nicht eingehen, so heben wir als Muster und Vorbild die Schrift des Jehuda Ha-Levi „das Buch Kusari" hervor. Der Veriasier ist etwa 1065 in Castilien geboren, von Lebensberuf ein Arzt. Das Buch geht von der Bekämpfung der Philosophen, des Christenthums, des Islam und der Karäer aus, und enthält dann eine ausführliche Vertheidigung und Darstellung des jüdischen Glaubenssystems und aller dahin einschlagenden Fragen. Fehlt auch dem Verfasser die philosophische Gründlichkeit, so ist doch sein Werk durchaus wissenschaftlich gehalten, zugleich voll tiefer Empfindung und bisweilen mit dichterischem Aufschwung. Musterhaft ist er gerade in der Weise seiner Polemik, und David Cassel konnte in seiner Einleitung zu seiner Ausgabe des Kusari mit vollstem Rechte sagen , S. l-.O „Uebcrhaupt geht durch das ganze Buch jener Geist der Milde und Lieblichkeit, der die Zierde der poetischen Arbeiten Jehuda Ha-Levi's bildet, und verleugnet sich selbst nicht in der Bekämpfung feindlicher Ansichten, gegen welche nie ein eigentlich hartes Wort ausgesprochen wird. Jedem., auch dem Gegner wird sein Recht gelassen und anerkannt, und wenn man die objektive Darstellung der Lehren des Christenthnms nnd des Muhamedanismus aus der Feder dieses Inden belrachter» kann mau den Wunsch nicht unterdrücken, daß in der Polemik gegen das Judcnthum nie ein anderer Ton angestimmt worden wäre; wie das Buch denn auch ein sittliches Muster einer Parleischrifl in seiner Bekämpsung der Karaiten ist." — Der Beispiele hingegen, ivie jüdischen Schriftstellern jede polemische Acußerung geiährlich wurde, giebt es genug, da selbst die Voraussetzung, daß dergleichen vorhanden sei, selbst wo sie nicht nachweisbar, zu schweren Mißhandlungen führte. Wir erinnern an den Prozeß, der gegen den Prager Rabbiner Livmann Heller, den Verfasser der rtrr, auf Tenuneialion in Wien erhoben wurde, weil er gegen das Christenthum geschrieben habeir sollte. Da man hierfür nichts anzuführen vermochte, reduzirte man die Anklage darauf, daß er den Talmud zu sehr verherrlicht habe, und dies, weil mehrere Päpste den Talmud verurtheilt hätten, eine Beleidigung des Christenthums sei!'. Darauf hin wurde er nach längerer Haft zu 10,000 Fl. und dem Verluste seines Rabbinats verurtheilt.,0) Greifen wir auch einige Figuren aus dem Gegenbilde heraus. (Forts, folgt.) 10) Bgl. Jost, Gesch. d. Jud. Bd. lll. T. 243. 27*

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